Ein Lied geht um die Welt

Mehr als nur Teil des persönlichen Gebetslebens vieler Gläubigen: Die Vertonungen des „Ave Maria“ durch die Jahrhunderte. Von Maria Palmer
Menschliche Alphabet - Mittelalterliche Darstellung der Lebenswelt
Foto: IN | Das menschliche Alphabet, mittelalterliche Darstellung der Lebenswelt.

Es ist selbstverständlicher Bestandteil des Gebetslebens der Christen weit über die katholische Kirche hinaus und gehört neben dem Vater unser sogar zu den Gebeten, die weltweit am häufigsten zum Himmel gesandt werden. Das „Ave Maria“ ist deshalb nicht nur Teil des persönlichen Gebetslebens vieler Christen, sondern zählt auch im Bereich der Musik zu den am häufigsten rezipierten und in gottesdienstlichen Feiern, besonders bei Hochzeiten oder Beerdigungen gesungenen Texten.

Beste liturgische Gebrauchsmusik

Die bekannteste Vertonung ist das sogenannte „Ave Maria von Bach/Gounod“. Es wurde 1852 komponiert, erhielt den Titel „Meditation sur le premiere prélude de Bach“ und wurde 1859 mit dem Text des lateinischen „Ave Maria“ unterlegt. Gounod verwendet das Präludium C-Dur, das die Reihe der alle Tonarten durchschreitenden Präludien und Fugen der Konzeptkomposition „Das Wohltemperierte Clavier“, mit dem Bach die Verbreitung der gleichnamigen wohltemperierten, also gleichschwebenden und nicht mehr reinen Stimmung unterstützen wollte, eröffnet, nahezu unverändert. Er wiederholt lediglich die ersten vier Takte, die zunächst als Vorspiel und dann noch einmal mit der darüber einsetzenden Melodie erklingen, und ergänzte hinter Takt 22 einen von Christian Friedrich Gottlob Schwenke bereits hinzugefügten, zwischen den beiden verminderten Septakkorden vermittelnden und das Singen eines weiteren, expressiven „Maria“ Rufes ermöglichenden Takt. Dieses von Bach übernommene, nun zur Begleitung gewordene Gerüst versah Gounod dann mit einer einprägsamen Melodie, die seine Komposition zu dem „Ave Maria“ schlechthin gemacht hat.

Gounod war allerdings keineswegs der erste, der das Lieblingsgebet so vieler Christen vertonte. In der Renaissance steuerten der frankoflämische Sänger und Komponist Nicolas Gombert und seine Kollegen und Landsmänner Josquin Desprez und Johannes Ockeghem Kompositionen zur Gattung Ave Maria bei. Der ebenfalls der Renaissance zugerechnete Jakob Arcadelt schrieb hingegen ursprünglich kein „Ave Maria“, sondern ein weltliches Chanson. Erst Pierre-Louis Dietsch kontrafaszierte es und kombinierte den Chansonsatz Arcadelts mit dem „Ave Maria“-Text. In der Barockzeit finden wir ein „Ave Maria“ von Heinrich Schütz und eine weitere, heute sehr verbreitete, nur die Anfangsworte verwendende Vertonung des Textes von Giulio Caccini.

In der Romantik setzt dann eine vermehrte Beschäftigung mit dem Text ein. Ob Felix Mendelssohn Bartholdy, der sein „Ave Maria“ für vierstimmigen Chor, Soli und Orgel setzte, Johannes Brahms, Anton Bruckner, Luigi Cherubini, Georges Bizet, Marcel Dupré, César Franck, Franz Liszt oder Josef Gabriel Rheinberger, von dem sogar mehrere Vertonungen des Textes überliefert sind – sie alle haben ihre tonsetzerische Kraft und Fantasie eingesetzt, um dem „Ave Maria“ ein zeitgemäßes und ansprechendes Klanggewand zu weben. Auch Musiker, bei denen man dieses Genre gar nicht vermutet, sind unter denjenigen, die sich mit dem „Ave Maria“ auseinandergesetzt und den Text vertont haben. Camille Saint-Saens beispielsweise war bei seinen Zeitgenossen berühmt dafür, die Musik der ganzen Welt besser zu kennen als viele andere. Sein Werk ist so umfangreich wie seine Interessen. Symphonische und dramatische Musik finden sich in seinem Werkverzeichnis neben Kammer-, Klavier-, Ballett- und Militärmusik. Sogar mit einem Beitrag zur Filmmusik ist er vertreten. Seltsam, dass seine Kirchenmusik bis auf das Weihnachtsoratorium heute beinahe völlig in Vergessenheit geraten ist. Dabei gehörte der Dienst als Organist in verschiedenen Kirchen von Paris ebenso zu Saint-Saens, wie die Komposition geeigneter Musik für die Liturgie. Sein „Ave Maria“ für zwei gleiche Stimmen und Orgel ist beste liturgische Gebrauchsmusik auf dem Niveau von Camille Saint-Saens – und somit unbedingt empfehlenswert. Die Singstimmen sind sowohl solistisch als auch chorisch darstellbar und eine positive Bereicherung des Repertoires an Antworten auf die Frage: Können Sie auch das „Ave“ singen?

Franz Schuberts „Ave Maria“ gehört zur Reihe der ursprünglich mit einem anderen Text verbundenen Beispielen der Gattung. Das Lied „Ellens dritter Gesang“, Deutschverzeichnis 839 Opus 52 Nr. 6, ist Teil des Liederzyklus „Das Fräulein vom See“. „Ellens dritter Gesang“ beginnt zwar mit den Worten „Ave Maria“, erzählt dann aber eine andere Geschichte. Die Bearbeitungen, die Schuberts ursprüngliche Komposition mit dem Text des „Ave Maria“ verbinden, stammen aus späterer Zeit, sind aber unter dem Namen „Schuberts Ave Maria“ bekannt.

