Ein peinliches Geschenk

Am 5. Mai wird in Trier eine überdimensionale Karl-Marx-Statue enthüllt – Aufgestellt ist sie bereits. Von Carl-Heinz Pierk
Marx-Statue in Trier
Foto: dpa | Der Kopf der noch durch eine Plane eingehüllten Karl-Marx-Statue des chinesischen Künstlers Wu Weishan war beim Aufstellen frei zu sehen. Offiziell wird die Statue am 5. Mai zum 200.

In Ostdeutschland hat Karl Marx seine besten Jahre hinter sich. Dort wurden die meisten Denkmäler nach der Wende abgeräumt. Und Karl-Marx-Stadt hieß kurz nach dem Mauerfall wieder Chemnitz. In Trier jedoch soll der geistige Vater des Kommunismus eine späte Wertschätzung erfahren – als Statue. Die Marx-Figur ist ein Geschenk der Volksrepublik China an die Stadt Trier zum 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. Mai 2018. Jedes Jahr kommen nach Angaben der Stadt schätzungsweise 50 000 chinesische Touristen nach Trier, um das Marx-Haus zu besuchen, in dem er nur das erste Lebensjahr verbrachte. Entworfen und angefertigt wurde die Skulptur vom chinesischen Staatskünstler Wu Weishan, der auch Direktor des chinesischen Nationalmuseums ist. Eigentlich sollte die Statue erst am 5. Mai aufgestellt werden, doch plötzlich hatte man sich für den vergangenen Freitag entschieden – aus angeblich technischen Gründen.

Nachdem der Stadtrat am 13. März 2017 der Annahme des Geschenks grundsätzlich zugestimmt hatte, einigten sich die Stadt Trier, Künstler Wu Weishan und die Volksrepublik China auf die Ausführungsdetails. Demnach wird die Bronzeskulptur inklusive Sockel eine Gesamthöhe von 5,50 Meter erreichen. Ursprünglich sollte die Statue sogar über sechs Meter groß werden – in Trier aber wollte man keinen „Mega-Marx“. Die Ecken des abgestuften Sockels zeigen in die Richtung der wichtigsten Wirkungsorte des „Vaters aller Werktätigen“, wie er von der DDR-Führung heroisiert wurde. Stehen soll die Statue auf dem Simeonstiftsplatz, direkt hinter dem Stadtmuseum und in Sichtweite des Wohnhauses der Familie Marx in der Simeonstraße. Marx ist nicht überall in Trier willkommen – sein Denkmal soll wenigstens bei der feierlichen Enthüllung am 5. Mai nicht besprüht oder sonst verschandelt sein. Die Figur ist gewachst, damit eventuell Farbschmierereien mühelos entfernt werden können. Kritik am Denkmal entzündete sich, weil schließlich die Schriften von Karl Marx die theoretische Grundlage für unterdrückerische und mörderische totalitäre Diktaturen im Namen des von ihm definierten Proletariats legten, die einen großen Teil der Welt ein halbes Jahrhundert lang terrorisierten. Im Namen von Karl Marx seien Dutzende von Diktaturen errichtet worden, heißt es daher in einer Mitteilung der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft. Diese hätten Millionen von Menschenleben gefordert. Die Opfer des Kommunismus aber warteten vergeblich auf ein Mahnmal. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass man in dem Teil Deutschlands, der seit 1945 immer frei war, anfängt, neu Standbilder von Karl Marx aufzustellen“, sagte der Bundesvorsitzende der Union, Dieter Dombrowski, der Deutschen Presse-Agentur in Trier. „Das ist wirklich bizarr.“

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte warf dem Trierer Stadtrat vor, die Menschenrechtsverletzungen in China zu ignorieren. In einem vom IGFM-Vorsitzenden Edgar Lamm unterschriebenen Brief heißt es unter anderem: „Wir sehen fortgesetzte gravierende Menschenrechtsverletzungen: Die Inhaftierungen von Dissidenten, Menschenrechts-Anwälten, Journalisten und Bloggern, verbunden mit der Verfolgung von deren Angehörigen und Freunden. Die Verurteilung dieser Menschen in Gerichtsprozessen, die jenseits von Recht und Gerechtigkeit geführt werden. Die Inhaftierung dieser Menschen unter unwürdigen Bedingungen und zum Teil in Strafarbeitslagern, die nicht einmal die zuständigen UN-Rapporteure inspizieren dürfen. Die trotz internationaler Proteste bisher nicht erfolgte Freilassung aller politischen Gefangenen, insbesondere des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo.“ Es sei eine Frage der Würde und des Anstandes, zu diesen Verbrechen nicht zu schweigen. Die Annahme eines in propagandistischer Absicht erfolgten Geschenks dieser Diktatur sei mehr als peinlich, betonte Lamm.

Auf scharfe Kritik stößt das Marx-Denkmal auch bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). „Gerade jetzt verschärft die Kommunistische Partei (KP) in China im Namen von Karl Marx die Verfolgung von Christen, die sich von den staatlich kontrollierten Kirchen nicht vertreten fühlen“, betonte der GfbV-Direktor und Asien-Experte Ulrich Delius in Göttingen. Die neuen Vorschriften würden die Gläubigen nicht offiziell registrierter Kirchen noch weiter in die Illegalität und den Untergrund treiben. Auch andere Grundrechte würden im Namen der Kommunistischen Partei und ihres alleinigen Machtanspruchs systematisch ausgehöhlt.

„Die katastrophale Lage von Chinas Christen, Menschenrechtlern und kritischen Rechtsanwälten zu ignorieren und mit einem Geschenk der chinesischen Regierung einem Mann ein Denkmal zu setzen, in dessen Namen Menschenrechte mit Füßen getreten werden, zeugt weder von Sensibilität noch von Weitblick“, kritisierte Delius. Es könne doch nicht angehen, „dass zur Steigerung des lokalen Tourismus und der Übernachtungszahlen chinesischer Gäste grundlegende christliche und demokratische Werte über Bord geworfen oder verramscht werden“.

Bei Karl Marx, dem „Vater aller Werktätigen“, nahm der Arbeitsbegriff schon in den Frühschriften eine Schlüsselposition ein. Arbeit macht für ihn das Wesen des Menschen aus. Realitätsbezogen zeigt das Museum am Dom des Bistums Trier mit der Ausstellung „LebensWert Arbeit“ eine Auswahl zeitgenössischer Kunst zum Themenfeld Arbeitswelt und Menschenwürde. Das Bistum Trier ist Kooperationspartner der großen Landesausstellungen zum Karl Marx-Jubiläumsjahr 2018. Der Diözesan-Caritasverband Trier will zusammen mit der Aktion Arbeit, dem Katholikenrat im Bistum Trier und der Katholischen Erwachsenenbildung auf die Situation von Menschen hinweisen, die von Arbeitslosigkeit oder ständiger Sorge um ihren Arbeitsplatz betroffen sind.

Am Freitag, den 8. Juni, findet um 17.30 Uhr im Museum am Dom dazu ein Vortrag und eine Diskussion unter dem Motto „LebensWert Arbeit – eine Zeitreise zum Wert der Arbeit“ statt. Weihbischof Franz Josef Gebert, der Vorsitzende des Diözesan-Caritasverbandes, wird die Veranstaltung eröffnen. Der Sozialethiker Professor Uwe Becker (Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum) wird mit den Zuhörern den Wert von Erwerbsarbeit kritisch reflektieren, vor allem mit Blick auf die Problematik der verfestigten Langzeitarbeitslosigkeit. Brennende Fragen aus Anlass des 200. Geburtstages von Karl Marx.

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