Eingeständnis erwünscht

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen)
Foto: dpa | Klare Worte: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), links neben dem Abgeordneten Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen), hat in der vergangenen Woche die hysterischen Reaktionen auf die verabschiedete ...

Die Armenien–Resolution des Deutschen Bundestages hat auf der türkischen Seite zu hysterischen Reaktionen geführt.

Dokumente aus den Archiven beweisen, dass es ein Völkermord war Von Michael Hesemann

Am Donnerstag, dem 2. Juni 2016, haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestages mit nur einer Gegenstimme eine Resolution angenommen, in der die Massaker und Vertreibungen der Armenier im Ersten Weltkrieg als „Völkermord“ anerkannt wurden. Zudem stellte sie die historische Verantwortung des deutschen Volkes fest, dessen Regierung durch die Berichte deutscher Diplomaten und Militärs bestens über die schrecklichen Ereignisse vor 101 Jahren informiert waren; schließlich war das Osmanische Reich Deutschlands Waffenbruder und wichtigster Verbündeter.

Auf die Verabschiedung der Resolution folgte erwartungsgemäß eine heftige Gegenreaktion aus Ankara. Türkische Zeitungen sprachen von einer „Schande“ und zeigten ausgerechnet Bundeskanzlerin Angela Merkel, die der Abstimmung ferngeblieben war, in Nazi-Uniform. Demonstranten versammelten sich vor der Deutschen Botschaft, warfen Eier. Türkische Politiker übertrafen sich an wüsten Beschimpfungen, während Staatspräsident Erdogan lamentierte, Merkel habe ihm doch versprochen, diese Resolution zu stoppen. Den türkischstämmigen Abgeordneten sprach er ab, Türken zu sein: „Ihr Blut muss durch einen Labortest untersucht werden.“ Seitdem nehmen die Drohungen gegen sie im Internet, aber auch die Anpöbeleien auf offener Straße zu; manche wagen sich nicht mehr mit ihren Kindern auf die Straße. Sollten sie ihr Heimatland besuchen, droht ihnen Verhaftung, Verurteilung wegen Terrorismus und „Beleidigung der türkischen Nation“. Grund genug für Bundestagspräsident Norbert Lammert, die hysterische Reaktion der Türken am vergangenen Freitag im Bundestag heftig zu verurteilen. Der türkische Islamverband DITIB reagierte prompt mit der Ausladung des CDU-Spitzenpolitikers, der zum Ramadan eine Moschee besuchen wollte.

Tatsächlich war es nur der Beharrlichkeit des Grünen Cem Özdemir zu verdanken, dass die Resolution es doch noch auf die Tagesordnung des deutschen Parlamentes geschafft hatte. Erst im Februar gab ihm der CDU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder nach eingehender Auseinandersetzung mit dem Thema dazu seinen Handschlag. Jetzt spricht Özdemir angesichts der Reaktionen seiner Landsleute von einer „türkischen Pegida“.

Nach wie vor bestreitet die Türkei vehement, dass es sich um einen Völkermord gehandelt habe, spricht lediglich von einer „kriegsnotwendigen Umsiedelung“ der Armenier und fordert eine „unabhängige Historikerkommission“ zur Klärung der Vorwürfe. Dabei besteht unter neutralen Historikern wenig Zweifel, dass 1, 5 Millionen Armenier tatsächlich einem geplanten Völkermord zum Opfer fielen. Ich selbst habe drei Jahre lang in vatikanischen Archiven über 2 000 Dokumente zu den Ereignissen im Osmanischen Reich ausgewertet und sie vor einem Jahr in meinem Buch „Völkermord an den Armeniern“ (Herbig-Verlag) veröffentlicht.

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass eine gewaltsame „Lösung der Armenierfrage“ schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs geplant wurde. Der Krieg bot offensichtlich nur den willkommenen und vielleicht lange gesuchten Vorwand für die Durchführung der geplanten Maßnahme. Dahinter stand die Ideologie der „Jungtürken“, deren radikaler Flügel sich 1913 erneut an die Macht geputscht hatte und die man getrost als „Protofaschismus“ bezeichnen kann. Sie wollten den kriselnden osmanischen Vielvölkerstaat in einen ethnisch und religiös homogenen Nationalstaat, eine „Türkei der Türken“, verwandeln. Für ethnische und religiöse Minderheiten war in dieser Vision kein Platz.

