Dante-Jahr

Er bereitete dem Italienischen den Weg

Dante Alighieri hat die italienische Sprache geprägt wie kaum ein anderer. Viele Redewendungen aus seiner Literatur sind bis heute in der in der italienischen Alltagssprache zu finden. Das Übersetzungsprojekt „Parole: Dante“ zeigt die Spuren des Dichters auch in der deutschen Sprache.
Dante Alighieri
Foto: Imago / Leemage

Wenn von „Pappenheimern“, dem „Fluch der bösen Tat“ oder den „Brettern, die die Welt bedeuten“ die Rede ist, dann sticht ins Auge, wie sehr Dichter und Dramatiker – in diesem Fall Schiller – ihre Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen haben. Goethes „Faust“ prägte nicht nur das geflügelte Wort vom „Pudels Kern“ oder den Terminus der Gretchenfrage; Goethe selbst sah in der deutschen Sprache den „schlechtesten Stoff“, den er aber „zur Meisterschaft“ gebracht habe. Der Frankfurter Dichter glaubte an die Entwicklungsmöglichkeiten der deutschen Sprache, die er durch sein stetiges Werk bereicherte.

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Im Italienischen stechen zwei Persönlichkeiten hervor: Dante und Alessandro Manzoni. Manzoni gilt zwar als eigentlicher Vollender der modernen italienischen Sprache; doch Dantes großer Schatten wird besonders deutlich, wenn Manzoni seinen wichtigsten Roman – „Die Brautleute“ – später „im Wasser des Arno“ wäscht, um seinen lombardischen Stil an das Toskanische anzulehnen. Dantes Mammutwerk, die „Divina Commedia“, galt jahrhundertelang als Vorbild, das in der Volkssprache geschriebene Epos macht den Florentiner bis heute zum Übervater der italienischen Sprache. Bereits Boccaccio gründete im frühen 14. Jahrhundert als geistiger Nachfolger Dantes die Vorform eines universitären Lehrstuhls, der sich ganz auf die Pflege und Interpretation von Dantes „Göttlicher Komödie“ konzentrierte. Damit wurde nicht nur der Inhalt, sondern auch die Sprache Dantes tradiert und verinnerlicht.

„ Welchen Einfluss diese „Dantismen“ bis heute haben,
zeigen bereits einige geflügelte Worte der italienischen Sprache“

Mit dem Übersetzungsprojekt „Parole: Dante“ startet das Europäische Laboratorium den Versuch, Dantes Sprache und insbesondere Worte dem deutschen Publikum näher zu bringen. Dabei sollen nicht nur die in einem digitalen Arbeitsprozess und anschließendem Workshop erstellten Übersetzungen im August präsentiert, sondern auch die „Spuren Dantes“ in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts aufgezeigt werden. Zu diesen Autoren zählen laut Projekt Theresia Prammer, Franz Josef Czernin, Norbert Hummelt, Ossip Mandelstam (Gespräch über Dante), Peter Weiss (Inferno), Durs Grünbein, Werner Fritsch (Faust Sonnengesang I), Sybille Lewitscharoff (Das Pfingstwunder) und Peter Waterhouse. Kooperationspartner sind das Übersetzerkollektiv Versatorium sowie die deutsch-italienische Kultureinrichtung ACIT „Grimm“ Foggia (Associazione Culturale Italo-Tedesca). Das italienische Nationalkomitee zur Feier des Dante-Jahrs 2021 sowie die deutsche Botschaft in Rom haben die Schirmherrschaft übernommen. Insgesamt sollen 25 „Parole“ übersetzt werden.

Das Projekt orientiert sich an den „Parole di Dante“, die im Dante-Jahr täglich von der Accademia della Crusca – der italienischen Sprachgesellschaft – vorgestellt, vertieft und im Internet geteilt werden. Welchen Einfluss diese „Dantismen“ bis heute haben, zeigen bereits einige geflügelte Worte der italienischen Sprache; wenn etwas „Arterien und Venen zittern“ lässt (fa tremar le vene e i polsi), dann ist dies eine Übernahme aus dem ersten Gesang, in dem Dante in Todesangst vor den drei Tieren flieht und bei Vergil Schutz sucht. Aus dem dritten Gesang stammen gleich mehrere Bonmots: das berühmte „Lasciate ogne speranza“ (Lasst alle Hoffnung fahren) hat heute selbst im Deutschen Bekanntheit erfahren.

Laue Geister sind auch in der Hölle nicht willkommen

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Anders sieht es mit dem Vorwurf aus, „ohne Schande und ohne Lob“ zu sein (sanza 'nfamia e sanza lodo). Dante verwendet diese Schmähung für jene Seelen, die ihr Leben lang sich weder zum Bösen noch zum Guten bekennen wollen, und als laue Geister selbst dem Teufel missfallen. Sie werden von Insekten in einem Trakt vor der eigentlichen Hölle gepiesackt; ihr berühmtester Vertreter ist der Papst Coelestin V., der 1294 abdankte. Ebenfalls auf diese Stelle bezogen ist der Ausspruch „non ragioniam di lor, ma guarda e passa“ (Wir kümmern uns nicht um sie, sondern schauen und gehen weiter), dem die deutsche Wendung, jemanden „nicht einmal zu ignorieren“, am ehesten entspricht. Dass etwas „notizwürdig“ sei (degno di nota) verwendet Dante figurativ als erster in der italienischen Sprache.

84 Neologismen haben über Dantes „Divina Commedia“ Eingang in die italienische Sprache gefunden, darunter etwa das Wort „bolgia“ für die Höllengräben; der achte Höllenkreis trägt mit Malebolge exakt diesen Namen. Im Italienischen besteht die Wendung, dass ein Ort eine „bolgia“ sei, heißt, ein Ort, an dem sprichwörtlich „die Hölle los“ ist. Das Wort ist gallischen Ursprungs (bulgia, Sack) und wanderte über das Französische (bouge, Tasche) um 1300 in die toskanischen Dialekte. Für seine Zeitgenossen bemühte Dante das Bild geöffneter Taschen oder Koffer, um damit die Höllengräben plastisch zu beschreiben. Und obwohl Dante vor allem als Wegbereiter des Italienischen angesehen wird, der jener verpönten Sprache zum Durchbruch verhalf, die man bis dato nur als „volgare“ bezeichnete, so hat gerade dieser Poet der Wiederbelebung lateinischer Wörter Vorschub geleistet, die aus der gesprochenen Sprache längst verschwunden waren.

Lateinische Begriffe fürs Volk verfügbar gemacht

 

Ein Beispiel für diese Latinismen ist das Wort „mesto“ für wehmütig oder traurig, das vom Lateinischen „maestus“ abstammt. Ähnlich verhält es sich mit dem Verb „magnificare“, das unverändert übernommen wurde und als gesungenes Lob über das gesprochene Lob hinausragt, oder dem Adjektiv „risibile“ (lächerlich). In eine ähnliche Kategorie gehören Worte, die aus dem Lateinischen stammen und vulgarisiert überlebt haben, weil Dante sie verwendet hat. Dazu zählt etwa das Wort „scialba“ (blass, fahl) oder „scialbare“ (erblassen) aus dem Lateinischen „exalbare“ (eigentlich: weiß verputzen).

So erhaben geht es freilich nicht immer zu. Dass auch der Schimmel (muffa) und der Darmkanal (alvo) über Dante ihren Weg in die italienische Sprache fanden, gehört zu den weniger kommunizierten Kapiteln der Danteforschung, zählt aber ebenso zum Erbe des sommo poeta.

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