Ein Leben zwischen Welt und Kloster

Im Stift Heiligenkreuz hat Altabt Gregor Ulrich Henckel von Donnersmarck seine Autobiographie vorgestellt. Von Gudrun Trausmuth
Altabt Gregor Ulrich Henckel von Donnersmarck im Gespräch Birgit Schotte
Foto: Elisabeth Fürst | Altabt Gregor Ulrich Henckel von Donnersmarck im Gespräch mit der Leiterin des Ueberreuter Verlags, Birgit Schotte, bei der Buchvorstellung in Kloster Heiligenkreuz.

Wenn Du einmal gestorben bist, muss man dein Mundwerk extra totschlagen“, zitierte der Heiligenkreuzer Altabt Gregor Henckel von Donnersmarck launig einige Mitbrüder. Tatsächlich sei, wie der 75-Jährige im Zuge der Präsentation seiner Autobiographie „Der Spediteur Gottes“ mehrfach betonte, bei ihm die Eloquenz stets größer gewesen als der Ehrgeiz. Die Souveränität und Strahlkraft, mit der der Zisterzienser die Gäste seiner Buchpräsentation im prachtvollen Kaisersaal des Wienerwaldklosters in den Bann zog, bestätigte seine besondere rhetorische Gabe. Verlagsleiterin Birgit Schott, die den flotten Marsch durch das neuerschienene Buch dirigierte, brauchte nur ein Stichwort zu liefern, und schon erlagen die Zuhörer der kraftvollen, dunklen Stimme des Mannes, der engagiert und entspannt zugleich aus einem Schicksal und Leben erzählte, das packt und beeindruckt.

Eine Instanz in Glaubensfragen

Einer alten europäischen Adelsdynastie entstammend, wurde Ulrich im schlesischen Breslau geboren, am 16. Januar 1943. Ein für Europa denkwürdiges Datum, betonte Henckel von Donnersmarck und nahm Bezug auf die Schlacht von Stalingrad, wo an diesem Tag die beiden Flugplätze Pitomnik und Gumrak von der Roten Armee erobert wurden – der Kessel von Stalingrad schloss sich. Am 16. Januar 1983 feierte Pater Gregor als junger Priester seinen 40. Geburtstag und kam mit einem gewissen Gerhard Winkler ins Gespräch, welcher meinte, er feiere ebenfalls heute seinen 40. Geburtstag. Pater Gregor war erstaunt, schätzte er den Gesprächspartner doch etwa 20 Jahre älter ein. Das Rätsel löste sich: Gerhard Winkler war am 16. Januar 1943 als Zwanzigjähriger in besagter Schlacht von Stalingrad gewesen und hatte nicht nur einen Granateneinschlag in nächster Nähe überlebt, sondern auch mit dem wohl letzten Flugzeug den Kessel von Stalingrad verlassen können. Seitdem feierte er den 16. Januar als seinen eigentlichen Geburtstag.

Zwei Jahre nach Ulrichs Geburt wurde seine Familie von den Polen aus der alten Heimat vertrieben. Seine Erinnerung an die Flucht als Kleinkind beschrieb Abt Gregor als eng mit zwei Behältnissen verbunden: Einem Fußsack, in den man ihn gesteckt hatte und der ihm Unsicherheit und Geborgenheit zugleich vermittelte und einem herrenlosen, leeren Koffer, den seine Mutter auf der Flucht gefunden hatte und der immer noch im Besitz des Sohnes ist.

Nach einigen Jahren in Unterfranken zogen die Henckels von Donnersmarck nach Kärnten, wo Ulrich 1963 das Abitur bestand. Ungeheuer sympathisch und trostvoll wirkt es, wenn eine so überragende Persönlichkeit wie Abt Gregor sich einen „katastrophal schlechten Schüler“ nennt: „Ich musste – ganz gegen meinen Willen – zehn und nicht nur die vorgesehenen acht Jahre aufs Gymnasium gehen…“ Nach dem Militärdienst beim österreichischen Bundesheer studiert Henckel von Donnersmarck an der Hochschule für Welthandel in Wien. Als Diplomkaufmann macht er schnell Karriere und lenkt das Logistikgeschäft beim Großspediteur Schenker, für den er zunächst in Frankfurt, dann in Barcelona tätig ist.

