Feuilleton

Eindeutig ins Zentrum des Glaubens gezielt

Vor zehn Jahren, am 30. November 2007, veröffentlichte Papst Benedikt XVI. die glänzende, tiefgelehrte und umfassende Enzyklika „Spe salvi“. Von Matthias Matussek
Sonnenuntergang hinter dem Petersdom
Foto: dpa | Römische Abendstimmung: In der Enzyklika „Spe salvi“ erinnert Papst Benedikt XVI. daran, dass Jesus Christus das Licht und die Sonne ist, die über allen Dunkelheiten der Geschichte aufgegangen sei.

Es waren tumultreiche erste zwei Jahre im Pontifikat von Papst Benedikt XVI. Zunächst der überschwappende Jubel nach seiner Papstwahl in Deutschland 2005 („Wir sind Papst!“). Die Rheinfahrt, die vollbepackten Ufer. Danach vom „Hosianna“ ins „Kreuziget ihn“, nachdem er in seiner Regensburger Rede (2006) warnende Worte in Richtung Fundamentalislamismus gesprochen hatte, jenes Zitat aus dem Gespräch des byzantinischen Kaisers über Mohammed zitierend, der „nur Schlechtes“ über die Menschheit gebracht habe, da er seine Religion mit Feuer und Schwert verteidigt und verbreitet habe und der Islam zu einem Dialog nicht imstande sei, die Westbank brannte, deutsche kirchenkritische Intellektuelle ergriffen die Gelegenheit endlich beim Schopf, um übel, sehr übel zu nehmen; allerdings gab es auch einen Brief von über hundert islamischen Gelehrten, die seine Meinung unterstützten, es waren prophetische Worte, wenn man an die islamische Schreckensbilanz seitdem denkt.

Im nächsten Jahr dann, 2007, agierte der Pontifex Maximus, der verschollene Traditionen wieder in ihr Recht setzt: mit dem „Motu proprio“, das den alten vorkonziliaren Ritus wieder in sein Recht hob. Und dann die glänzende, tiefgelehrte und umfassende Enzyklika „Spe salvi“, die der alle überraschenden milden Liebesenzyklika „Deus Caritas est“ folgte. Mit „Spe salvi“ legte der Papst ein Lehrschreiben vor, das so inspirierend, so solide gefügt, so eindeutig ins Zentrum des Glaubens zielte, wie man es von diesem Oberhirten erwarten konnte, eine Enzyklika, die auf das Ganze des Glaubens zielte, auf die ersten und die letzten Fragen, ja sogar Himmel und Fegefeuer und Hölle nicht aussparte, eine Art Katechismus-Belebung in ein dämmerndes Glaubensvolk hinein, eine philosophische Jahrhundert-Enzyklika. Grund genug, ihr zehnjähriges Jubiläum zu feiern und sie sorgfältig noch einmal vorzustellen.

Es geht in ihr um das, worauf wir Gläubigen hoffen dürfen. Um Hoffnung und Glaube, die in frühen Zeiten, etwa im ersten Petrus-Brief, nahezu identisch gebraucht wurden, die Hoffnung ist es, die uns auch die dunkelsten Tage ertragen und Erlösung aufscheinen lässt. Vor Christus, so erinnert Paulus die Epheser, waren sie „ohne Hoffnung und ohne Gott“ in der Welt. Die alten Götter schienen nutzlos geworden, ihnen wurde nur noch in leeren Ritualen geopfert, bis Christus erschien und alles änderte. Das Christentum war nicht nur „informativ“, also eine pure Nachricht, sondern „performativ“, es änderte jeden einzelnen Menschen, der mit ihm in Berührung kam. Es hatte eine verwandelnde Kraft. Wer Hoffnung hat, lebt anders; ihm ist ein neues Leben geschenkt worden.

