nationales Selbstbewusstsein

Erinnerung ist notwendig

Im Essay „Schwere Zeiten bedürfen einer präzisen Sprache" wurde Deutschlands Haltung zu Russland und dem Ukraine-Krieg kritisiert. Nicht nationales Selbstbewusstsein, wie vor fast 30 Jahren von Heimo Schwilk und Ulrich Schacht in dem Band "Die selbstbewusste Nation" gefordert, sei nötig, sondern Empathie. Eine Replik.
Verteidigungsministerin Lambrecht in Wunstorf
Foto: Ole Spata (dpa) | Neben einer funktionsfähigen Bundeswehr wurden in "Die selbstbewusste Nation" die meisten Themen bereits behandelt, die auch heute noch Relevanz besitzen: Radikalfeminismus, Migrationspolitik, Europa, ...

Von Heinrich Heine stammt der Satz, für ein Bonmot verrate er sein Vaterland. Dieser Gedanke kam mir, als ich den ersten Absatz des "Einspruchs" von Stefan Meetschen in der Tagespost vom 28.4. las. Es war allerdings kein gutes Wort, das er für die Herausgeber des Bandes "Die selbstbewusste Nation" einlegte in seinem Rundumschlag gegen die "Putin-Versteher". Denn das heutige Selbstbewusstsein der Deutschen sei fehlgeleitet, so der Verfasser, unfähig, der russischen Aggression angemessen entgegenzutreten. Das ist richtig, hat aber nichts mit unserem Buch zu tun.

Denn der von mir und dem inzwischen verstorbenen DDR-Dissidenten Ulrich Schacht 1994 herausgegebene Sammelband forderte ja gerade dies: die Anerkennung der neuen Lage nach der Wiedervereinigung mit allen Schlussfolgerungen für die Bundeswehr und ihrer Verantwortlichkeit in der Nato, das Abräumen von Lebenslügen, die bekanntlich in der Wende sämtlich auf den Prüfstand kamen. Dass diese Anerkennung ausblieb, der deutsche Beitrag zum Etat der Nato nicht vereinbarungsgemäß erhöht und die Wehrpflicht unter einer christdemokratischen Kanzlerin kassiert wurde, ist nicht den Autoren des Buches, sondern der bundesdeutschen Politik anzulasten.

„Was bei Putins Anhängern – hierzulande und in Russland,
wo angeblich 80 Prozent der Bevölkerung den Krieg unterstützen – entsetzt,
ist das Fehlen jedweden Mitgefühls für die Opfer der russischen Gewaltpolitik,
ob in Tschetschenien, Georgien, Syrien oder nun in der Ukraine“

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Selbstbewusstsein hat, wie die Herausgeber es verstehen, nichts mit national aufgeblasenen Backen zu tun. Im Gegenteil. Selbstbewusstsein wird schon im Vorwort als kritisches Bewusstsein vom eigenen Selbst definiert: "Selbstbewusstsein formiert sich nicht gegen andere, sondern formt sich auf sich selbst hin. Ohne Selbstvertrauen jedoch ist solch ein Prozess nicht wirklich möglich. Das deutsche Selbstvertrauen aber ist gebrochen. Dafür gibt es bösen Grund. Jedes Nachdenken über deutsche Identität muss sich dieses bösen Grundes – als Konsequenz temporärer, nicht dauernder deutscher Selbstverfehlung – bewusst sein." Es geht im Buch also um die mentalen, kulturellen und politischen Verhältnisse und, ja, auch um Verbrechen, welche die Deutschen in ihrer Geschichte geprägt haben   und um deren fatale Instrumentalisierung heute. Das "Anbräunen" ist zum Instrument der Politik geworden.

Natürlich hat dieses Selbstbewusstsein, das der Titel programmatisch fordert, eine doppelte Konnotation: Erst eine sich und ihrer Herkunft bewusste Nation kann sich in die Völkerfamilie mit einem gesunden Selbstbewusstsein einordnen, das die eigenen Leistungen und Möglichkeiten einzuschätzen weiß, ohne überheblich zu sein. Diese Botschaft des Buches wurde im Ausland sofort begrüßt – allerdings nicht im deutschen Blätterwald. Der Spiegel schrieb, es handle sich bei dem Buch, das auch den legendären Essay "Anschwellender Bocksgesang" von Botho Strauß wiederabdruckte, um "eine Flut bräunlicher Prosa".

