Ungeschminkt

Ein Herz für schwule Priester

Die kommende Synodalversammlung wird sich in einem neuen Handlungstext mit dem Thema „Enttabuisierung und Normalisierung – Voten zur Situation nicht-heterosexueller Priester“ befassen.
Christopher Street Day in München
Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa) | Wolfgang Rothe (rechts) während der Parade zum CSD: Rothe - auch bekannt als der Whisky-Vikar - hat sich als homosexuell geoutet und darf im Erzbistum München und Freising von Erzbischof Reinhard Kardinal Marx als ...

Aus der Abteilung „Alles, was Sie niemals über Ihren Priester wissen wollten“ kündigen sich heiße Neuigkeiten an, denn die kommende Synodalversammlung im September wird sich in einem neuen Handlungstext mit dem Thema „Enttabuisierung und Normalisierung – Voten zur Situation nicht-heterosexueller Priester“ befassen, um das Coming Out schwuler Priester endlich aus der Tabuzone zu holen. Ja, wir sollten uns alle unsere katholische Intoleranz ab- und den netten schwulen Priester von nebenan angewöhnen. Da heißt es im Text, die katholische Kirche in Deutschland solle „von allen Amts- und Verantwortungsträger:innen einen respektvollen und sensiblen Umgang mit nicht-heterosexuellen Priestern“ fördern und fordern. Damit sind also vor allem die nichtschwulen Amtsbrüder gemeint.

Wer diskriminierende Haltungen zeige, könne „keine Verantwortungs- und Leitungspositionen innehaben“. Nieder mit der Homophobie in der Sakristei! Gut, dass der Papst im fernen Vatikan seine Leitungsposition innehat, sonst wäre er mit seiner Verteidigung des Katholischen Katechismus in dieser Frage in Deutschland jedenfalls runter vom Heiligen Stuhl! Weiter heißt es, um die Sensibilisierung zu unterstützen, solle die Kirche mit kirchlichen, staatlichen und zivilgesellschaftlichen Antidiskriminierungsstellen zusammenarbeiten. Ich bin sicher der Queer-Beauftrage der Bundesregierung hat schon eine Personalaufstockung beantragt. Endlich mal durchfegen bei den Katholiken und das auch noch auf ihre eigene Einladung hin. Ein Träumchen!

„In Kombination mit dem geplanten Selbstbestimmungsgesetz der Bundesregierung
könnten sich somit nicht nur die schwulen, sondern auch die Trans-Priester
in Frauenkleidung endlich angst- und diskriminierungsfrei zeigen“

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In der Begründung dieses Vorstoßes heißt es, „Denunziationsängste“ seien „ständige Begleiter vieler nicht-geouteter nicht-heterosexueller Priester“. Man möge mir die naive Frage verzeihen, aber womit könnte man einen schwulen Priester, der sich brav an den Zölibat hält, denn bitteschön denunzieren? Anders gefragt: Was geht mich der Sex an, den mein Priester nicht hat? Und warum sollte ich wissen müssen oder er den Wunsch verspüren, seiner Gemeinde mitzuteilen, welchen Sex er gerne hätte? Das will ich nicht einmal von meinem Nachbarn wissen, schon gar nicht sonntags auf der Kanzel. Man kann doch einen Priester derzeit nur dann „denunzieren“, wenn er ein sichtbares aktives Sexualleben hat. Und dann, mit Verlaub, stellen sich ganz andere Fragen an einen Priester, nicht nur, ob er schwul ist.

Es wird in dem neuen Papier auch bemängelt, dass das Schwulsein, ein Ausschlusskriterium für die Aufnahme im Priesterseminar sei. Das ist nun in der Tat ein interessantes und relevantes Thema, vor allem, wenn wir die Missbrauchsaufarbeitung in der Katholischen Kirche auch nur für eine Sekunde wirklich ernst nehmen. Weisen doch alle Missbrauchsgutachten weltweit drauf hin, dass im Schnitt 70-80 Prozent aller sexuellen Missbrauchsvorwürfe schwule Übergriffe durch Priester sind. Leider finden sich jedoch in dem neuen Papier keine Antworten auf die Frage, wie die Kirche künftig vermeiden will, dass ihr Haupttäterprofil draußen bleibt. Stattdessen möchte man ihnen offenbar unhinterfragt im Namen des aufrechten Kampfes gegen Homophobie ihr Beuteschema künftig als Zimmergenossen im Priesterseminar zuteilen. Sowas muss einem ja erstmal einfallen: Wir verhindern künftige Taten nicht mehr durch Prävention, sondern durch ihre Legalisierung.

Lehmann wird den Papst Mores lehren

Etwas unbefriedigend bleibt natürlich, warum man auf dem Synodalen Weg „Verantwortungsträger:Innen“ und „Gesprächspartner:innen“ brav gendert, nicht aber jene, um die es hier ja geht: Die Priester. Dabei wissen wir noch gar nicht, ob sich der ein oder andere nicht nur als schwul, sondern vielleicht auch als Frau outen will. Wäre es da nicht im Sinne der Weitsicht angebracht, nicht nur die sexuelle Vielfalt, sondern auch die Geschlechtervielfalt unter der Soutane verbal gleich mitzudenken bei den Damen und Herren „Priester:innen“? In Kombination mit dem geplanten Selbstbestimmungsgesetz der Bundesregierung könnten sich somit nicht nur die schwulen, sondern auch die Trans-Priester in Frauenkleidung endlich angst- und diskriminierungsfrei zeigen. Und wenn der Papst aufmuckt, senden wir ihm zur Strafe in ein Antidiskriminierungs-Training bei Sven Lehmann. Der erklärt ihm dann die Sache mit der Päpst:in.

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