Da Benedikt XVI. wusste, dass diese Kraft – besonders in unseren Breiten – kaum noch wahrgenommen wird, greift er das Beispiel der afrikanischen Sklavin Giuseppina Bakhita heraus, die um 1861 in Darfur geboren wurde, und die von Stamm zu Stamm verschleppt wurde, auf fünf Sklavenmärkten verkauft, und geschlagen, gepeitscht, gegeißelt wurde, bis sie von dem italienischen Konsul Calisto Legnani angenommen wurde, der ihr von einem Patron erzählte, der weit über ihm stehe, und der sie liebe. Peron, nannte sie ihn. Ein Peron, der sie ganz annehme. Und der ihr Hoffnung gebe. Und sie beschloss, diese Hoffnung, dieses Himmelsglück weiterzugeben, sie schloss sich dem Orden der Canossa-Schwestern an, sprach auf Missionsreisen über ihre Befreiung durch Jesus Christus und über ihre Erlösung.

Aber Jesus, so stellt Benedikt gleich klar, war kein Sklavenbefreier, kein Sozialrevolutionär, kein Spartakus. Er starb am Kreuz und brachte eine andere Art der Befreiung: die Begegnung mit dem lebendigen Gott. So schickt Paulus einen entlaufenen Sklaven – das frühe Christentum war besonders anziehend auf solche – zu seinem Herrn Philemon zurück mit einem Brief, er möchte bitte seinen Knecht Osenimus wieder aufnehmen, aber diesmal als Bruder im Herrn.

Wie sehr nicht nur die menschliche, sondern auch die kosmische Ordnung durch die Geburt Jesu berührt wurde, lässt Benedikt den Hl. Gregor von Nazianz erläutern, der davon spricht, dass mit dem Stern von Bethlehem, der die drei Weisen zu dem Neugeborenen führte, auch das Ende der Astrologie gekommen war, denn nun gehorchten die Sterne dem Willen Gottes.

Benedikt taucht tief in die Geschichte des Christentums ein in dieser Enzyklika, als ob er vergessene Wurzeln freilegen wollte. Ein Kindersarkophag aus dem dritten Jahrhundert, der die Lazarus-Szene beschwört. Christus ist als Hirte und Philosoph dargestellt. Damals tummelten sich Philosophen, heute würde man sagen: Lebenshilfe-Ratgeber, an jeder Straßenecke und alle reklamierten, den Weg zum Lebensglück zu kennen. Doch der Philosoph Christus mit seinem Stab zeigt den Weg zur Wahrheit, auch über den Tod hinaus. „Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln“, dieses Psalmwort begleitet uns Menschen, auch in den düsteren Stunden des Todes, denn auch der ist, paradoxerweise, voller Hoffnung.

Die Hoffnung aber nährt sich aus dem Glauben. Und hier spricht nun der große Philologe, der aus dem Hebräerbrief zitiert: „Glaube ist Hypostase dessen, was man hofft; der Beweis von Dingen, die man nicht sieht.“ Hypostasis wurde mit Substanz übersetzt. Der Glaube ist die Substanz dessen, was man erhofft. Für Thomas von Aquin war der Glaube ein „Habitus“, eine dauernde Verfasstheit, durch die das ewige Leben beginnt und „den Verstand dahin bringt, zu glauben was er nicht sieht“.

An dieser Stelle seines altphilologischen Beweiskrimis fügt Professor Papst eine kleine Volte gegen Luther ein, der das griechische Wort „elenchos“ nicht, wie es richtig wäre, mit „Substanz“ übersetzt, sondern mit „subjektiver Haltung“. Mittlerweile hat die neue evangelische Exegese dem Papst recht gegeben. Denn die Wahrheit ist: Es ist der Glaube selbst, der uns beschenkt, der uns vorwärtstreibt mit Hoffnung, er selbst ist Substanz. Der Glaube selbst schenkt dem Menschen einen neuen Grund.

