Comunione e Liberazione

„Eine Leidenschaft für den Menschen“

Der homogenisierenden Macht der Algorithmen widerstehen: Kardinal Matteo Maria Zuppi von Bologna hielt das Schlüsselreferat beim diesjährigen „Meeting“ von „Comunione e Liberazione“ in Rimini.
Blick in eine Messehalle während des „Meeting“ von „Comunione e Liberazione“ in Rimini
Foto: Meeting Press | Nach Corona wollten viele wieder dabei sein: Blick in eine der Messehallen während des „Meetings“ von Comunione e Liberazione in Rimini.

Auch für das „Meeting“ von „Comunione e Liberazione“ ist die Corona-Zeit vorbei. Nach zwei Jahren der Pandemie mit eingeschränkten Besucherzahlen und Online-Veranstaltungen hat das Kulturfest wieder reale hunderttausend Quadratmeter gefüllt und sich mit großen und kleinen Aulen für die Podiums-Veranstaltungen, Ausstellungsflächen, Bühnen für Theater und Konzerte und den Plätzen für die Restauration und Kinderbetreuung in den Messehallen der Adriastadt Rimini materialisiert. Aber es wird ein hybrides Treffen bleiben. Nicht nur wie bisher über den Youtube-Kanal, sondern auch über die eigene „Meeting“-App konnte man Programm und Nachrichten abrufen, vor allem aber die großen Veranstaltungen live verfolgen – egal ob man in Rimini oder in Kapstadt saß. Tausende saßen bis heute sechs Tage lang in der großen Veranstaltungshalle von Rimini. Und Tausende vor ihren Tablets oder Smartphones wo auch immer in der Welt.

„Eine Leidenschaft für den Menschen“ lautet in diesem Jahr der Titel der 43. Ausgabe des „Meetings“. Und diese Leidenschaft muss so anziehend wirken, dass wieder viele Gäste kamen. Fast alle Minister der – noch amtierenden – Regierung Italiens saßen auf den Podien, der scheidende Mario Draghi eingeschlossen. Die Veranstaltungen des diesjährigen „Meetings“ waren vor dem Rücktritt Draghis geplant worden, auch mit Politikern ohne Regierungsamt.

„Junge Leute, die aus den verschiedenen örtlichen Gemeinschaften
von „Comunione e Liberazione“ kommen und die Gäste begleiten,
durch Ausstellungen führen, für Sauberkeit sorgen, in den Restaurants und Bars bedienen
und einem jeden Wunsch von den Lippen ablesen“

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Und so kam es, dass am Dienstag die führenden Vertreter der Parteien ihren Auftritt vor dem Publikum des „Meetings“ hatten, die bei den Nationalwahlen am 25. September gewinnen wollen: Enrico Letta, Chef des linken „Partito democratico“, Giorgia Meloni von den „Fratelli d'Italia“, Matteo Salvini von der „Lega“ oder Außenminister Luigi di Maio, der die „Bewegung der 5 Sterne“ verlassen und eine eigene Formation gegründet hat. Aber sie hielten keine Wahlkampfreden, sondern sprachen über die Bedeutung von Subsidiarität und Bildung für die Gesellschaft von morgen.

Nicht nur der Krieg in der Ukraine hing über dem „Meeting“. Auch der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern oder die Bürgerkriege in Afrika. Mit Zeugnissen zum Thema „Die Leidenschaft zu versöhnen“ hatten der lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, der Erzbischof von Bangui in der Zentralafrikanischen Republik, Kardinal Dieudonné Nzapalainga, und der katholische Erzbischof Paolo Pezzi in Moskau das Kulturtreffen am Samstag eröffnet.

Dem Gründer Giussani waren Programmpunkte gewidmet

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Aber auch der Gründer von „Comunione e Liberazione“ war auf dem „Meeting“ besonders gegenwärtig. Luigi Giussani wurde vor hundert Jahren, am 15. Oktober 1922, geboren und neben einer Ausstellung zu seinem Werk und seinem Leben widmeten sich ihm gleich mehrere Veranstaltungen. Über den „religiösen Sinn“ bei Giussani, so der Titel seines vielleicht wichtigsten Buchs, sprach am Sonntagabend der Generalsekretär der Islamischen Weltliga, Muhammad Bin Abdul Karim Al-Issa. Mit kompletten Namen heißt es „Meeting für die Freundschaft unter den Völkern“, und Al-Issa ist eine Frucht der vielen Freundschaften, die das „Meeting“ in 43 Jahren über alle, auch religiöse Grenzen hinweg geschlossen hat. Erst lernte der Saudi-Araber den inzwischen verstorbenen Kurienkardinal Jean-Louis Tauran kennen, als dieser Präsident des Rats für den interreligiösen Dialog war. Über Tauran kam der Kontakt zum „Meeting“ zustande.

