Eine starke Einheit von Kultur und Sprache

Josef Kraus und Walter Krämer geben Perlen deutscher Sprache mit Erklärungen. Von Alexander Riebel
Günter de Bruyn
Foto: dpa | Für den katholischen Schriftsteller Günter de Bruyn ist die Sprache kulturschöpfend.

Es ist hierzulande beliebt geworden, das Eigene zu verleugnen. Identität ist nicht mehr gefragt, und in diesem postmodernen Relativismus, der nur noch den Vorrang des Anderen und Fremden vor dem Eigenen anerkennt, bereitet das Buch von Josef Kraus und Walter Krämer wahrhaft „Sternstunden“. Denn in „Große Texte deutscher Sprache“ zeigen sie, wie leicht man sich einem Schatz der Dichtung und des Wissens nähern kann, den viele gar nicht mehr wahrhaben wollen.

Der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbands war schon Autor von Büchern wie „Helikoptereltern“ oder „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“, sowie über 20 Jahre lang Chef eines Gymnasiums; Walter Krämer ist Professor an der TU Dortmund, Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Gründer sowie Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache.

Den beiden Herausgebern sind nicht nur die Klassiker der Literatur wichtig. Auch ganz andere Gattungen deutscher Sprache sind aufgeführt, wie etwa der ehemalige Göttinger Mathematiker David Hilbert, der in Paris 1900 auf dem Internationalen Mathematikerkongress eine für die Mathematik wichtige Rede hielt und dabei noch offene Probleme seiner Wissenschaft ansprach – drei davon sind bis heute nicht gelöst. Eine weitere Überraschung unter den Meisterwerken der Sprache ist Otto von Bismarcks „Emser Depesche“, die immerhin den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ausgelöst hatte. Und liegt nicht in Ringelnatz' „hopsendem Mops“ eine Trotzreaktion auf den Ersten Weltkrieg, fragen die Herausgeber. Auch ein Ausschnitt aus der Rede Helmut Kohls vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche 1989 hat in das Buch gefunden, weil hier wesentliche Weichen gestellt worden seien. Am Anfang aber steht der älteste dichterische Text der deutschen Sprache: das Gedicht mit der Bezeichnung „Wessobrunner Gebet“ aus dem Kloster Wessobrunn. Der Autor war um 790 de poeta, ein Poet, wie es über dem Gedicht heißt. Beim Blättern wird sogleich deutlich, dass es sich bei dem Buch nicht um eine Textsammlung handelt, sondern vorrangig um die Erklärung und Einordnung der zitierten Textauszüge durch Experten. Das erhöht den Wert des Bandes wesentlich, weil man einfach besser versteht, was man da liest. So nehme der Poet des Wessobrunner Gedichts zwar germanische Hilfsmittel bei der Beschreibung der Entstehung der Welt zur Hilfe: „Das Ganze aber wird christlich gewendet: Vor allem gab es den einen, allmächtigen Gott (den Schöpfer).“ Immerhin hat das Gebet Einfluss bis in die jüngste Zeit – Musiker wie Max Bruch oder Carl Orff haben es vertont.

Der Aufklärer Lessing hatte in seiner Hamburgischen Dramaturgie geschrieben, jeder kennt Klopstock, aber ihn lesen? Unter der Überschrift „Religiöse Inbrunst in Hexametern“ lässt sich nun der Anfang des epischen Gedichts „Messias“ nachlesen, das nach 20 000 Versen endet. Der Pietist aus Quedlinburg ließ sich von Dantes „Göttlicher Komödie“ inspirieren oder von Miltons „Paradise Lost“. Aber auch wenn Klopstock schon seine Zeitgenossen überfordert hatte, schuf er um 1750 doch eine literarische Revolution: „In seinem heiligen Ernst und in seinem hohen Ton bedeutete ein Werk wie der Messias nichts weniger als den größten denkbaren Bruch mit dem bis weit in die 60er Jahre des 18. Jahrhunderts herrschenden französischen Geschmack, dem bekanntlich Friedrich II. und auch noch der junge Goethe bis an die Schwelle der 70er Jahre huldigte.“ Natürlich spielt auch die Pädagogik eine Rolle; Josef Kraus hat sich selbst mit dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel beschäftigt und dessen Gymnasialreden von 1809 bis 1815. Immerhin nennt Hegel als Gegenstände des Unterrichts an erster Stelle den Religionsunterricht. Für wichtig hält Kraus auch das Zitat gegen das Nützlichkeitsdenken im Unterricht, was gerade heute eine zunehmende Rolle spielt: „Nicht jeder sogenannte nützliche Stoff, jede sinnliche Materiatur, wie sie unmittelbar in die Vorstellungswelt des Kindes fällt, nur der geistige Inhalt, welcher Wert und Interesse in und für sich selbst hat, stärkt die Seele und verschafft diesen unabhängigen Halt.“ Bildung geschieht als „Aneignung von Welt jenseits des Nutzens beruflicher und ökonomischer Praxis“. Kraus weist auf den „messbaren (Pisa-)Erfolg“ hin, der sich heute am praktischen sowie politischen Nutzen messen lassen soll. Im Sinne von Kraus ist auch Hegels Ablehnung der spielenden Pädagogik, die nach Hegel eine „völlige Verkehrtheit“ sei, wonach dann das Kind „alles mit verächtlichem Sinne betrachtet“. Ebenso sei das „Zurück zur Natur“ abzulehnen, weil Bildung nicht natur-, sondern kulturgemäß zu sein habe und „weil es nicht gelingen kann, den Menschen den Gesetzen der Welt zu entfremden“. An solchen Texten lässt sich leicht die große Bedeutung unserer Klassiker ablesen.

Das gilt ebenso für den Beitrag über den Schriftsteller Reinhold Schneider, „Sprecher des abendländischen Gewissens“, der in seiner Erzählung über Las Casas aus der Konquistadorenzeit über Kolonialpolitik und die mögliche persönliche Umkehr schreibt. Als „exemplarische deutsche Schriftstellerbiografie“ gilt den Herausgebern „Vierzig Jahre. ein Lebensbericht“ von Günter de Bruyn. Ein Lehrstück des Katholiken aus der Zeit der DDR-Diktatur, wo sein Schreiben im Zeichen des Konjunktivs stand: „Meiner Mutter war es gegeben, sich im Unglück immer noch ein größeres vorstellen zu können, bei Beinbrüchen also an die Möglichkeit von Genickbrüchen zu denken oder Hungerzeiten mit noch quälenderen Durststrecken zu vergleichen, um so immer Grund zu der Feststellung zu haben: Schlimmer kommen können hätte es auch.“ Über de Bruyn heißt es dann abschließend, im Sinne der großen Tradition deutscher Sprache: „Mit seiner Biografie und seinem Lebenswerk ist er das beste Beispiel dafür, dass die sprachlich-kulturelle Einheit der Nation ein stärkeres und belastbareres Band darstellt als jede Ideologie. Die These der zwei Kulturen hat dieser Autor nicht nur jahrzehntelang bekämpft, sondern auch durchs eigene Werk, durchs eigene Vorbild, durch die eigene Sprache widerlegt.“

Josef Kraus/Walter Krämer: Sternstunden. Große Texte deutscher Sprache. IFB Verlag Deutsche Sprache, 466 Seiten, ISBN-13: 978-394240-974-2, EUR 24,90

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