ORGEL - INSTRUMENT DES JAHRES 2021

Eine Orgel unter päpstlichem Kreuz

Die Keates-Orgel von 1897 ist ein typisches Instrument der englischen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. In einer Paderborner Stadtrandkirche hat sie 2010 eine neue Heimat gefunden.
Orgelprospekt St.-Hedwig Paderborn
Foto: Oliver Gierens

Die Orgel ist das „Instrument des Jahres 2021“. Jedes Jahr verleiht die Konferenz der Landesmusikräte in Deutschland diesen Titel, um Neugier und Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Instrument zu wecken. Heute geht es nach Paderborn. In der ostwestfälischen Bistumsstadt findet sich in einem abgelegenen Neubaugebiet eine historische Orgel aus England, die man hier sicherlich nicht vermuten würde.

Wir sind am Stadtrand von Paderborn, wo ab den 1970er Jahren auf der grünen Wiese das Neubaugebiet „Auf der Lieth“ entstanden ist. Irgendwann war die Bevölkerung so stark gewachsen, dass eine eigene Kirche nötig wurde. 1997 weihte der damalige Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt die St.-Hedwig-Kirche, ein moderner, achteckiger Bau mit Zeltdach und einem separaten Kirchturm. Als besondere Attraktion gilt das „Papstkreuz“, das auf dem Zeltdach thront. Als der heilige Papst Johannes Paul II. im Juni 1996 in der Nähe von Paderborn eine Heilige Messe feierte, hatte es einst den Altarbaldachin gekrönt. Doch das Papstkreuz ist nicht die einzige Attraktion dieser recht funktional und nüchtern gehaltenen Kirche. Wer den hellen, lichtdurchfluteten Raum betritt, bemerkt schnell den scharfen Kontrast zur zeitgemäßen Innenausstattung: Eine historische Kirchenorgel, eingebettet in einem dezent-schmuckvollen Gehäuse aus massivem Lärchenholz. Und wer näher hinschaut, dem wird schnell klar: Hier findet sich ein kirchenmusikalischer Schatz, den man vielleicht in einer der historischen Innenstadtkirchen der Bistumsstadt vermutet hätte, aber eher nicht in diesem Wohngebiet.

Orgel sucht neues Zuhause

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Seit 2010 erklingt in der St.-Hedwig-Kirche eine 1897 erbaute Orgel des renommierten britischen Instrumentenbauers Keates aus Sheffield. Am 4. Adventssonntag vor elf Jahren wurde sie nach einem Ausbau sowie einer umfassenden Restaurierung durch die Orgelbaufirma Krawinkel nördlich von Kassel feierlich geweiht. Ursprünglich erbaut für die Thurgoland Methodist Church zwischen Manchester und Sheffield, ereilte sie das gleiche Schicksal wie viele andere historische Instrumente: Die Kirche wurde irgendwann aufgegeben, und die Orgeln – wenn sie denn überhaupt erhalten blieben – suchten ein neues Zuhause.

Diese Kirchenorgel, ein Zeitdokument der Romantik des späten 19. Jahrhunderts, erhielt ihre neue Bestimmung in einem Neubaugebiet einige Kilometer außerhalb der Paderborner Innenstadt. Was zunächst ein wenig paradox, vielleicht sogar unpassend erscheinen mag, entpuppt sich aber durchaus als eine stimmige Vereinigung von Alt und Neu: Die Nische, in der das wertvolle Instrument seinen Platz gefunden hat, ist wie geschaffen für die Keates-Orgel. Die großen, meterhohen Metallpfeifen aus dickwandiger Zinn-Blei-Legierung ragen vorne etwas über die Nische hinaus und fügen sich in den gesamten Kirchenraum durchaus harmonisch ein. Das Gehäuse ist heute gar 75 Zentimeter tiefer als ursprünglich, da die Firma Krawinkel eine so genannte Extensionslade hinzugefügt hat, erzählt Markus Maurer, der hier in der Gemeinde als Organist und Chorleiter tätig ist – und sich glücklich schätzt, dass er dieses historische Instrument spielen darf.

„Restaurator Krawinkel betont, dass sie keine historische Substanz vernichte
und ihr Einbau jederzeit wieder rückgängig gemacht werden könne“

