Ungeschminkt

„Elder Statesman“ mit Niveau gesucht

Politiker können ein Problem sein. Emeritierte Würdenträger auch. Warum haben wir als Deutsche derzeit kein Glück mit den grauen Eminenzen?
Gerhard Schröder (SPD), ehemaliger Bundeskanzler und jetziger Leiter Verwaltungsrat Nord Stream 2
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Manchen wünscht man, bei ihnen möge sich doch wenigstens die Weisheit des Alters zeigen. Gerhard Schröder (SPD), ehemaliger Bundeskanzler und jetziger Leiter Verwaltungsrat Nord Stream 2, ist wegen seiner engen ...

Der perfekte abgetretene Politiker mit angegrauten Schläfen lässt sich Orden und Ehrendoktorwürden verleihen, hält sich aus dem Tagesgeschäft heraus, überrascht mit schrägen Hobbys, züchtet Rosen, schreibt Bestseller und plaudert hie und da Anekdoten aus der aufregenden Laufbahn aus.

Gerade ist nun die ewige Kanzlerin Merkel als „Elder Stateswoman“ offensichtlich zu einer Tour de Charme aufgebrochen, gibt erste Interviews und in Ermangelung externer Würdigungen erledigt sie den Job gern selbst in einer Art Selbstbeweihräucherung, zu der nur wohlgesonnene Journalisten eine Audienz erhalten. Nicht, dass da böse Fragen aufkommen, Schuldzuweisungen oder auch mal Kritik. Und so flötete sie erst kürzlich im Berliner Ensemble mit einem unterwürfigen Sparringspartner vom „Spiegel“ auf der Bühne und erfrischte die Fangemeinde mit neuen Lesegewohnheiten, biederen Reisewünschen und natürlich habe sie sich politisch nichts vorzuwerfen. Wie schön! Das mit Nord Stream 2 war eben wegen der billigeren Preise und die Grenzöffnung 2015 eine Verpflichtung des heiligen „C“ im Parteinamen. Die Gemeinde nickt andächtig.

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„Muttis“ Erbe? Ein Desaster!

„Jetzt bin ich frei“ frohlockt also eine gelöste Angela Merkel im Interview und spontan entfuhr mir der Gedanke: Ja, wir auch von dir. Die „Raute“, die „Mutti“, sie ist in den Ruhestand gegangen und bis heute wagt niemand aus ihrer eigenen Partei das Desaster, das sie hinterließ, beim Namen zu nennen. Während noch vor einem Jahr jedes Friseurblatt sich zu ihrem Abschied mit Lobhudeleien à la „Wir werden sie noch vermissen“ ergoss, wird die Bilanz der ersten Dame im Bundeskanzleramt jetzt doch deutlicher sichtbar. Ein Land in der Energiekrise und mit gescheiterter Integrationspolitik, eine Partei in Scherben, ein Krieg mitten in Europa ermöglicht auch durch jahrelange Naivität ihrer eigenen Regierung gegenüber Putin.

Wir haben als Deutsche nicht nur Glück mit den grauen Eminenzen. Den Altkanzler Schröder will selbst die eigene Partei möglichst aus den Annalen tilgen, leider betreibt seine sechste Frau aber einen Instagram-Kanal. Andere Politiker würde man gerne zum Rosenzüchten in die Freiheit entlassen, sie sind fatalerweise aber trotz grauer Schläfen immer noch im Amt. Bundeskanzler Olaf Scholz hat noch kein Jahr hinter sich und bereits den ersten Titel als „Scholzomat“ für seine hölzerne Wortkargheit errungen.

„Frank-Walter Steinmeier wiederum gehört zu jenen Bundespräsidenten,
bei denen man eher froh wäre, wenn er nichts sagt
und einfach nur mechanisch mit dem Arm winkt,
was man mit einem hübschen Pappkameraden
für den Steuerzahler aber deutlich günstiger bekäme“

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Claudia Roth stolpert durch die Kunstszene und hofiert allerlei Antisemiten aus dem Nahen Osten. Frank-Walter Steinmeier wiederum gehört zu jenen Bundespräsidenten, bei denen man eher froh wäre, wenn er nichts sagt und einfach nur mechanisch mit dem Arm winkt, was man mit einem hübschen Pappkameraden für den Steuerzahler aber deutlich günstiger bekäme. Gerade hat er dem verstörten Publikum auf der Documenta in Kassel erklärt, warum auch das antisemitische Künstlerkollektiv, das die Schau ausrichtet, im Sinne von Beuys ja auch irgendwie Kunst sei und selbst die Ukrainer wollten ihn als langjährigen Russenfreund nicht im Kriegsgebiet sehen.

Hätte man meine verstorbene Oma gefragt, dann wäre jemand wie Steinmeier aber ein „stattlicher Mann“. Für die in den 20er Jahren geborenen Damen war das noch ein ordentliches Kompliment. Der Typus volles weißes Haar im Anzug gilt nicht erst seit der Winfried-Kretschmanntisierung in Baden-Württemberg als Sympathieträger für jene, die nicht mehr als einen freundlichen Grüß-Gott-Onkel in der Politik erwarten.

Benedikt XVI weiß, wie man in Würde geht

Es müsste so etwas wie eine Emeritus-Knigge geben, um politische Haudegen auf den Ruhestand vorzubereiten, vielleicht könnte Papst Benedikt der XVI. hier hilfreich sein – wenigstens ein Deutscher, der weiß, wann und wie man in Würde geht.

Und dann fand ich doch noch einen „Elder Statesman“, der seinen Job sogar besser macht als zu den eigenen Amtszeiten: Barack Obama. In den Medien sieht man nur noch die Frau und die hübschen Töchter und er selbst erfreute seine Gefolgschaft mit einem gemeinsamen Bildband mit Rocklegende Bruce Springsteen, in dem die ewigen junggebliebenen Herren entspannt über das Leben, die Musik, den amerikanischen Traum und die Liebe plaudern. Na, geht doch!

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