Kultur

Ein Laie soll es richten

Der Profi-Journalist Paolo Ruffini leitet jetzt den Medien-Koloss des Vatikans. Von Guido Horst
Paolo Ruffini
Foto: IN | Muss die Vatikanmedien in ruhigeres Fahrwasser steuern: Paolo Ruffini.

Die Ernennung des Radio- und Fernsehjournalisten Paolo Ruffini zum Präfekten der personalstärksten Behörde des Vatikans, des Dikasteriums für Kommunikation, stellt einen historischen Einschnitt dar. Bisher waren Leitungsämter in der römischen Kurie Klerikern – in der Regel Bischöfen und Kardinälen – vorbehalten. Ruffini, Jahrgang 1956 und Absolvent einer juristischen Hochschulausbildung, ist hingegen Laie und verheiratet. Schon sein Vorgänger im Amt, der Medienwissenschaftler Dario Edoardo Vigano, der über die Verfremdung eines scheibchenweise veröffentlichten Privatbriefs des emeritierten Papstes Benedikt stürzte, war „nur“ Monsignore. Der einzige Laie, der heute ein Leitungsamt im Vatikan bekleidet, ist der Uruguayer Guzman Carriquiry, einst Untersekretär im Laienrat und heute Vizepräsident der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika.

Doch dass die Wahl von Papst Franziskus für das Präfektenamt in Sachen Vatikanmedien jetzt auf den gebürtigen Sizilianer Ruffini fiel, ist ein Novum. Seit dem Rücktritt Viganos hatte übergangsweise der Sekretär des Sekretariats, Lucio Adrian Ruiz, dessen Geschäfte geführt. Erst im vergangenen Juni hat der Papst dann aus der ursprünglich als Päpstliches Medien-Sekretariat gegründeten Behörde ein sogenanntes Dikasterium für Medien gemacht.

Berufliche Qualifikationen für das oberste Leitungsamt in diesem Hause hat Ruffini mehr als genug. Er war Journalist, arbeitete bei den Zeitungen „Il Mattino“ und „Il Messagero“ und wechselte dann zum Staatsfernsehen. Er war Direktor des dritten Kanals der RAI und ging dann zu dem privaten Sender La7. Zuletzt leitete er den von den italienischen Bischöfen getragenen Fernsehsender TV2000. Hier kümmerte er sich vor allem um administrative Leitungsaufgaben. Für TV2000 zeichnete er im November 2016 zusammen mit Lucio Brunelli, dem Nachrichtendirektor des Senders, ein längeres Interview mit Franziskus zum Abschluss des Heiligen Jahrs der Barmherzigkeit auf, wo ihn der Papst besser kennenlernte.

In Italien hat der Name Ruffini einen bekannten Klang. Sein Vater Attilio, Antifaschist und Christdemokrat der ersten Stunde in der Nachkriegszeit, war mehrfach Minister. Und auch kirchliche Karrieren sind der Familie nicht fremd: Der Großonkel war unter Pius XII. Erzbischof von Palermo und von 1945 bis 1967 Mitglied des Kardinalskollegiums.

Die Nachricht der Ernennung Ruffinis vom vergangenen 5. Juli schlug beim bischöflichen Sender TV2000 wie eine Bombe ein – und löste Bestürzung aus. Der scheidende Direktor war dort beliebt, er konnte zuhören, setzte auf Teamwork und er erwies sich als kompetenter Koordinator. Diese Eigenschaften wird er an der Spitze der unter dem Dach seines Dikasteriums zusammengelegten Medien des Vatikans gut gebrauchen können.

Der neue vatikanische Medien-Koloss ist Frucht des ehrgeizigsten Projekts im Zuge der seit fünf Jahren laufenden Kurienreform. Ruffinis Vorgänger Vigano saß darum regelmäßig mit am Tisch des neunköpfigen Kardinalsrats – und auch der Nachfolger wird dort wohl weiter über den Fortgang des Zusammenwachsens einzelnen Sparten seines Haues berichten. Da wurden nicht zwei, drei Päpstliche Räte zu einem neuen Dikasterium zusammengelegt, wie das bei denen für Laien, Familie und Leben beziehungsweise für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen der Fall war, sondern Hunderte von Angestellte müssen lernen, mit ganz neuen Arbeitsabläufen zurechtzukommen. Noch behauptet die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ eine gewisse Eigenständigkeit. Ebenso sträubt sich die seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von den Salesianern Don Boscos geführte Druckerei des Vatikans gegen eine Gleichschaltung. Ansonsten sind Verlag, Presseamt, Internet-Auftritt, Radio und Fernsehen unter dem Markenzeichen „Vatikan News“ und „Vatican Media“ zurückgetreten, was aber nicht heißt, dass die rund siebenhundert Mitarbeiter des Medien-Dikasteriums nun alle wie selbstverständlich und mit den von Vigano immer angekündigten Synergieeffekten zusammenarbeiten. Übrigens ist auch der entlassene Medien-Chef immer noch im Hause. Mit der Annahme des Rücktritts Viganos hat Papst Franziskus für diesen das Amt eines Assessors beim Medien-Dikasterium geschaffen, Ruffini verfügt also über seinen Vorgänger in irgendeiner Weise als engeren Mitarbeiter.

Eine für vatikanische Verhältnisse übergroße Behörde wie das Medium-Dikasterium kostet vor allem Unsummen von Geld. Viele Mitarbeiter der journalistischen und technischen Dienste sind verheiratet und haben Familie. Entlassungen oder Gehaltskürzungen solle es im Zuge der Reform nicht geben, hatte Papst Franziskus zu Beginn der Umgestaltung angekündigt. Dass das alte Radio Vatikan als solches nicht mehr existiert, lag auch daran, dass der Sender mit seinen zahlreichen Sprachredaktionen – wie auch der „Osservatore Romano“ mit seinen Landesausgaben – nicht die geringsten Einnahmen erwirtschaftete. Die unter hohem Finanzdruck stehende Kurienbehörde wirtschaftlich und personell in ruhigeres Fahrwasser zu steuern, dürfte Ruffinis Hauptaufgabe sein.

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