Auch in anderer Hinsicht befindet sich die Orgel nicht mehr vollständig im Originalzustand. Bei der Restaurierung hat die Firma Krawinkel nicht nur das Schwellwerk restauriert, sondern auch auf Wunsch der Gemeinde eine Setzeranlage und vier neue Register hinzugefügt: Trumpet 8', Double Trumpet 16', eine Mixture 2 Ranks sowie Twelwth 2 2/3, also eine Quinte der Mixtur. Das sorgte allerdings für Diskussionen: Darf man auf diese Weise in ein historisches Instrument eingreifen? Man darf, entschieden der Restaurator und die Verantwortlichen des Erzbistums Paderborn, ohne die Unversehrtheit dieses klingenden Denkmals zu zerstören. Denn Orgelbauer Albert Keates hat bei anderen Orgeln, die ähnlich disponiert waren und im zeitlichen Kontext zu der Orgel aus Thurgoland standen, durchaus Mixturen und Einzelregister verwendet, die in Kombination als Mixturersatz dienen können, betont die Firma Krawinkel auf ihrer Internetseite. Im Werksverzeichnis der Firma Keates seien eindeutig Vergleichsinstrumente belegbar, die zweifache Mixturen (2 2/3' und 2') sowie Trumpet 8' oder Double Trumpet 16' aufwiesen, heißt es dort. Zudem seien alle neuen Bestandteile ebenfalls nach den Prinzipien des englischen Orgelbaus erstellt worden, und der Großteil des Pfeifenwerks stamme aus alten, englischen Beständen. Auch elektromechanische Anlagen seien bei größeren Keates-Orgeln im Bereich der Spiel- und Registertraktur belegbar, sodass eine Verfälschung der Originalität durch eine Erweiterung auszuschließen sei, betont der nordhessische Orgelrestaurator.

Und diese Originalität ist unüberhörbar, wenn Markus Maurer in die Tasten greift. Der Organist liebt die „schönen, runden, warm klingenden Stimmen“ der Keates-Orgel, erzählt er im Gespräch. Register wie „Lieblich Gedact 8“, „Voix Céleste“ (Himmelsstimme) oder eine liebliche Oboe verleihen diesem Instrument die typische charakteristische, warme Färbung. Der Sound der Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird in einem zeitgenössischen Kirchenbau des späten 20. Jahrhunderts wieder lebendig. Doch die Orgel kann auch anders. Gerade mit den neu hinzugefügten Registern ließen sich insbesondere Bach-Stücke wirksam in Szene setzen, so der Organist. Und wenn Markus Maurer buchstäblich alle Register zieht, kann er dem altehrwürdigen Instrument einen kräftigen, feierlichen Klang entlocken. Vom Karfreitag bis zur festlichen Osternacht sind es nur ein paar Hebelzüge. Die Setzeranlage, erzählt Maurer, sei heutzutage schlicht notwendig, um längere Pausen bei der Registrierung zu vermeiden. Und Restaurator Krawinkel betont, dass sie keine historische Substanz vernichte und ihr Einbau jederzeit wieder rückgängig gemacht werden könne. Der Orgelsachverständige des Erzbistums war in diesem Punkt allerdings „nicht so begeistert“, gibt Markus Maurer zu. Doch der Organist hält den Umbau für gelungen, gerade auch durch die neuen Register mit ihrem „strahlenden“ Klang.

Hier gab es CD-Aufnahmen von Bach und Reger

Dass die noch junge Gemeinde überhaupt dieses wertvolle Instrument erhalten konnte, hat sie insbesondere dem inzwischen verstorbenen Gemeindemitglied Karl-Heinz Rehrmann zu verdanken, der mit einer kleinen Gedenktafel auf dem Orgelgehäuse verewigt ist. Der pensionierte Lehrer war ein leidenschaftlicher Orgelliebhaber und hatte sich einst eine Hausorgel bauen lassen, die für einige Jahre in St. Hedwig als Kirchenorgel diente. Als er hörte, dass die Firma Krawinkel historische englische Orgeln restauriert, stellte er den Kontakt her und sei von den warmen Klangfarben total begeistert gewesen, erzählt Maurer. Vermittelt hat das Instrument letztlich der mehrfach preisgekrönte Organist Wolfgang Kläsener, von 1993 bis 2017 Leiter der renommierten Kantorei Barmen-Gemarke in Wuppertal. Er entdeckte die Orgel beim Wuppertaler Instrumentenhändler Ladach, der die Orgel in England gekauft hatte. Von dort aus ging es für das altehrwürdige Instrument auf die Reise nach Trendelburg-Deisel bei Kassel in die Werkstatt der Firma Krawinkel. Hier wurden nicht nur die zum Teil gerissenen Windladen grundlegend und mit traditionellen Materialien restauriert, sondern auch die gesamte Spiel- und Registertraktur saniert – für die Orgelbauer aus Nordhessen bis heute ein Aushängeschild für ihr Unternehmen.

Obwohl sie in ihrer dezenten Klangfülle ein gutes Begleitinstrument für Chöre sei, wie Markus Maurer hervorhebt, fristet sie dennoch ein gewisses Schattendasein. Zwar ist es in der Vergangenheit gelungen, einige bekannte Gastorganisten für Konzerte zu gewinnen, auch eine CD mit Werken von Johann Sebastian Bach und Max Reger hat Wolfgang Kläsener hier bereits aufgenommen. Zudem waren die Paderborner Dommusik sowie die Mädchenkantorei bereits zu Gast – dennoch ist die Orgel bis heute ein Geheimtipp geblieben, hier in diesem Neubaugebiet am Stadtrand von Paderborn.


St. Hedwig, Hardehauser Weg 16, 33100 Paderborn.
Internet: katholisch-in-paderborn.de/gemeindeleben/st-hedwig

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