Einen weiteren Begriff fügt er nun ein, den der „Hypomone“, des „Aushaltens“. Ein für die frühen Juden zentraler Begriff, das Aushalten mit der Gewissheit des Bundes in einer feindseligen Welt. Im neuen Testament, das vom Erscheinen des Messias berichtet, verwandelt sich dieses Aushalten in ein „Warten in der Gegenwart Christi, mit dem gegenwärtigen Christus auf das Ganzwerden seines Leibes, auf sein endgültiges Kommen hin“. So einfach und schön, das nebenbei, kann Sprache genutzt werden, um ein Numinoses zu beschreiben.

Nun aber, was bedeutet die Hoffnung auf ein „ewiges Leben“? Benedikt erinnert an die Taufformel. Der Priester fragt: Was begehrst du von der Kirche? Die Eltern, in Vertretung des Neugeborenen, antworten: den Glauben. Und was gibt dir der Glaube, fragt der Priester. Das ewige Leben. Nun ist es so eine Sache mit dem ewigen Leben, das weiß Benedikt sehr wohl. Vielen ist das ewige Leben mittlerweile herzlich egal, sie wollen dieses eine Leben, und das so gut und vor allem so lang wie möglich ausschöpfen. Ewiges Leben, das klingt langweilig oder sogar unerträglich. Schon Kirchenvater Ambrosius erkannte: „Unsterblichkeit wäre mehr Last als Gabe, wenn nicht die Gnade hineinleuchten würde.“

Benedikt nimmt diesen Gedankenfaden und spinnt ihn fort bis in die Gegenwart und unseren Umgang mit Sterben und Tod. Einerseits wollen wir nicht sterben, andererseits wissen wir, dass wir nicht endlos weiterexistieren können, dafür wäre die Erde auch nicht geschaffen. Was ist es eigentlich, was wir wollen? Ist es der Moment des „Glücks“, auf das Faust hofft, wenn er sagt: „Verweile doch, du bist so schön“, und dafür bereit ist, sogar seine Seele zu verpfänden.

Wir wollen das „glückliche Leben“, schreibt Augustinus an die reiche Witwe Proba, nicht den Alltag mit seinen Verschattungen. Aber was ist „Glück“? „Wir wissen nicht, was wir bitten sollen“, zitiert er den Apostel Paulus. Es gibt da eine „gewisse wissende Unwissenheit“.

Wir strecken uns danach aus, und wählen dafür das Wort „ewiges Leben“, das man sich nicht als endlose Folge von Kalendertagen vorstellen sollte, sondern als „den erfüllten Augenblick“ oder „das Eintauchen in den Ozean der Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vorher und kein Nachher mehr gibt“. Und hier zitiert der Papst den Apostel Johannes, dem der Herr sagt: „Ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen und eure Freude wird niemand von euch nehmen.“

Nun wendet sich Benedikt dem Vorwurf zu, dass dieser Glaube, der uns beflügelt, der uns uns hinausstrecken lässt über die Gefährnisse des Lebens, der uns Krankheit und Armut ertragen lässt, eine ziemliche Privatangelegenheit ist: Sicher, die Alten, die Paulus in einem Hebräerbrief im 11. Kapitel aufmarschieren lässt, und die von nichts getragen waren als dieser Hoffnung: von Abel über Noah über Abraham, der in ein fremdes Land zog, von nichts beflügelt als dieser vagen Hoffnung, Josef, Moses, der sein Volk aus Ägypten herausführte, jeder für sich allein glücklich, und wenn um ihn herum auch die Welt zu Bruche geht.

Ist das nicht Egoismus pur. Er zitiert Henri de Lubac, der solche Stimmen in der Neuzeit aufgenommen hat. „Habe ich die Freude gefunden? Nein... Meine Freude habe ich gefunden. Und das ist etwas furchtbar anderes... Die Freude Jesu kann persönlich sein. Sie kann einem Menschen allein gehören, und er ist gerettet. Er ist im Frieden... Er ist ja der Auserwählte! In seiner Seligkeit schreitet er durch Schlachten mit einer Rose in der Hand.“

Aber das wäre eine verkürzte Lesart, denn schon im Hebräerbrief spricht Paulus von einer „Stadt“ und im Psalm 144 heißt es: „Selig ist das Volk, dessen Gott der Herr ist“. Es geht immer auch um den Exodus aus dem Gefängnis des Ich. Es geht um die selige Gemeinschaft mit Gott und darüber hinaus um die Gestaltung der Welt.

