Europäische Spaziergänge

Eine Reise auf den Spuren von Ramón Llull in Palma de Mallorca

Den mallorquinischen Gelehrten Ramón Llull zog es von Palma auf Missionsreisen.
Eine Statue erinnert an der Strandpromenade an den seligen Ramón Llull.
Foto: reg | Seliger Herzensbrecher: Eine Statue erinnert an der Strandpromenade an den seligen Ramón Llull.

Im Gewirr der Gässchen und Plätze bewahrt Palma de Mallorcas mittelalterlicher Stadtkern den multikulturellen Fingerabdruck von Generationen. Das Auge schweift über christliche Kirchen und arabische Bäder. In der Straße „Calle Sol“ markiert ein messingfarbener Stolperstein die Stelle, an der einst das Tor ins Judenviertel führte. Frommen Juden verdankt das Museum für Sakralkunst im Bischofspalast ein Juwel: Rimonims, reich verzierte silberne Aufsätze für Torahrollen. Sie gehören zum Kathedralschatz und sind dem Vernehmen nach im Goldenen Zeitalter sogar in der christlichen Liturgie verwendet worden.

Der Weg zur Kathedrale führt über Palmas Aussichtsterrasse, den Carrer del Mirador mit Meerblick. Hier ist niemand allein. Unter dem Schutz Mariens, der die Kathedrale La Seo geweiht ist, beginnen hier seit Jahrhunderten Seereisen. Nur wenige Treppenstufen entfernt erinnert eine Statue des seligen Ramón Llull (1232–1316) an der Strandpromenade an einen mallorquinischen Gelehrten und Missionar, dessen Forschungszentrum „Collegi de Miramar“ als Vorläufer der heutigen Universität der Balearen gilt. Ein Fresko am 1483 begründeten Institut „Studium Generale Lullianum“ in der Altstadt zeigt ihn mit dem heiligen Missionar Juníperro Serra andächtig vor dem Bild der Himmelskönigin.

„Wer soviel exorbitanten Bildungshunger an den Tag legt,
wird seinen Mitmenschen leicht verdächtig.
Die Biografen räumen Spannungen Ramóns mit seiner Ehefrau ein.“

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Llull verkörpert geradezu die Maxime, dass Studium ein Weg zur Seligkeit sein kann. Als Autodidakt eignete er sich ein enzyklopädisches Wissen an, verfasste poetische, philosophische und mystische Werke und studierte Sprachen, um in die Mission zu gehen. Wer soviel exorbitanten Bildungshunger an den Tag legt, wird seinen Mitmenschen leicht verdächtig. Die Biografen räumen Spannungen Ramóns mit seiner Ehefrau ein. Eine geistige Heimat fand der Vater zweier Kinder jedoch bei den Franziskanern.

Dabei hatte zunächst nichts darauf hingedeutet, dass sich der Familienvater und stadtbekannte Herzensbrecher zwischen ausgedehnten Reisen immer wieder zu Gebet und Studium ins Franziskanerkloster San Francesco und in die vor der Stadt gelegene Zisterzienserkloster Santa Maria La Real zu Gebet und Studium zurückziehen würde. Auf der geschäftigen Plaza Mayor im Zentrum der Altstadt Palmas soll er als Sohn eines Geschäftsmannes zur Welt gekommen sein. Versonnen schweift sein Blick zur Kathedrale, als lasse er sich weder von den Rufen der Straßenhändler noch von spielenden Kindern auf der Palmenallee ablenken. Ein unkonventioneller Kopf, der sich bekehrte und als hochgebildeter Laie in der klerikalen Gelehrtenwelt des Mittelalters eine Ausnahmeerscheinung darstellte. Ob die marrokanischen Sonnenbrillenverkäufer und die zwischen vollbesetzten Tischen hin- und herflitzenden Kellner ahnen, dass der weise Mann auf dem Denkmal gerade Menschen ohne Lateinkenntnisse erreichen wollte, als er in der Landessprache die „Doctrina pueril“, einen frühen Kinderkatechismus schrieb? Und bei einem Sklaven Arabischunterricht nahm, um sich auf die Nordafrikamission vorzubereiten?