Im Ensemble mit einer Geigerin eröffnen Pater Alberich (Klarinette) und Pater Thaddäus Maria (Klavier) mit den Sätzen einer Mozart-Sonate den jeweils nächsten Lebensabschnitt, über den Altabt Gregor erzählt. Sein Ausgreifen ins Historische und Politische empfiehlt die Autobiographie auch als wertvolles Zeitdokument. Schließlich aber kommt die Wende, was das persönliche Leben des Autors betrifft: „Insgesamt dreimal während meiner weltlichen Jahre war ich gefragt worden, ob ich mich nicht im Eigentlichen zu einem geistlichen Beruf berufen fühlte“, schreibt Henckel von Donnersmark. Diese Fragen blieben offenbar doch nicht ohne Wirkung, ebenso wie ein „schicksalshafter“ Besuch in der Spanischen Zisterzienserabtei Santa Maria de Poblet … Und außerdem, so der Heiligenkreuzer Altabt, habe ihn das Gefühl beschlichen, dass er in religiöser Hinsicht nicht auf dem Niveau lebe, das er sich gewünscht hätte. Zusammen mit der Tatsache, dass er immer schon so etwas wie eine Instanz in Glaubensfragen gewesen sei, und außerdem ein starkes Gefühl der Solidarität mit dem Papst (insbesondere mit Papst Paul VI., der ein „Märtyrer der Massenmedien“ gewesen sei) empfunden habe, habe dies wohl den Ausschlag gegeben für die Entscheidung von 1977, ins Zisterzienserstift Heiligenkreuz einzutreten.

Wie sich die Aufnahme in das Kloster ereignete

Was die Lektüre der Autobiographie betrifft, so sei ausdrücklich auf das Kapitel „Mein neues Leben“ hingewiesen, das neben der persönlichen Ebene auch eine fundierte Darstellung des Prozedere der Aufnahme in das Kloster sowie des klösterlichen Lebens selbst liefert. Ebenso informativ und anziehend auch das Kapitel über die boomende Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz und jenes über das Stift Heiligenkreuz.

2007 brachte für Abt Gregor „den unanfechtbaren Höhepunkt“ seines Lebens: Nach seinem Klostereintritt und vor allem nach der Priesterweihe, war er ja mit vielen verschiedenen Aufgaben betraut worden, unter anderem war er Assistent des Generalabtes der Zisterzienser in Rom. Schließlich wurde er zum Abt von Heiligenkreuz gewählt.

Als Abt hatte er Papst Benedikt XVI. mehrfach zu einem Besuch nach Heiligenkreuz eingeladen – und tatsächlich geschah dann das Wunder: Am 9. September 2007 besuchte der Heilige Vater als erster Papst das Zisterzienserstift Heiligenkreuz. „Aber was machst du dann am 10. September 2007?“, wurde Abt Gregor im Vorfeld des Papstbesuches von einem Freund gefragt. Nun, Sorgen braucht man sich über den „Abbas emeritus“ wohl nicht machen: Nachdem er 2011 seine freiwillige Resignation vom Amt des Abtes vollzogen hat, ist er weiterhin höchst aktiv, viel unterwegs, in unterschiedlichster Mission, immer aber als „Spediteur Gottes“, in dem Bestreben, „dass die Ware ,Glauben‘, die in himmlischen Gefilden ihren Ursprung hat, ihren Weg auf die Erde findet.“

Gregor Ulrich Henckel Donnersmarck:
Der Spediteur Gottes. Ein Leben zwischen Welt und Kloster.
Ueberreuter Verlag, Wien 2018, 200 Seiten, ISBN 978-3-8000-7706-9, EUR 24,95

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