Nun haben – diesen Einwand nimmt der Papst vorweg – gerade die frühen Christen Klostergemeinschaften gebildet, Augustinus zog sich mit ein paar Getreuen zurück, sie haben damit doch der Welt den Rücken gekehrt. Nun ging es in den turbulenten Zeiten der Völkerwanderungen auch darum, den gefundenen Glauben zu schützen und zu bewahren, aber Augustinus selber beugte sich dem Wunsch einer Gemeinde und wurde ihre Priester, ihr Bischof, und auch andere Orden legten Wert darauf, nicht nur Kontemplation zu betreiben, sondern auch zu arbeiten und in und mit dieser Arbeit ebenfalls anzubeten.

Der Vorwurf der Weltabgeschiedenheit des Glaubens ist besonders einer der Neuzeit, die den gestalterischen, ja politischen Eingriff verlangt. Hier nimmt Benedikt sich die Freiheit, kurz auf die Grundlagen der Neuzeit zu sprechen zu kommen, jawohl, wir sitzen immer noch in diesem fesselnden Seminar, wo es um die radikale Debattenarbeit geht. Mit der Neuzeit, der Entdeckung Amerikas, der Entdeckung des triumphierenden Subjekts, betritt Francis Bacon die Bühne und mit ihm die Naturwissenschaften, die Experimente und ihre Bestätigung. Nun scheint es, als sei er Mensch wieder Herr im Hause, was bedeutet, „dass die dem Menschen von Gott gegebene und im Sündenfall verlorene Herrschaft über die Kreatur wiederhergestellt werde“.

Eine fundamentale Richtungsänderung für die Hoffnung. Bisher gedachte man, über den Gottesglauben des durch die Erbschuld verloren gegangenen Paradieses wieder teilhaftig zu werden; nun wurde die Hoffnung auf ein besseres Leben durch Wissenschaft und Praxis ersetzt, und der Glaube in einer anderen überweltlichen Sphäre beheimatet. Diese programmatische Sicht hat den Weg der Neuzeit bestimmt und bestimmt auch noch immer die Glaubenskrise der Gegenwart, die ganz praktisch vor allem eine Krise der christlichen Hoffnung ist“.

Die Hoffnung unter Bacon und der Neuzeit gilt nun dem wissenschaftlichen Fortschritt. Schließlich ist es Karl Marx, der im Kommunismus das Paradies auf Erden sieht, und den Umsturz predigt. Benedikt spricht durchaus mit einer gewissen Hochachtung vor seiner analytischen Fähigkeit. Allerdings hat Marx vergessen, auszuschreiben, wie es danach weitergehen soll. Er spricht von einer Zwischenphase der „Diktatur des Proletariats“. Dabei, so Benedikt, hat er ein Wesentliches übersehen: Die Natur des Menschen, die gut, aber auch böse sein kann. Er hat den Menschen vergessen. „Sein eigentlicher Irrtum ist der Materialismus, der Mensch ist nämlich ist nicht nur Produkt seiner Umstände.“

Lenin, und das ist eine Einfügung von mir, anlässlich des 100. Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917, hat am Konzept des „neuen sozialistischen Menschen“ gebastelt, das heißt, er hat seine Gegner erschießen lassen, nämlich diejenigen, die „nicht das richtige revolutionäre Bewusstsein hatten“. Stalin hat den Massenmord vergrößert und perfektioniert, schließlich kam Hitler mit seinen Banden und brachte das „auserwählte Volk“ um, weil es nicht in seine kruden Vorstellungen des arischen Volksgenossen passte.