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Die Mutter Gottes als Säule der Mission

Ramón Llull war davon überzeugt, dass die Muttergottes eine Säule der Mission ist. Sein 1290 entstandenes „Buch über die heilige Maria“ verbindet Minnegesang und Volksfrömmigkeit. Drei Frauen und ein Eremit führen einen poetischen Dialog über Maria, der das Lebensgefühl vieler Christen heute auf den Punkt bringt. Denn angesichts der Verdorbenheit der Welt nimmt der Eremit seine Zuflucht zu Maria: „Wenn sie uns nicht beisteht, ist die ganze Welt verloren“.

Durch quirlige Gassen führt der Weg zu den schicken Geschäften auf der Plaça del Mercat. Eine der bekanntesten Schmuckdesignerinnen Mallorcas, Isabel Guarch, verkauft in Haus Nr. 16 ihre von maritimen Motiven inspirierten Stücke. Die elegante Blonde ist nicht nur eine interessante und gebildete Gesprächspartnerin, sondern selbst die beste Werbung für ihre wunderbaren, farbenprächtigen Kreationen. In Form eines goldenen Anhängers greift sie die geometrischen Formen der Ramón Llull zugeschriebenen „Windrose“ auf; einem nautischen Hilfsmittel, das in stilisierter Form heute auch als NATO-Symbol bekannt ist.

Schon das Bildprogramm der gut 30 erhaltenen Handschriften Llulls weist auf einen außergewöhnlichen Kopf hin. Die zauberhafte Landschaft auf der Insel mag ihn zu Schaubildern wie dem „Baum der Wissenschaften“ inspiriert haben. Eine Kaffeepause auf der Plaça de la Cort im Schatten von Palmas berühmtem Olivenbaum „Olivera de Cort“ vermittelt glaubhaft, dass die mallorquinische Natur zur Mutter der Didaktik werden kann. Wie eine kunstvoll gedrechselte Säule reckt sich der Baumstamm aus der Erde und verzweigt sich filigran nach oben. Tiefere Einblick in die wissenschaftlichen Fähigkeiten Llulls gewinnt man in seinen Originalhandschriften und Faksimilen, von denen einige in der Diözesanbibliothek Palmas in der carrer Seminari 4 aufbewahrt werden. Sehenswert ist das um 1221 auf Katalanische verfasste „Libro de contemplación de Dios“, ein Meditationsbuch mit Texten für jeden Tag des Jahres vorsieht. Und auch das Gebäude selbst lohnt den Besuch: An heißen Tagen garantiert der schattige Kreuzgang Erholung.

Wenn ein Kalif dem Papst die Leviten liest

Was Ramón Llull auf seinen Reisen widerfuhr, berichten barocke Bildtafeln in einer Seitenkapelle der Kirche Sant Miquel. Der Missionar aus Mallorca erscheint hier als Protagonist des interreligiösen Dialogs und Märtyrer zugleich. Seinen Missionseifer in Nordafrika bezahlte er bei einer Steinigung durch Sarazenen beinahe mit dem Leben. Nach den Turbulenzen der irdischen Pilgerfahrt ruht der fromme Gelehrte nun in einer hochgelegenen Grabnische einer Kapelle im Chorumgang der Basilika des Franziskanerklosters Sant Francesc. Ein goldener Halbmond auf rubinrotem Glas erinnert im Fenster an seine Reisen. Der dicht am Deckengewölbe gelegene Sarkophag wirkt fast wie eine Kanzel.

Unwillkürlich wartet der Besucher auf eine unerschrockene Ansprache im stillen Kirchenraum. Man denke nur an Llulls Dichtung vom Brief des Kalifen von Bagdad an den Papst: Er wundere sich darüber, lässt Llull den Kalifen sagen, dass der christliche Glaube mit Waffen aus Holz und Eisen verbreitet werden solle. Die Apostelgeschichte berichte jedoch, zu Beginn hätten die Christen mit den Waffen des Glaubens, mit Predigt und Martyrium gekämpft. Er lasse den Papst wissen, dass die Christen ihren Glauben nicht verbreiten könnten, bis sie nicht zur ursprünglichen Intention zurückgekehrt seien. Damit liegt der Weise aus Mallorca wieder einmal richtig.

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