Klare Worte

Eine kurze Reflexion über die Axt

Die Axt wurde im Zeitalter der Aufklärung noch als Werkzeug betrachtet, dem Bauen dienlich – heute ist sie in einem anderen Zusammenhang populär, wenn man sie nicht verschweigt.
Axtmord
Foto: imago stock&people | Axt als Mordwaffe: Frau wird im Wald erschlagen

Blutspritzer an den Wänden, zertrümmerte Heizkörper, eingeschlagene Türen, eine Spur der Verwüstung zieht sich durch den 9. Stock des Plattenbaus in Berlin-Lichtenberg. Blindwütig jagte der Mann die Frau durch die Flure und streckte sie mit zahlreichen Axthieben nieder. Nicht nur in Berlin ereignen sich Schreckenstaten mit Äxten, Schlachterbeilen, Dolchen und Macheten. In Paris wurde der Lehrer Samuel Paty geköpft, in Limburg eine Frau mit Axt und Beil erschlagen. Obwohl diese Tötungsart erst in jüngster Zeit häufiger verzeichnet wurde, wird kaum ein Wort über die Besonderheit der Tatwaffe verloren.

Äxte aber verortete man bislang im Wald, zum Fällen und Spalten von Bäumen gelangten sie zum Einsatz. Das Hackbeil sah man in der Hand des Fleischhauers am Schlachtbrett. Der Dolch krümmte sich in orientalischen Märchen. Wie aber lässt sich der aktuelle Boom dieser Stichwaffen erklären? Stillschweigen herrscht über die Vorliebe für diese Mordwaffe, allenfalls ranken sich Legenden um Tat und Täter. Legenden aber, das wissen wir noch aus der Dolchstoßlegende, sind der Aufklärung eher hinderlich. „Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Not“, schrieb Friedrich Schiller in seinem Drama „Wilhelm Tell“. Nicht die schlechtesten Hinweise gibt uns der deutsche Dichter hier. Das frische Umherspähen mit gesunden Sinnen aber ist in Verruf geraten.

„Zu lange schon gibt es eine unheilige Allianz zwischen Linken und Antiaufklärern,
die für ihren postkolonialen, antirassistischen Kampf nicht davor zurückscheuen,
Morde an Frauen und Lehrern, wenn nicht zu entschuldigen, so doch zu instrumentalisieren“

Aus Angst, Empfindlichkeiten aufzustören und Befindlichkeiten zu wecken, überhört man Allahu-Akbar-Rufe am Tatort und übersieht die 35cm-Klinge in der Hand des Täters. Bei Schiller hieß es noch in „Wilhelm Tell“: „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.“ Die Axt wurde im Zeitalter der Aufklärung noch als Werkzeug betrachtet, dem Bauen dienlich, Geschick und Arbeitseifer vorausgesetzt. Die Axt als Symbol des Schaffens und Errichtens, des zuversichtlichen Wirkens an einem gemeinsamen Obdach, einer Zuflucht für Menschen, die nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit streben?

Lesen Sie auch:

Längst ist sie zu einem Mordinstrument verkommen und wird mit brachialer Gewalt gegen Andersdenkende und Schwache eingesetzt. Die Axt wütet und mordet. Im Axtmord versinnbildlicht sich der Tod der Aufklärung. Schweigen im Walde aber herrscht bei den großen Kämpfern für Gerechtigkeit und Freiheit. Über die Herkunft der Täter wird kaum gesprochen. Statistiken werden bemüht, auf deutsche Pässe verwiesen, wenn arabischstämmige Namen und muslimische Täter mit Äxten und Beilen in Verbindung gebracht werden. Das Opfer wird erneut post mortem geschändet, sobald der politische Islam auf den Plan tritt. Ideologie zuerst, lautet die Devise.

Linke relativieren Verbrechen, wenn sonst ihr Weltbild wanken könnte

Zu lange schon gibt es eine unheilige Allianz zwischen Linken und Antiaufklärern, die für ihren postkolonialen, antirassistischen Kampf nicht davor zurückscheuen, Morde an Frauen und Lehrern, wenn nicht zu entschuldigen, so doch zu instrumentalisieren. Wie schon in den Siebzigerjahren wird auch die Frau wieder einmal auf dem Altar politischer Prämissen geopfert: Der Kampf für den globalen Süden ist wichtiger als die Sicherheit von Frauen und Kindern im öffentlichen Raum. Bei jedem simplen Strafprozess werden die Umstände einer Tat skrupulös analysiert. Nun aber soll auf einen Rekurs auf Herkunft und Sozialisierung verzichtet werden? Gerade jetzt, wo in einer Zeit zunehmender Migration eine archaische Gewalt auftritt, die uns die Körperlichkeit der Gewalt in aller Wucht wieder vor Augen führt?

Gefechte mögen sich an Worten entzünden, Kriege aus Depeschen aufbranden, ein Axthieb aber vernichtet – unwiderruflich! Blindwütiges Metzeln, zerfetzte Leiber und rollende Köpfe aber sollten uns daran erinnern, dass nicht mit einem Wort alles vorbei sein kann, wohl aber mit einem Hieb. Ob die Lektüre Schillers die Taten verhindern könnte, bleibt fraglich. Die Hoffnung aber stirbt zuletzt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Ute Cohen Friedrich Schiller Gott Islam

Weitere Artikel

Ein Gespräch mit der Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über Freiheit und Globalisierung und warum uns die Bipolarität eingeschrieben ist.
01.09.2022, 15 Uhr
Stefan Groß-Lobkowicz

Kirche

Die Attacken von Bischof Georg Bätzing auf Kardinal Kurt Koch sind Zeichen einer Feindseligkeit, die mit dem Synodalen Weg immer mehr um sich greift. Für Rom ist das eine Herausforderung.
06.10.2022, 09 Uhr
Guido Horst
Durch die emotionalisierte Insnzenierung von einem Opfer und einem Täter, der sich entschuldigen soll, wird ein notwendiger Disput im Keim erstickt: der über das Verständnis der Offenbarung.
05.10.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt
Bischof Rudolf Voderholzer über den Synodalen Weg. Die Beratungen der Bischöfe in Fulda und der Ad-limina-Besuch in Rom im November bewegen die Gemüter.
05.10.2022, 17 Uhr
Regina Einig
Das Projekt des Erzbistum München und Freising hat den Anspruch „die Anliegen queerer Katholikinnen und Katholiken besser zu berücksichtigen sowie Austausch und Beratung für Menschen aus der ...
05.10.2022, 18 Uhr
Meldung