Das materialistische 20. Jahrhundert, ergänzt um atheistische Völkermörder wie Mao Tse Tung oder Pol Pot, kann in seiner totalen Gottesferne mit Sicherheit als das mörderischste Jahrhundert der Menschheit bezeichnet werden. Benedikt: „Wenn dem technischen Fortschritt nicht Fortschritt in der moralischen Bildung des Menschen, im ,Wachstum des inneren Menschen‘ (vgl. Eph 3, 16; 2 Kor 4, 16) entspricht, dann ist er kein Fortschritt, sondern eine Bedrohung für Mensch und Welt.“

Die marxistischen Philosophen Adorno und Horkheimer haben die Verzweckung des Daseins und seiner Zurichtungen durch Ideologien durchschaut, doch vor dem Gottesbegriff schreckten sie zurück. Aus dem Verblendungszusammenhang der Gegenwart sehnten sie sich nach „dem ganz Anderen“. Präzisierungen versagten sie sich. Sie empfahlen lediglich emphatisch, dass sich die „Aufklärung der Neuzeit“ selber aufklären müsse, denn genau diese habe in eine neue Knechtschaft der Verwertungen und Verzweckungen des Lebens geführt.

Sicher ist die Vernunft ein großartiges Gottesgeschenk, „der Sieg der Vernunft über die Unvernunft ist auch ein Ziel des christlichen Glaubens. Aber wann herrscht die Vernunft wirklich? Wenn sie sich von Gott gelöst hat?“ Addierbarer Fortschritt mag in der Wissenschaft möglich ein, aber im Bereich des moralischen Bewusstseins gibt es diese Addierbarkeit nicht „aus dem einfachen Grunde, dass die Freiheit des Menschen immer neu ist und ihre Entscheide immer neu fällen muss“.

Wir können, auch das von mir zwischengefunkt, uns den neuen Menschen nicht backen, Strukturen allein nützen nichts, auch wenn es gewisse Parteien bei uns gibt, die den Menschen zu ihrem Guten zwingen möchten. Ein durch Strukturen gefertigter und gepresster Mensch wäre einer ohne Freiheit. Und ein Mensch ohne Freiheit ist keiner, dieses Experiment wäre ein für alle mal moralisch gescheitert. Also? „Der Mensch braucht Gott, sonst ist er hoffnungslos.“

Das Leben des Menschen ist, je nach Alter, von Hoffnungen durchzogen, kleineren oder größeren. Jüngere wünschen sich die große Liebe, später eine bestimmte Stellung im Beruf oder diesen oder jenen Erfolg. Doch selbst wenn all diese Hoffnungen erfüllt wurden, bleibt eine Lücke, bleibt etwas, das fehlt. Er begreift, „dass ihm nur etwas Unendliches genügen könnte, das immer mehr sein wird als das, was er je erreichen kann“.

Die Neuzeit hat diese Hoffnung auf eine perfekte Welt immanent gemacht, nicht das Reich Gottes wird angestrebt, sondern eine durch Technik und Wissenschaft mit ihren enormen Zuwächsen an Kenntnis. Aber wann ist die Welt „gut“? Was macht sie gut? „Und auf welchen Wegen kann man zu diesem Guten kommen.“

Eine Denkfigur der kritischen Frankfurter Theorie war immer auch eine messianische – es ging ihnen, besonders Walter Benjamin, aber auch Horkheimer, darum, auch die Opfer der Vergangenheit zu „befreien“, zu sühnen, also um eine allerletzte Gerechtigkeit.

