Weihnachtsgeschehen

Eine begehbare Krippe als Katechese

Die Ministerpräsidentin des Landes Madrid unterstreicht die Bedeutung des christlichen Glaubens für das europäische Erbe.
Ungewöhnliche Krippenszene: Hochschwangere Maria sitzt vor einer Herberge in Bethlehem
Foto: Fernando Gil-Delgado | Eine eher ungewöhnliche Krippenszene: Die hochschwangere Maria sitzt vor einer Herberge in Bethlehem, während sich Josef nach einer Unterkunft erkundigt.

Die Weihnachtskrippe gehört zu den beliebtesten spanischen Traditionen zur Weihnachtszeit, wobei „Krippe“ nicht nur die Geburtsszene meint, sondern ganze Landschaften miteinbezieht – wie etwa in deutschen Kirchen. Traditionell werden sie nicht nur in Privathäusern und Kirchen, sondern auch in öffentlichen Gebäuden aufgestellt.

„Wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist der Mensch das Beste, was es geben kann.
Dies begründet die Menschenwürde. Deshalb ist jedes menschliche Leben etwas Wertvolles“

Die Säkularisierung hat allerdings dazu geführt, dass insbesondere in sozialistisch regierten, den deutschen Bundesländern ähnlich verfassten „Comunidades autónomas“, die Weihnachtskrippen mehr und mehr aus den öffentlichen Gebäuden verschwinden.

Zu den „Comunidades autónomas“, die jedoch diese Tradition weiter pflegen, zählt insbesondere auch das Land Madrid mit insgesamt gut 8 000 Quadratkilometern und 6,6 Millionen Einwohnern, die sich zur Hälfte auf die gleichnamige Hauptstadt respektive auf größere und kleinere Städte um die Hauptstadt herum verteilen. Neben den in mehreren Museen und an den bekanntesten Plätzen der Stadt aufgestellten Krippen stechen in der Stadt Madrid vor allem die Krippen im Rathaus am „Cibeles“-Platz und am Hauptsitz der Landesregierung heraus, die von sehr vielen Menschen besucht werden.

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Am Anfang steht der heilige Isidor

Selbst unter dem Dauerregen, der die letzten Wochen über Madrid niederkam, bildeten sich beachtliche Schlangen vor dem Palazzo am zentralen „Puerta del Sol“. Auf einer Fläche von 155 Quadratmetern bilden 310 Figuren aus Styropor, Gips, Holz und Kork unterschiedliche Szenen; Sand, Pflanzen und Wasser werden für die Landschaften verwendet.

Daran haben 40 Freiwillige neun Monate lang gearbeitet. Eine Art „Prolog“ bildet der Lokalheilige Isidor (Isidro), der vor genau 400 Jahren heiliggesprochen wurde – der Heilige Stuhl hat das Jahr 2022 zum Heiligen Isidor-Jahr erklärt –, und als Beter auf dem Feld dargestellt ist. Dann folgen Szenen mit der Verkündigung Marias, aber auch mit dem Engel, der im Traum zu Josef spricht: „Fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.“

Die gesamte Weihnachtsgeschichte wird szenisch dargestellt

Daran schließt sich Marias Besuch bei ihren Verwandten Elisabeth und Zacharias an sowie eine wiederum nicht allzu häufige Darstellung: Bei der Herbergssuche in Bethlehem ist Maria als Hochschwangere sitzend zu beobachten, während Josef sich in einem Gasthaus nach einem freien Platz erkundigt. Die Szenen sind eingebettet in eine weite Landschaft mit Schafshirten und anderen Arbeitern – im Hintergrund eine Stadtlandschaft, durch die Mitte fließt ein Fluss mit Wasserfall.

An einem Ende sind die Heiligen Drei Könige zu sehen, die in eine Art natürlichen Tunnel verschwinden – auf der Rückseite befinden sich in einer abgedunkelten „Grotte“ die eigentlichen Geburtsszenen: Zunächst die Verkündigung des Engels an die Hirten, dann drei Teilszenen, links die Heiligen Drei Könige, rechts die Hirten, die zur Krippe eilen. In der Mitte aber der gerade geborene Jesus mit Maria und Josef, dem Esel und zwei ersten Anbetern, einer Frau und einem Mann.