Tatsächlich schreibt der türkische Historiker Taner Agcam, dass schon im Juli 1910 auf der Versammlung der Ittihat-Spitze in Thessaloniki als „Alternative die Deportation christlicher Bewohner (…) oder ein gewaltsames Vorgehen“ diskutiert wurde. Die Türkei sollte „ein wesentlich muhammedanisches Land sein“, zitierte der deutsche Armenienkenner Johannes Lepsius den Beschluss. Anatolien sollte „homogenisiert“ werden, ließ der Parteifunktionär Nefis Bey im Dezember 1914 den Schweizer Missionar Jakob Künzler wissen von einem solchen Plan. Der Krieg sollte dabei als Vorwand für eine „allgemeine und endgültige Säuberung“ dienen, um „das armenische Volk vollständig auszurotten“, wie Nazim Bey, Generalsekretär der jungtürkischen Partei „Ittihat“, laut dem Provinzgouverneur Sahit Bay die Entscheidung begründete. Das berichtete der deutsche Konsul Paul Schwarz im März 1915 dem Auswärtigen Amt in Berlin. „Dass hier eine Programm zur Vernichtung einer Rasse unter dem Vorwand, es seien Maßnahmen gegen eine Rebellion, im Gange ist“, telegraphierte auch US-Botschafter Henry Morgenthau am 16. Juli 1915 nach Washington. Der türkische Innenminister Talaat Bey informierte den deutschen Generalkonsul Johann Mordtmann zeitgleich „ohne Rückhalt über die Absichten der Regierung, die den Weltkrieg dazu benutze, um mit ihren inneren Feinden – den einheimischen Christen aller Konfessionen – gründlich aufzuräumen, ohne durch diplomatische Interventionen des Auslandes gestört zu werden“, wie es in seinem Bericht im Archiv des Auswärtigen Amtes (AA) heißt.

Diese Einschätzung zieht sich auch wie ein roter Faden durch die vatikanischen Dokumente. „,Armenien ohne Armenier‘ – das ist der Plan der osmanischen Regierung“, berichtete der Generalabt des Mechitaristenordens, Monsignore Ghiurekian, Papst Benedikt XV. am 30. Juli 1915. Vom „Werk der Jungtürken, ermutigt durch die Unterstützung der Deutschen“ spricht der armenisch-katholische Erzbischof von Chalcedon, Peter Kojunian, in seinem Schreiben an Papst Benedikt XV. vom 3. September 1915: „Zu den Schrecken des derzeitigen Krieges, die das väterliche Herz Eurer Heiligkeit erschüttern, gehört nicht zuletzt das Massaker an den Armeniern der Türkei, das von der türkischen Regierung angeordnet und zum größten Teil bereits ausgeführt wurde. (…) (Es ist) eine systematische Vernichtung der Armenier in der Türkei.“

Der Superior des Kapuzinerordens in Erzurum, der österreichische Pater Norbert Hofer, schrieb im Oktober 1915 an den Vatikan: „Die Bestrafung der armenischen Nation (für angebliche Aufstände, d.Verf.) ist bloß ein Vorwand der freimaurerischen türkischen Regierung, um alle christlichen Elemente im Land ungestraft vernichten zu können.“ Und sein Landsmann und Ordensbruder, der österreichische Kapuzinermissionar Michael Liebl, brachte in Samsun in Erfahrung: „Nicht die Armenier, die Christen wurden (zum Tode) verurteilt auf einer geheimen Konferenz der Jungtürken vor 5 oder 6 Jahren in Thessaloniki.“ Noch am 18. Juni 1916 sprach der armenisch-katholische Patriarch von einem „Projekt zur Vernichtung des armenischen Volkes in der Türkei (…) Es ist sicher, dass die osmanische Regierung beschlossen hat, das Christentum aus der Türkei zu beseitigen, bevor der Weltkrieg zu Ende geht. Und das alles geschieht im Angesicht der christlichen Welt.“

Trotz dieser eindeutigen Quellenlage ist in türkischen Berichten noch heute lediglich von einer „kriegsbedingten Umsiedelung“ der Armenier die Rede. Das steht in völligem Widerspruch zu den historischen Fakten, wie sie auch durch die Dokumente aus dem Vatikanarchiv ersichtlich werden. Diese oft detailreichen Augenzeugenberichte lassen keinen Zweifel daran, dass es den Türken nicht um die möglichst reibungslose Umsiedelung eines Teiles der Bevölkerung aus der Kampfzone, sondern um deren Vernichtung ging.

