Feuilleton

Eine europäische Pilgerreise

Das religiöse Buch zwischen Jerusalem, Athen und Rom: Die Buchmesse als Suche nach der europäischen Identität. Von Michael Karger
Silver Star in Grotto in Chirch of the Nativity in bethlehem wher
Foto: dpa | Im Kirchenraum das Göttliche erschließen: Ein Christ tastet in der Geburtskirche nach dem Silberstern, der die Stelle markiert, wo Jesus geboren wurde.

Jerusalem, Athen und Rom stehen für das, was die europäische Identität ausmacht. Über einen allgemein anerkannten Bildungskanon wurde diese Überlieferung bis 1968 weitergegeben und gefestigt. Unter den Neuerscheinungen auf der Frankfurter Buchmesse finden sich viele Titel, die uns wieder mit dieser Tradition verbinden oder uns deren Verlust bewusst machen.

Beginnen wir in Rom. Am Messestand des Vatikan konnte man ungestört die schönsten und spektakulärsten Bücher der gesamten Messe durchblättern: die großformatigen drei Bildbände von Antonio Paolucci „La Capella Sistina“ (Editioni Musei Vaticani). Vielfach in Originalgröße reproduziert, schaut man in die Gesichter der Propheten und Sibyllen Michelangelos und staunt über die Plastizität seiner Figuren. Der zweite und dritte Band umfasst die Fresken mit den Darstellungen zur Genesis und dem jüngsten Gericht von Michelangelo. Im ersten Band sind die ebenfalls umwerfenden Fresken des 15. Jahrhunderts abgebildet. Vom Detailreichtum der Renaissance-Fresken kann man sich nicht mehr lösen. Auf insgesamt 778 Seiten sind alle Fresken der Sistina auf 791 Abbildungen vielfach als Aufklappseiten und in brillanter Farbqualität reproduziert. Nicht einmal die Kardinäle im Konklave können alle Details so erfassen, wie es dieser Bildband möglich macht. Von den dezenten italienischen Verlagsangestellten umschlichen, aber kaum von neugierigen Messebesuchern gestört, war hier eine Eintauchen in eine einmalige Bildwelt möglich, die mit 1 200 Euro auch ihren Preis hat.

Großformatige Detailansichten aller vierzig Gemälde von Pieter Bruegel in nie zuvor gesehener Nähe bietet der Bildband von Jürgen Müller und Thomas Schauerte: „Pieter Bruegel. Das vollständige Werk” (Taschen Verlag) zur Wiener Ausstellung zum 450. Todestag des flämischen Künstlers. Seine komplexen Bilderzählungen zum Kirchenjahr, zu Tugenden und Lastern und seine Landschaftspanoramen werden in Wort und Bild überwältigend und neu erschlossen. Wie sich in Mitteleuropa die Bildhauer von der französischen hochgotischen Lehre entfernten und zwischen 1350 und 1550 zu völlig neuen Lösungen kamen, zeigt eindrucksvoll der Bildband des Architekturhistorikers und Fotografen Pablo de la Riesta: „Die Revolte der Gotik. Architektur der Spätgotik in Mitteleuropa“ (Kunstverlag Josef Fink). Zahlreiche Bildvergleiche machen den Band zu einer wahren Schule des Sehens für die Besonderheiten und Übereinstimmungen der internationalen Spätgotik.

Kommen wir nach Jerusalem. Im vierten Jahrhundert reiste die Pilgerin Egeria in das Heilige Land. Ihr Reisebericht führt zu den Ursprüngen des Kirchenjahres, seinen Bräuchen und Prozessionen und liegt nun in einem edlen Bildband vor: „Egeria – Itinerarium. Der antike Reiseführer durch das heilige Land“ (Herder). Wenig bekannt ist, dass die frühchristliche Geburtskirche in Bethlehem, eine der Hauptkirchen des lateinischen Königreiches von Jerusalem, im 12. Jahrhundert eine vollständig neue Ausstattung erhalten hat.

Bezüge zur Tradition der geistlichen Schriftauslegung

Bianca und Gustav Kühnel, die besten Kenner der Kreuzfahrerkunst, haben in dem Bildband „Die Geburtskirche in Bethlehem. Die kreuzfahrerzeitliche Auskleidung einer frühchristlichen Basilika“ (Schnell und Steiner) diese Ausstattung vollständig rekonstruiert. Zusätzlich wurden alle Mosaikinschriften dokumentiert und übersetzt. Heiliglandpilger werden die Geburtskirche zukünftig genauer hinsichtlich ihrer mittelalterlichen Zeugnisse erleben können. „Im Kirchenraum das Göttliche erschließen“, dazu leitet Christoph Schmitt (Hg.) mit modellhaften Katechesen, Predigten und Kirchenführungen an (Schwabenverlag). Hier kann man lernen, den Kirchenraum, seine liturgischen Orte, Bilder und Plastiken wieder als Glaubensaussagen zum Sprechen zu bringen. Ost- wie Westkirche haben zu allen Zeiten die Liturgie als Einheit der irdischen mit der himmlischen Liturgie verstanden. Diese heute weitgehend vergessene Dimension der liturgischen Feier macht der Exeget Rainer Schwindt in dem illustrierten Band „Gesang der Engel. Theologie und Kulturgeschichte des himmlischen Gottesdienstes“ wieder neu zugänglich (Herder). Die himmlische Liturgie ist auch in der Offenbarung des Johannes von zentraler Bedeutung. Nach seinem zweibändigen nahezu unausschöpfbar reichen Kommentar zur Apokalypse hat der Neutestamentler Klaus Berger auf fast vierhundert Seiten nun eine Theologie des letzten Buches des Neuen Testamentes angeschlossen: „Leih mir deine Flügel, Engel. Die Apokalypse im Leben der Kirche“ (Herder). Mit der Wiederentdeckung des Apokalypse-Kommentars des Benediktiners Ambrosius Autpertus bezieht Berger erfreulicherweise auch die große Tradition der geistlichen Schriftauslegung wieder in die heutige Theologie mit ein.