Und hier steigt der katholische Oberhirte und Philosoph Benedikt ein, wenn er aus seiner Hoffnung heraus schreibt: „Ja, es gibt die Auferstehung des Fleisches.[33] Es gibt Gerechtigkeit.[34] Es gibt den ,Widerruf‘ des vergangenen Leidens, die Gutmachung, die das Recht herstellt. Daher ist der Glaube an das Letzte Gericht zuallererst und zuallermeist Hoffnung – die Hoffnung, deren Notwendigkeit gerade im Streit der letzten Jahrhunderte deutlich geworden ist. Ich bin überzeugt, dass die Frage der Gerechtigkeit das eigentliche, jedenfalls das stärkste Argument für den Glauben an das ewige Leben ist.“

Womit wir beim jüngsten Gericht wären. Schon Platon spricht davon. Benedikt zitiert ihn des längeren. Am Ende stehen die Seelen nackt vor Gott. Vergessen der einstige Status, ob König oder Bettler, hier geht um die Reinheit der Seele. Und hier wird abgerechnet. Und Paulus spricht von einem rettenden Feuer. „Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt. Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch.“

Womit Benedikt auch das Fegefeuer angesprochen hätte. „Das Begegnen mit ihm (Gott) ist der entscheidende Akt des Gerichts. Vor seinem Anblick schmilzt alle Unwahrheit. Die Begegnung mit ihm ist es, die uns umbrennt und freibrennt zum Eigentlichen unserer selbst.“

Schon im Frühjudentum war der Gedanke, dass man den Verstorbenen in ihrem Zwischenzustand durch das Gebet helfen kann, verbreitet. Die Christen haben ihn selbstverständlich übernommen, sowohl die Ostkirche wie die Westkirche. Dass die Liebe über den Tod hinwegreicht, und woran wir an jedem Totensonntag erinnern, gehört zum Bestand des Glaubens. Unsere „Existenzen greifen ineinander“, schreibt der Papst, „keiner lebt allein, keiner sündigt allein, keiner wird allein gerettet.“

Seine Enzyklika schließt er mit einer längeren Meditation zur Mutter Gottes. „Gewiss“, schreibt er, „Jesus Christus ist das Licht selber, die Sonne, die über allen Dunkelheiten der Geschichte aufgegangen ist. Aber wir brauchen, um zu ihm zu finden, auch die nahen Lichter – die Menschen, die Licht von seinem Licht schenken und so Orientierung bieten auf unserer Fahrt. Und welcher Mensch könnte uns mehr als Maria Stern der Hoffnung sein – sie, die mit ihrem Ja Gott selbst die Tür geöffnet hat in unsere Welt; sie, die zur lebendigen Bundeslade wurde, in der Gott Fleisch annahm, einer von uns geworden ist, unter uns ,zeltete‘“ (vgl. Joh 1, 14)? Und er endet seine Mariologie mit den Worten: „Heilige Maria, Mutter Gottes, unsere Mutter, lehre uns mit dir glauben und hoffen und lieben. Zeige uns den Weg zu seinem Reich. Stern des Meeres, leuchte uns und führe uns auf unserem Weg!“

Was für ein Schreiben, dessen Ziel die Ermunterung ist, die Vergewisserung, die Hoffnung und der Glaube. Alle elementaren Fragen werden angesprochen und erwogen und beantwortet. In ihrer Glaubensorthodoxie wirkt diese Enzyklika gerade heute wie klares, durststillendes Wasser.

In der Herder-Buchreihe „Katholizismus im Umbruch“ wird eine im Grunde genommen bereits hundert Jahre alte Diskussion wieder aufgegriffen, nämlich die um den „Modernismus“ auf der einen Seite und den objektiven Wahrheitsanspruch kirchlicher Lehre nicht nur in Fragen der Sitten und Moral auf der anderen. Der Bamberger Theologe und Ex-Pfarrer Stephan Hartman hat in einem im Dezember erscheinenden Aufsatz „Katholizismus im Umbruch – oder im Abbruch“ die gegensätzlichen Argumentationslinien präzise und kenntnisreich nachgezeichnet, wobei er keinen Hehl aus seinen Sympathien macht. „Christlicher Glaubensgehorsam (fides qua) richtet sich mit Verstand und Willen auf die zuhöchst in Jesus Christus ergangene geschichtliche und biblisch festgehaltene Offenbarung des dreieinigen Gottes (fides quae) Die Wahrheit der apostolisch verkündeten Glaubenslehre steht vor ihrer freien Abnahme oder Ablehnung. Das ist unstrittig auch bei den Protestanten, von Martin Luther bis Karl Barth. Der Katechismus fasst diese Wahrheiten zusammen.“

