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Eine „Polonaise ohne Gott“ zieht weiter

Wenn der Mensch sich den Regeln der Natur unterwirft und die göttliche Ordnung der Schöpfung außer Acht lässt, entmenschlicht er sich. Ohne Bezug zu einem übernatürlichen Gott, bewegt er sich auf Erden ohne tragfähiges, geistiges Fundament.
Kunstinstallation "Gaia"
Foto: Peter Byrne (PA Wire) | Es liegt im Wesen des Menschen, die Fähigkeit zu haben, der rohen Natur, seinen zahllosen archaischen Antrieben, Kräften und Instinkten reflektiert zu begegnen, sie zu humanisieren.

Dem Hohelied auf die Diversität, dem scheinbar unwiderstehlichen, von der Religion der Toleranz getragene „Ja“ zu allen Formen sexueller Selbstverwirklichung, widersteht momentan nur noch ein arg dezimiertes Häuflein von Christen, die sich auf die Heilige Schrift berufen. Zu diesen Unbelehrbaren gehört nun – zur größten Enttäuschung aller Aufgeklärten – auch der Papst in Rom. Die deutschen Bischöfe waren in der sicheren Gewissheit nach Rom angereist, zuletzt könne dieser Papst doch nicht so vernagelt sein, dem allgemeinen Drang zum universalen Pimpern zu widerstehen. So kann man sich irren.

„Große und Kleine, Alte und Junge, die Gelehrten
und die Törichten, biegsame Theologen und ahnungslose Bischöfe,
– alle reihen sie sich ein in die mörderische Polonaise ohne Gott“

Es gibt ein Buch von 1955, von dem ich sage: ich habe kein besseres gefunden zum Thema Liebe, Ehe, Sexualität. Man wird es noch in den Altbeständen der Bibliotheken finden: Albert Frank-Duquesne, Schöpfung und Zeugung. Paul Claudel und Henri de Lubac haben diesen weithin unbekannten Denker geschätzt und in ihm den bedeutendsten katholischen Sophiologen gesehen.

Das Werk ist eine Goldader freien Denkens, leider aber harte philosophische und theologische Kost. Kaum habe ich den Rückfall ins Heidnische, den großen Riss, die gegenwärtige Verklärung der menschlichen Unordnungen nach dem Sündenfall, prophetischer beschrieben gefunden als bei ihm: den „Hexenkessel, in dem zahllose Antriebe, Kräfte, Instinkte und Lavaausbrüche durcheinander brodeln, schäumen und wüten“.

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Ein bloß „natürliches“, also ein animalisches Leben?

Der Abfall vom Dual Monotheismus und Monogamie, ist die Rückkehr zu Pan. „Dann erheischt die Göttin mit den unzähligen Brüsten, die Große Mutter Verehrung ... die Hekate der betörenden Riten. An Stelle einer Vermenschlichung der Welt entmenschlicht sich somit der Mensch und versinkt in der subhumanen Schöpfung ... sie beherrscht ihn, vernichtet ihn ... zweifellos kann der gefallene Adam wieder zu Baal, dem Gatten des kosmischen Weibes werden.“

Frank-Duquesne erinnert an Seneca, der an Lucilius schrieb: „,Der Mensch, der nicht versucht, mehr als ein Mensch zu werden, wird bald zu weniger als einem Menschen.‘ Gemeint ist der Mensch, der ein bloß ,natürliches‘, wie der Apostel sagt, also ein animalisches Leben lebt, mit anderen Worten: der Mensch, der seine einzige Aufgabe auf Erden darin sieht, auf heidnische Art die ganze Skala der miteinander zu vereinbarenden Befriedigungen auszuschöpfen, und dessen einzige moralische Norm darin besteht, sich möglichst wenig weh zu tun.“

Ein Tsunami falschen Denkens

Der euphorische Abschied von Genesis 1 und 2 (den beiden Schöpfungsberichten und denen darin enthaltenen Grundfesten zweier, aufeinander bezogener Geschlechter) und Genesis 3 (der Tatsache ihrer fundamentalen Korrumpierung) ist wie ein Tsunami des falschen Denkens, der alle Bäume wegreißt, die keine tiefen Wurzeln haben, alle Dächer leeren Glaubens abdeckt und alle Häuser ohne geistiges Fundament wegspült. Die Zerstörung der christlichen Anthropologie erscheint mir wie der Totentanz einer in 3 000 Jahren gewachsenen humanen Kultur. Große und Kleine, Alte und Junge, die Gelehrten und die Törichten, biegsame Theologen und ahnungslose Bischöfe, – alle reihen sie sich ein in die mörderische Polonaise ohne Gott. Widerstehe, wer Kraft hat zu widerstehen!

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