Unter den zeitgenössischen Komponisten gibt es eine bemerkenswert große Anzahl an Komponisten, die sich mit dem Text des „Ave Maria“ auseinandersetzt haben.

Berthold Hummels „Ave Maria“-Motette für gemischten Doppelchor lebt vom Element des Dialoges, dessen Partner hier durchgängig die Ober- und Unterstimmen sind. Zeitversetzte Einsätze mit thematisch gleichem Material auf einer anderen Tonstufe bewirken reiche Klangfärbungen und eine Steigerung der Intensität der Bitten. Dynamisch schöpft Hummel die gesamte Bandbreite emotionaler Ausdrucksmöglichkeiten aus. Vom beinahe flüsternden und durch die gesetzten Stakkati zugleich intensiven „Ora pro nobis“ bis zum an einen Aufschrei erinnernden Forte über „peccatoribus“ reicht das Spektrum – eine dynamische Entwicklung, die sich auch in anderen Abschnitten des „Ave Maria“ zeigen lässt, wie beispielsweise im einstimmig in den Oberstimmen beginnenden und dann kanonisch in den Unterstimmen fortgeführten melodischen Motiv über Jesus.

Wiederholtes Hören in geistlicher Hinneigung

Die häufig einstimmig beginnenden Abschnitte, die sich harmonisch entfalten und zugleich dynamisch steigern, unterstreichen den Charakter des innigen, von großer Intensität geprägten Gebetes.

Ludger Stühlmeyers 2016 für die Sopranistin Michele Rödel komponiertes „Ave Maria“ arbeitet mit einem am Gregorianischen Choral orientierten Wort–Ton-Verhältnis, das die melodische Linie als Auslegung der lateinischen Worte begreift und dessen harmonische Textur die mit dem Engelsgruß, der Begegnung Marias mit Elisabeth und der allen Menschen gemeinsamen Bitte um Beistand in den Nöten des Lebens und der Stunde des Todes verbundenen emotionalen Subtexte kongenial zum Ausdruck bringt. Im Blick auf das liturgische Einsatzfeld wählte der Komponist bewusst keine dissonant aleatorische Struktur, sondern konzipiert sein „Ave Maria“ in der ihm gleichermaßen zu Gebote stehenden ebenso facetten- wie farbenreichen neoharmonischen Ausdruckswelt, deren ganz eigener Klang nicht nur Wiedererkennungswert hat, sondern auch den Wunsch nach wiederholtem Hören in geistlicher Hinneigung weckt.

Zugleich Schmerz und die Zuwendung Gottes

Die aufsteigende Melodie im Begrüßungsgestus zu Beginn wird von der descendenten Linie über „Dominus tecum“ und „benedicta tu“ beantwortet. Theologisch hochinteressant ist die harmonisch weit ausgreifende nach oben weisende Linie über „et benedictus“, die der Inkarnation inhärente Erlösungskraft von unten durch das Erscheinen Gottes inmitten der Welt, der er beim Aufstieg zu Gott hin vorangeht, zum Ausdruck bringt. Dieses kraftvolle Ausdruckselement wird in der rhythmisch prägnant drängenden Orgelbegleitung ebenso ausgedrückt wie in der damit verbundenen, gleichermaßen den Schmerz ausdrückenden und die Zuwendung Gottes einfordernden melodischen Linie über „Sancta Maria ora pro nobis“, die dann in einem versöhnlichen, in tröstlicher Hoffnung verhallenden „Amen“ ausklingt.

Wer das „Ave Maria“ zum Klingen bringen will, kann also auch in der Moderne auf eine Fülle geeigneter Vertonungen wie die näher beschriebenen oder die von Hermann Schroeder, Ferrucio Busoni, Franz Bibl oder Alfred Schnittke, der das „Ave Maria“ in seine für Countertenor, Tenor, Kammerchor und Kammerorchester konzipierte vierte Sinfonie integrierte, zurückgreifen.

Wer „Ave Maria“-Kompositionen aus verschiedenen Jahrhunderten nachhören will, kann das auf der bei Wallet Edition erschienenen CD „Ave Maria – Praise of the Virgin, Mary through the Centuries“ tun. Es musizieren die Regensburger Domspatzen, die Augsburger Domsingknaben, die Frankfurter Kantorei, das Dufay Ensemble, die Gruppe für Alte Musik München, das Salzburger Barockensemble, L'arpa festante und andere.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Anton Bruckner Augsburger Domsingknaben Camille Saint-Saëns Christen Felix Mendelssohn-Bartholdy Franz Schubert Georges Bizet Heinrich Heinrich Schütz Johannes Brahms Ludger Stühlmeyer Luigi Cherubini

Kirche

Der Vatikan hat die Vorwürfe gegen den Kardinal wegen sexueller Belästigung überprüfen lassen und sieht keine Elemente für die Eröffnung eines kanonischen Verfahrens.
18.08.2022, 18 Uhr
Meldung
Pilgerboom in  Maria Vesperbild:  Der zweite Besuch des  Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Woelki in Maria Vesperbild wird zum Heimspiel.
18.08.2022, 09 Uhr
Regina Einig
Deutsche Bischofskonferenz gibt mit dem Katholischen Medienpreis 5000 Euro für Selbstdemontage der katholischen Kirche aus. Den Bischofsstab haben nun die Medien. Ein Kommentar. 
17.08.2022, 20 Uhr
Dorothea Schmidt