Dagegen formiert sich seit einiger Zeit eine Phalanx von Theologen, die in Immanuel Kant ihren Meister gefunden haben, in jenem Denker, der ausführte, dass der Mensch in seinem vernünftigen Subjekt Zentrum allen Denkens sei. Dass die Wahrheit an sich nicht zu haben sei, da sie immer nur perspektivisch sich darstelle, und er damit der verheerende Urvater des deutschen Idealismus wurde.

Das hat Konsequenzen. Wo diese Einstellung, die die Ablehnung aller Vorgaben der Ethik und der Religion bedeuten kann, sich absolut setzt, kann von Indifferentismus oder eben von Benedikts berühmter Warnung vor einer Diktatur des Relativismus gesprochen werden.

Die Kirche schwimmt. Und vorneweg schwimmt der Papst. Was bedeutet eine Enzyklika? Eine Lehrmeinung oder eine Art Diskussionsvorschlag, der mal so in die Runde der Kirche geworfen wird. Gegen diesen Unernst, insbesondere in der Handhabe der Familien-Enzyklika „Amoris laetitia“, haben Schriftsteller und Theologen wie Martin Mosebach und Hubert Windisch eine Correctio filialis dehaeresibus propgati“ verfasst, „eine Zurechtweisung wegen der Verbreitung von Häresien.“

Schon zuvor hatten die „Dubia“ von fünf Kardinälen für Unruhe gesorgt. Sie blieben unbeantwortet. Stattdessen wurde Kardinal Müller als Chef der Glaubenskongregation entsetzt und Kardinal Sarah, verantwortlich für die Liturgie, gemaßregelt. Tatsächlich findet die „Aufbruchs“-Diskussion im Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Freiheit statt. Der Bonner Dogmatiker Menke verneint gemeinsam mit dem Hl. Johannes Paul II. die These, die Freiheit des Menschen entscheide über die Wahrheit von Werten und Normen.

Dagegen die Meinung des Herausgebers Magnus Striet: „Offensichtlich kollidieren die Prinzipien moderner Lebensführung, zumindest in den durch die europäischen und amerikanischen moderner Aufklärungstraditionen geprägten Gesellschaften zu stark mit einer auf Autorität und Gehorsam setzenden Kirche, als dass die damit ausgelösten Konflikte noch zu verdecken wären.“

Nun, ich als einfacher Katholik habe gelernt, dass es eine offenbarte Wahrheit objektiv gültig ist, unabhängig von der Jahreszeit oder dem Pontifex, und ich lese in Papst Benedikts Enzyklika „Spe salvi“ in bewundernswerter Weise dargestellt, was uns alle trägt: die Hoffnung und der Glaube, egal, wodurch ich grade geprägt bin, ob durch die Tagesschau oder die Fülle der dystopischen Phantasien, die sich derzeit auf Kinoleinwänden austoben, wo Superhelden immer wieder neu die Welt retten. Diese verflimmern.

Was bleibt ist die Gewissheit, dass die Kirche steht, dass die Offenbarung tatsächlich eine objektive Wahrheit bedeutet, und daher auch die Hoffnung beflügeln kann, die sie verspricht. So sind wir Kirchenlehrern wie Benedikt XVI. dankbar, der vor zehn Jahren, am 30. November 2007, am Feiertag des hl. Andreas zu den Christen der Welt über die Hoffnung schrieb.

Der Autor, lange Zeit Korrespondent und Reporter beim „Spiegel“, gehört zu den bekanntesten Publizisten im deutschsprachigen Raum. Sein Buch „Das katholische Abenteuer“ (2011) und sein Weihnachtsroman „Die Apokalypse nach Richard“ (2012) gelten inzwischen als moderne katholische Klassiker.

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