Die Deportationen begannen fast immer mit der Durchsuchung armenischer Häuser nach Waffen, um einen Vorwand für die Abschiebung zu haben. Danach verhaftete man zunächst alle Notablen, dann die übrigen armenischen Männer zwischen 16 und 70 meist unter einem Vorwand, um sie meist vor die Städte und Dörfer zu führen und dort zu erschießen oder zu erschlagen. Andere wurden zu Zwangsarbeiten herangezogen. Kinder, Frauen und Alte hatten nur eine Chance, nämlich die, zum Islam zu konvertieren; dann wurden sie in türkische Familien gegeben. Alle anderen wurden auf einen oft wochenlangen Fußmarsch durch das Bergland geschickt. Das wenige, was sie mitnehmen durften, wurde ihnen bei Überfällen genommen, während Frauen vergewaltigt und oft in die Sklaverei verkauft wurden. Dabei bot die „Polizeieskorte“ der Züge keinen Schutz, sondern beteiligte sich an den Ausschreitungen. Zudem wurde den Deportierten Wasser, Brot und Unterkunft verweigert.

Wer nicht auf dem Weg an den grassierenden Seuchen erkrankte oder an Hunger und Erschöpfung starb, erreichte sein Ziel, die syrische Wüste, oft genug nackt, ausgezehrt und von der Sonne verbrannt. Dort wurde zunächst auf die natürliche Dezimierung durch Hunger und Seuchen gehofft, dann fanden weitere Massaker oder Todesmärsche in die Wüste statt. Maximal drei Prozent der Deportierten überlebten das folgende Jahr (1916). Angesichts dieser Tatsachen ist es geradezu perfide, wenn türkische Geschichtsbücher auch heute noch von einer „erfolgreichen, sicheren Überführung“ zu sprechen, obwohl die Sterbequote bei 97 Prozent lag.

Die Zahl der Opfer wird in den vatikanischen Dokumenten auf über eine Million geschätzt. Ein Bericht des armenisch-katholischen Patriarchats, der im Februar 1916 verfasst wurde, erwähnt bereits „beinahe 1 000 000“ Opfer, wohlbemerkt noch vor den Massakern in der syrischen Wüste. Der Delegat des Papstes in Konstantinopel, Monsignore Angelo Dolci, dagegen ging bereits am 20. Dezember 1915 von 1, 1 Millionen Toten aus, während der Kapuzinerpater Michael Liebl am 30. September 1917, also nach den Massakern, konstatierte: „Von den 2, 3 Millionen in der Türkei wohnenden Armeniern sind ein und eine halbe Million von den Türken ausgerottet worden.“ Von 1, 5 Millionen Toten geht heute auch die seriöse Armenozid-Forschung aus.

Die Resolution 180 der UN-Vollversammlung vom 21. November 1947 definiert Völkermord in Artikel II als „eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören: a) das Töten von Angehörigen der Gruppe

b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe

c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen

d) die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung

e) die zwangsweise Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe“.

War es also ein Völkermord, was sich 1915–16 im Osmanischen Reich abspielte? Die Dokumente aus dem Vatikanarchiv lassen keinen Zweifel daran, dass der Armenozid nahezu alle Kriterien erfüllt, die von den Vereinten Nationen definiert worden sind. Schon deshalb war es historisch korrekt, diesen Begriff in der Bundestagsresolution zu benutzen. Der Vorwurf der Türkei, hier handle es sich um eine einseitige Verurteilung, ist nicht nachvollziehbar; die Resolution befasst sich fast ausschließlich mit der deutschen Mitverantwortung als Mitwisser und Augenzeuge, nicht mit der Schuld der Türken. Immerhin hatte Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg 1916 sogar den deutschen Botschafter Graf Metternich aus Konstantinopel abgezogen, als dieser zu laut gegen den Völkermord protestierte. Seine Erklärung, „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht“, ist in ihrem Zynismus nicht mehr zu übertreffen. Zwei Jahre später, als den Armeniern eine zweite Welle der genozidalen Vernichtung drohte, schrieb der Kölner Erzbischof Felix Kardinal von Hartmann an Reichskanzler Graf Hertling: „Schon bei der Verfolgung der Armenier im Jahre 1915, die an Grausamkeit den Christenverfolgungen der ersten christlichen Jahrhunderte nicht nachsteht, wurde vielfach die Meinung laut, dass die Deutsche Regierung und besonders die deutschen Katholiken für diese Gräuel vor Gott und der Geschichte mit verantwortlich gemacht werden würden, wenn sie nicht alles aufböten, um nach Kräften diese Ausschreitungen zu verhindern.“

Nicht zuletzt betont die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages die Hoffnung auf eine Versöhnung der Nachkommen von Tätern und Opfern. Die Grundvoraussetzung dafür aber kann nur das Eingeständnis der im Namen der Türkei begangenen Verbrechen sein. So ist zu hoffen, dass eine erneute öffentliche Diskussion der Ereignisse von 1915/16 zumindest in Teilen der türkischen Bevölkerung zu einer neuen und endlich auch selbstkritischen Auseinandersetzung mit diesem dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte führt.

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