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Europas Kultur steht zwischen Krippe und leerem Grab

Der Zuschauer geht entlang den Szenen, so dass er sie aus nächster Nähe beobachten kann. Die ganze Krippenlandschaft stellt sich als eine Katechese heraus. Darauf bezog sich die Ministerpräsidentin des Landes Madrid, Isabel Díaz Ayuso, bei der feierlichen Eröffnung der diesjährigen Weihnachtskrippe: „Advent ist eine Zeit der Erwartung auf das Kommen eines geliebten Menschen. Gott wird Mensch wie wir. Laut dem christlichen Glauben ist er auferstanden, um allen Menschen das Heil zu bringen. Ob Sie nun gläubig sind oder nicht, dies ist eine Tatsache, die unser Selbstverständnis und unsere Lebensweise für immer verändert hat. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist der Mensch das Beste, was es geben kann. Dies begründet die Menschenwürde. Deshalb ist jedes menschliche Leben etwas Wertvolles. Niemand ist in dieser Welt überflüssig, kein Leben ist weniger lebenswert.“

Die 42-Jährige erinnerte an „die verfolgten Christen in der Welt, an die kranken Kinder und ihre Familien, an die vielen, die Schwierigkeiten durchmachen, an die Menschen, die allein sind“. Das Christkind bringe eine Botschaft der Liebe und erkläre die Familie für heilig. Im Hinblick auf die auch in Spanien grassierende Säkularisierung fragte sie: „Werden wir, Gläubige und Ungläubige, dieses Erbe, das das Beste von uns in sich trägt, wirklich aufgeben, das, wonach Menschen guten Willens streben?“

Christliche Opposition gegen Abtreibungsideologie

Díaz Ayuso zitierte Papst Johannes Paul II.: „Kann Christus aus der Geschichte jeder Nation, aus der Geschichte Europas entfernt werden? Nur in ihm kann die ganze Menschheit die Schwelle der Hoffnung überschreiten. In der Weihnachtskrippe ist die Schwelle der Hoffnung, die zu überschreiten wir eingeladen sind. Das Evangelium, die Frohe Botschaft, ist Teil des Erbes eines jeden Menschen.“

In ihrer Rede mag zwar politisches Kalkül mitschwingen. Denn die Politikerin aus der konservativen Partei „Partido Popular“ PP gilt manchen als die heimliche Oppositionsführerin in der gesamtspanischen Politik, und der spanische Premier Pedro Sánchez macht aus seiner christenfeindlichen Haltung kein Hehl – die Unterstützung des katholischen Glaubens ist auch eine Art „Opposition“ gegen eine Zentralregierung, die unter anderem gerade die Abtreibung für Minderjährige ohne Zustimmung der Eltern strafffrei gestellt hat.

Díaz Ayuso ist im politischen Amt gläubig geworden

Isabel Díaz Ayuso, die bei der letzten Landtagswahl ein sehr positives Ergebnis erhielt, weiß, dass gerade im Land Madrid viele konservative Menschen, die sie wählen, auch gläubige Katholiken sind.

Andererseits passt aber dazu, was die Ministerpräsidentin im Juni 2021 in einem Interview sagte: „Seit ich das Amt übernommen habe, bin ich ein gläubigerer Mensch geworden.“ Sie habe mit neun Jahren „ziemlich“ den Glauben verloren, „weil ich dachte, mich so von einigen Dingen zu befreien“.

Im Zusammenhang mit der ersten Corona-Welle habe sie jedoch häufig an heiligen Messen teilnehmen müssen, was sie an ihre Kindheit erinnert habe. „Dazu kamen die vielen Menschen, die in den letzten Monaten zu mir sagten: ,Ich bete für Sie‘.“

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