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Ein zeitlos aktuelles Buch

Kein einziges Zitat aus dem Buch gab das her, es wurde einfach dreist behauptet. Dieselben Leute, die vor dem Fall der Mauer jedes Nachdenken über die deutsche Teilung als Geschichtsrevisionismus niedergemacht und Autoren wie Martin Walser und Botho Strauß als kalte Krieger geschmäht hatten, drehten jetzt den Spieß um und erklärten all jene, die das wiedervereinte Deutschland begrüßten und einen Verantwortungspatriotismus forderten, zu "Nationalisten".
Dieses Rollback, mit dem das eigene Versagen vor 1989 verschleiert werden sollte, war überhaupt der Anlass, den Band "Die selbstbewusste Nation" zu publizieren.

Denn Ulrich Schacht und ich als Herausgeber hatten als Redakteure der Welt und der Welt am Sonntag im Jahrzehnt vor der Wende unermüdlich die deutsche Frage wachgehalten, Kontakte zu jüngeren, systemkritischen Autoren in der DDR geknüpft und ihnen eine Bühne in unseren Blättern geboten. Darüber hinaus ist dieses Buch noch heute hochaktuell. Alles, was den gegenwärtigen Diskurs bestimmt, war bereits Thema unseres Sammelbandes, der Autoren von Brigitte Seebacher-Brandt über Rüdiger Safranski und Hans Jürgen Syberberg bis zu Uwe Wolff und Michael Wolffsohn vereinte. Nicht nur eine angemessene Militärpolitik, die heute mit "Sondervermögen" gleichsam über Nacht aufgemöbelt wird, auch der Radikalfeminismus, die Migrationspolitik, Europa, die Kriminalitätsbekämpfung, der Niedergang der Kirchen und die "Wiederkehr des Bösen" waren Themen des Bandes.

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Eine wertefreie Gesellschaft verroht

Es mag naiv gewesen sein, von der Zäsur am 3. Oktober 1990 (und unserer Publikation, die trotz des heftigen Gegenwindes zahlreiche Auflagen erlebte) einen heilsamen Einfluss auf die politische Kultur dieses Landes erwartet zu haben, denn dafür waren die beharrenden Kräfte, deren Illusionismus die Geschichte eben die rote Karte gezeigt hat, zu stark. "Normalisierung" im Sinne einer größeren Realitätsnähe und Verantwortlichkeit hatte keine Chance. Dafür knöpften sich die Medien die Kassandra Botho Strauß und all jene vor, die den Finger in die Wunde legten.

Damals gab es die AfD noch nicht. Diejenigen, die an unserem Buch mitwirkten oder sich mit seinen Befunden und Thesen solidarisierten, kamen aus allen Lagern, die Offenheit war enorm. Dann aber schnappte der medial vermittelte Revisionismus ein   und das linke Rollback, auch angesichts der Anschläge auf Asylanten-Heime, nahm Fahrt auf. Diese Verrohung war im Übrigen der Anstoß für Botho Strauß, sich mit seinem Essay zu Wort zu melden. Wer die Gesellschaft institutionell entkerne, so Strauß  zeitlos richtiger Befund, dürfe sich nicht wundern, dass reines Wirtschaftsdenken, das keine ethische Bildung und Verantwortlichkeit kennt, in der Krise versage.

Nachwirkungen einer materialistischen DDR-Sozialisierung

Botho Strauß, der in seinem Essay "eine "Rechristianisierung unseres modernen egoistischen Heidentums" forderte, stellte alles in Frage, was auch jetzt, durch den russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, zur Disposition steht, "die Verhöhnung des Eros, die Verhöhnung der Soldaten, die Verhöhnung von Kirche, Tradition und Autorität". Man dürfe sich nicht wundern, "wenn die Worte in der Not kein Gewicht mehr haben". Das zielte auf die 68er-Mentalität in der Bundesrepublik. Nun zeigen sich aber immer deutlicher auch Mentalitätshypotheken im Osten.

Dass heute die Linke und Teile der AfD, besonders in den neuen Bundesländern, Putins Machtpolitik gutheißen, hat viel mit der DDR-Sozialisation zu tun. Die SED verteufelte den Klassenfeind, besonders die USA, und rühmte sich der "brüderlichen Freundschaft" mit der Sowjetunion. KGB-Offiziere wie Wladimir Putin waren in der DDR jedoch nicht als Freunde und Aufbauhelfer, sondern als Unterdrückungsagenten eingesetzt, um den Satellitenstaat den Moskauer Direktiven gefügig zu machen. Nun das "geopolitische" Recht Russlands zu beschwören, sich seine Beute, die durch den Zusammenbruch des Sowjetimperiums verloren ging, mit Gewalt zurückzuholen, stellt eine unbegreifliche Verharmlosung der DDR-Vergangenheit dar.