Bei einer anderen Veranstaltung, „Das Christentum als Ereignis. Das theologische Denken von Luigi Giussani“, beschäftigten sich drei Theologen vor allem mit dem Gymnasiallehrer Giussani, der schon in den fünfziger Jahren spürte, dass sich bei den heranwachsenden Katholiken ein gewisser Skeptizismus und eine Gleichgültigkeit gegenüber der Glaubenslehre breit zu machen begannen. Der Dogmatiker Giulio Maspero von der römischen Universität Sacro Cuore erinnerte in diesem Zusammenhang an fünf Verkürzungen, die Giussani öfters als Gefahren für die Weitergabe des christlichen Ereignisses nannte.

Kulturelles Highlight unter italienischen Sommerfesten

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Erstens: Gott ohne Jesus Christus – nicht von der Inkarnation zu sprechen.  Zweitens: Christus ohne Kirche – zu verschweigen, dass der Herr eine Kirche gegründet hat, in der er wirkt und lebt. Drittens: Kirche ohne Welt – eine Spiritualisierung der Kirche, die von der Geschichtlichkeit und Sündhaftigkeit des Gottesvolks absieht. Viertens: Welt ohne Ich – heute also etwa eine digitalisierte und globalisierte Welt, in der Algorithmen alles entscheiden, aber der Einzelne sich nicht mehr zu seinem eigenen „Ich“ durchringen und seine eigenen Erfahrungen machen kann. Und fünftens: Ich ohne Gott, das heißt ein Ich, das keine Bestimmung, keinen Sinn mehr kennt und verzweifelt.

Vor allem die Punkte vier und fünf bestimmen nun seit über vier Jahrzehnten den Inhalt des „Meetings“ und haben es zu einem Treffpunkt werden lassen, der nicht als kirchliches (oder gar politisches), sondern als kulturelles Highlight einen festen Platz im Reigen der italienischen Sommerfeste eingenommen hat. Mehrere Male war das „Ich“ Thema des Meetings, andere Male das „Du“, das dem „Ich“ hilft, aus der Angst und Einsamkeit herauszufinden.

Digitalisierung führt zur Homogenisierung

Legionen von Schriftstellern, Künstlern und Filmemachern haben diese Themen auf den „Meetings“ der vergangenen Jahrzehnte durchdekliniert. Kardinal Matteo Maria Zuppi, Erzbischof von Bologna und seit kurzem Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz, erinnerte bei seinem Auftritt am Sonntag daran, dass Giussani deswegen den von vielen Katholiken geschmähten Pier Paolo Pasolini geschätzt habe, weil dieser schon früh die Homogenisierung der modernen Kultur erkannte, wie sie heute durch die Digitalisierung und die Herrschaft der Algorithmen bis auf die Smartphones der Endverbraucher durchschlägt. Wie kann der Einzelne sein unverwechselbares Ich bewahren, fragte Kardinal Zuppi. Seine Antwort: „Wenn wir keine Leidenschaft für den Menschen haben, ist der Algorithmus stärker und entscheidet für uns, was unmenschlich ist. Wir haben eine große Herausforderung vor uns, die Leidenschaft wieder zu entzünden. Dafür brauchen die Jungen Zeugen und die Alten, die in der Lage sind zu träumen.“

Der diesjährige Titel – „Eine Leidenschaft für den Menschen“ – ist einem Satz entnommen, den Giussani bei einem seiner wenigen Auftritte auf dem „Meeting“, es war im Sommer 1985, sagte: „Das Christentum wurde nicht geboren, um eine Religion zu gründen, es wurde geboren aus der Leidenschaft für den Menschen.“ Als Kardinal Zuppi von den persönlichen Begegnungen mit Giussani erzählte, verwies er vor allem auf die Leidenschaft, mit der der Gründer von „Comunione e Liberazione“ sprach und dachte. Für Giussani war Kultur die Tochter der Bildung, die vor allem den jungen Menschen beibringt, die Welt im Licht des christlichen Glaubens zu beurteilen und daraus menschliche Kreativität und Initiativen zu entwickeln.

Die vielen freiwilligen Helfer sind Träger der Veranstaltung

Auch dieses Jahr waren deshalb der eigentliche Träger, die wahren Protagonisten des „Meetings“ nicht die Verantwortlichen der Bewegung „Comunione e Liberazione“, die herbeigebetenen Theologen oder eingeladenen Bischöfe, sondern die vielen freiwilligen Helfer, die „volontari“, die dem Kulturtreffen ihr Gesicht gaben. Noch im Corona-Jahr 2021 waren es 2 000, in diesem Jahr werden es mehr gewesen sein.

Meist junge Leute, die aus den verschiedenen örtlichen Gemeinschaften von „Comunione e Liberazione“ kommen und die Gäste begleiten, durch Ausstellungen führen, für Sauberkeit sorgen, in den Restaurants und Bars bedienen und einem jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Sie haben gelernt, dass ein christliches Urteil über die Dinge und die Ereignisse der Gegenwart eine Kultur schaffen, die anziehend ist. Zumindest nicht abschreckend, so dass sich auch in diesem Sommer Politiker aller Couleur in Rimini wieder die Klinke in die Hand gegeben haben.

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