Wie es in den ersten vier Jahrhunderten zur Ausbreitung des Christentums kommen konnte, fragt sich der Historiker Holger Sonnabend. Er benennt die überzeugenden Argumente, die Missionsstrategien und die „klugen Köpfe“ dahinter, die zum gigantischen Aufstieg des „neuen Weges“ geführt haben: „Triumph einer Untergrundsekte. Das frühe Christentum von der Verfolgung zur Staatsreligion“ (Herder). Zwei evangelische Historiker, Benjamin Hasselhorn und Mirko Gutjahr, haben sozusagen als Nachtrag zum Reformationsjahr in dem Bändchen „Tatsache. Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag“ alles zusammengetragen, was für die Historizität des Ereignisses spricht (Evangelische Verlagsanstalt).

Vierzig Liedauslegungen zum Gotteslob erschienen

Von weit größerer ökumenischer Relevanz sind die gesammelten Beiträge von Kardinal Kurt Koch „Erneuerung und Einheit. Ein Plädoyer für mehr Ökumene“ (Patmos). Zentrale Themen sind die Bedeutung der Rechtfertigungslehre heute, der Stellenwert von Luthers Frage nach dem gnädigen Gott, die Lehre von der apostolischen Sukzession und das Papstamt. Kardinal Koch, seit 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, überzeugt durch seine abgewogene unaufgeregte Sachlichkeit und seine gewinnende Art, den katholischen Standpunkt klar zur Geltung zu bringen.

Mit dem Titel „Ohne Familie ist kein Staat zu machen“ verdeutlicht der Herausgeber Karl-Heinz van Lier eines der großen gesellschaftlichen Versäumnisse und Fehlentwicklungen der Gegenwart. Vierzig Autoren aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Wissenschaft nehmen zu Fragen einer grundlegenden Änderung der Familienpolitik Stellung (Herder). Vertiefend sei dazu die große Studie des französischen Soziologen Emmanuel Todd „Traurige Moderne. Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo Americanus“ (C.H. Beck) empfohlen. Darin wird die These vertreten, dass ohne Rücksichtnahme auf die bis heute vorhandenen sehr unterschiedlichen Familienstrukturen die Moderne mit ihrer Betrachtung des Menschen als bloßes Gattungswesen sich als „Marsch in die Knechtschaft“ erweisen wird. Athen steht für die methodische Wahrheitssuche. Wer wissen will, wie es zu ihrer Preisgabe in der Moderne kam, greife zum Buch des Philosophen Tilo Schabert: „Das Gesicht der Moderne. Zur Irregularität eines Zeitalters“ (Karl Alber). Durch die Ablehnung jeder Form von Grenzziehung und die „Logik der Negation“ sieht der Verfasser als Perspektive eines Denkens, „das im Chaos seine wahre Gestalt erfährt“, eine stets sich steigernde Gewalt im Namen des Relativismus und der Toleranz heraufziehen. Inwieweit auch innerkirchlich die Gefahr der falschen Anpassung an die Moderne besteht, darauf macht der Philosoph Josef Seifert am Beispiel der Ehelehre der Enzyklika „Amoris laetitia” aufmerksam: „Neues moraltheologisches Paradigma oder alter ethischer Irrtum“ (Patrimonium Verlag). Dass aber weder Resignation noch Anpassung der Beitrag der Katholiken zur Moderne sein darf, zeigt das Leben des Gründers der Laienbewegung Sant' Egidio, Andrea Riccardi. In dem Interviewband „Alles kann sich ändern“ (Echter/Sant? Egidio Bücher) wird die Entstehung der Bewegung und ihr Dienst am Frieden und an der Ausbreitung des Evangeliums ansichtig gemacht. Zugleich kann man in dem Band von Adriana Gulotta (Hg.) „Die Schule des Friedens“ (Echter/Sant? Egidio Bücher) etwas über die Sozialpädagogik der Bewegung in über siebzig Ländern erfahren.

Christliche Identität ist keine Selbstgenügsamkeit. Bittgebet und Dankgebet vollenden sich in der Antwort des selbstvergessenen Lobpreises des Schöpfers. Mit „Erfreue dich Himmel, erfreue dich Erde“, einem neuen Bandes von Meinrad Walter mit vierzig Liedauslegungen zum Gotteslob (Herder), wird ein Zugang zur großen europäischen geistlichen Liedtradition gewiesen.

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