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Putin bombardiert und tötet das „Brudervolk“ 

Überhaupt ist, da stimme ich dem geschätzten Stefan Meetschen vorbehaltlos zu, das Putin-Narrativ in sich unstimmig. Wer sich mit seinem "Brudervolk" vereinigen will, zerbombt nicht dessen Infrastruktur und tötet massenhaft Menschen. Putin befreit die Ukrainer nicht vom "Nazismus", sondern von ihrem Leben. Und wer unablässig von "Umzingelung" schwadroniert, von der Gewalt, die angeblich von der Nato ausgehe, sollte nicht andauernd mit Atomschlägen drohenund Energie als Waffe einsetzen. Die osteuropäischen Staaten haben sich nach 1990 unter das Dach der Nato geflüchtet, um vor dem übermächtigen Nachbarn Russland künftig sicher zu sein. Nicht die Nato, sondern alle diese ehemaligen Zwangsverbündete der Sowjetunion haben die Mitgliedschaft im westlichen Verteidigungsbündnis gefordert! Wer das Gegenteil behauptet, kennt die historischen Tatsachen nicht.

Wladimir Putin hatte 22 Jahre Zeit, aus einem der an Ressourcen reichsten Länder der Welt eine industrielle Macht zu machen. Aber um des persönlichen Machterhalts willen hat er sein Land in einen großen Gulag verwandelt, die politischen Gegner inhaftieren, töten oder vergiften lassen, sämtliche Medien gleichgeschaltet. Echte Marktwirtschaft hatte keine Chance, die oligarchischen Kleptokraten teilten das Volksvermögen unter sich auf. Putin bestimmt, wer an seinem Tisch der Macht sitzt   und in seine Kassen zahlt. Russland ist heute eine lupenreine Diktatur, in der die Geheimdienste und das Militär das Sagen haben   allerdings mit Putins Pistole am Kopf, der seine Generäle nach Bedarf zusammenfaltet wie Schulkinder. Der russische Außenminister Sergej Lawrow ist mit seinen Lügen und Drohungen längst ein Wiedergänger von Saddam Husseins Sprachrohr Tariq Aziz.

Putin-Anhängern fehlt Gespür für die Leider der Opfer seiner Aggression

Was bei Putins Anhängern – hierzulande und in Russland, wo angeblich 80 Prozent der Bevölkerung den Krieg unterstützen – entsetzt, ist das Fehlen jedweden Mitgefühls für die Opfer der russischen Gewaltpolitik, ob in Tschetschenien, Georgien, Syrien oder nun in der Ukraine. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, der Putin die religiösen Stichworte für sein zutiefst unchristliches Handeln liefert, ist ein besonders abschreckendes Beispiel für diese Art von Bigotterie.

Es ist gut, dass die Grünen, vor allem Robert Habeck, sich heute massiv für die Unterstützung der Ukraine, auch durch Waffenhilfe zur Selbstverteidigung, einsetzen. Es sei allerdings, um Stefan Meetschens Lob für den grünen Wirtschaftsminister und die FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann etwas zu relativieren, daran erinnert, dass es gerade die Grünen waren, die den Deutschen jahrzehntelang einredeten, man könne Frieden am besten ohne Waffen schaffen. Und Frau Strack-Zimmermann sagte noch kurz vor Beginn des Krieges, sie lehne Waffenlieferungen an die Ukraine ab. Schließlich: Die schwarz-gelbe Koalition unter der Kanzlerin Angela Merkel schaffte die Wehrpflicht ab! Die FDP hat hier eine zumindest ambivalente Vergangenheit. Zu einem recht verstandenen Selbstbewusstsein gehört aber auch, dass man sich an seine Fehler und Unterlassungen erinnert, bevor man mit viel Empathie einen neuen Kurs wagt, der mit (fast) allem bricht, was in Erz gegossen schien.


Heimo Schwilk ist Mitherausgeber des Bandes "Die selbstbewusste Nation" (Ullstein, 1994)
und Autor einer Reihe von Biografien.
Zuletzt ist von ihm 2021 der erste Band seiner Tagebuch-Edition "Mein abenteuerliches Herz"
im Landtverlag (Manuscriptum) erschienen. Der zweite Band ist in Vorbereitung.

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