Zeitläufe

Ein fragiles Jetzt entsteht

Was passiert mit dem Menschen, wenn das Vergangene fremd und die Zukunft zum Eigenen wird?
Künstliche Intelligenz // Artificial intelligence
Foto: adobe.stock.com | Die Grenzen werden fließend, der Mensch wird von der Technik künftig zunehmend in das System eingebunden. Ob sich da noch ein personales Selbstbewusstsein entwickeln und behaupten kann, scheint fraglich.

Was ist das Fremde? Eine andere, nur oder vielleicht sogar mögliche Form des Eigenen? Wir haben uns daran gewöhnt, das Fremde als etwas Exterritoriales zu betrachten, als eine Form des Raumes, den wir uns noch nicht angeeignet haben. Das Fremde ist aber nicht dieser Raum selbst, sondern es ist das ankommende Fremde, es sind die Menschen, die aus diesem Raum zu uns gelangen. Das Fremde ist der oder die Fremde bei uns, nicht bei sich, denn dort erzeugt der Welttourismus die Illusion, überall zuhause sein zu können und Fremde als Freunde zu betrachten.

Diese exterritoriale Personalisierung der Fremdheit, die die extreme Einengung des Begriffs der Fremdheit auf die Person des Fremden zur Folge hat, erzeugt eine spezifische Form der Angst. Sie hat zum einen zu tun mit der gesellschaftlichen Realität und dem politischen Diskurs, der alle anderen Diskurse bestimmt oder sie sogar überlagert. Sie hat zum anderen zu tun mit der Neutralisierung aller anderen Formen der Fremdheit, vor allem jener, die in der Zeit wurzeln. Auch Zeit kann fremd sein. Über Jahrhunderte hinweg war die Zukunft eine Quelle der Fremdheit, die Vergangenheit eine Seinsbestätigung. Die neue Zeit war ein Fremdes, das unaufhörlich ins Eigene einbrach. Fremd war nicht nur der Fremde, sondern auch das Fremde, das die Zeit mit sich bringen sollte. Dieser Fremdheit war der Mensch unmittelbar ausgeliefert, weil sie seine eigene Person betraf und weil sie in letzter Instanz unabwendbar war: Der Tod als das Einbrechen des Endes der eigenen Zeit und damit des Eigenen selbst ist die radikalste Form des Fremden.

Mit den Brüchen gehen die Illusionen

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In weniger als einem halben Jahrhundert, demjenigen der Digitalisierung, wurde das Fremdheitspotenzial der Zukunft nicht nur gemildert, sondern entschärft. Dieses Zeitalter lebt durch und durch in einer bloß imaginierten Zukunft, die durch Prognosen und Projektionen gedanklich erlebbar gemacht wird. Nichts ist dieser Zeit mehr fremd, selbst nicht das Leben auf dem Mars oder ein Leben ohne natürliches Ende, das heißt ohne Zeit. Eine ähnliche Ent-Fremdung der Zukunft fand in der ersten Industrialisierung statt, die dann aber im Ersten Weltkrieg aller ihrer Illusionen beraubt wurde. Diese Aneignung der Zukunft   auf diesem Prinzip basieren übrigens auch die Operationen vieler hochverschuldeter Digitalunternehmen, die ihren Return on Invest noch lange nicht erreicht haben – geht auf fast natürliche Weise einher mit dem Fremdwerden der eigenen Vergangenheit.

Je mehr Mechanismen und Narrative zur Inbesitznahme der Zukunft entwickelt werden und gesellschaftliche Anerkennung erlangen, desto mehr werden die Mechanismen und Narrative geschwächt, die die Aneignung und Anbindung der Vergangenheit leisten. Je stärker die Projektion, desto schwächer die Tradition. Das Korrelativ einer offensiven Zukunftsideologie ist eine Überschreibung der Vergangenheit, die unter dem Gesichtspunkt der in Zukunft geltenden Wertesysteme auf Kurs gebracht wird. Das immerhin noch christliche erste Maschinenzeitalter der Industrialisierung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte die   immerhin noch nachvollziehbare   historische Bibelkritik hervor. Mit ihrer Hilfe versuchte man eine Selbstrechtfertigung der kritischen Methode, die die Zukunft organisieren sollte, durch die überlieferten Mythen der eigenen Zivilisation. Glaube und Vernunft sollten homologisiert werden. Man kann in diesem Zusammenhang von einer rationalen Re-Mythologisierung der eigenen Ideologie sprechen.

„Es findet also eine unterschiedlich dynamische Beschleunigung in beide Richtungen statt,
und diese asymmetrische Dispersion erzeugt jenes unsichere,
schwebende Zeitgefühl eines instabilen, fragilen und moralisch nicht fassbaren Jetzt“

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Das zweite Maschinenzeitalter, das sich weitestgehend von metaphysischen Selbstbegründungsversuchen entfernt hat, geht radikaler vor: Das Pendant zur historischen Bibelkritik ist die heutige "Cancel-Culture" – übrigens eine contradictio in adjecto ersten Ranges, ebenso wie die "Kultur des Todes" –, die sich erst gar nicht mehr die Mühe gibt, Kontinuität zwischen der Vergangenheit und der Zukunft herzustellen und die an die Stelle der Überschreibung die oft reflexhafte und damit unreflektierte sofortige und gründliche Auslöschung historischen Materials setzt.

Eine Konsequenz dieser projektiven, in die Zukunft ausgerichteten Narrative ist immer eine Schwächung oder gar eine Überschreibung der Persona. Man kann das am Entstehen alternativer Lebensentwürfe um die Jahrhundertwende ebenso beobachten wie in modischen Tendenzen der Gegenwart, die in ihrer outrierten Äußerlichkeit harmloser und irrelevanter als ihre Vorgänger wirken, tatsächlich aber vergleichbare Reflexe darstellen. Dandytum, Esoterismus und Naturbewegung sind Beispiele, wie das desorientierte Individuum sich um 1900 seine Persona neu zu ordnen suchte, indem es sich Räume der Selbstartikulation schaffte, die einen Druckausgleich leisten sollten gegenüber dem scharf formulierten Anspruch der Gesellschaft auf technische Aneignung der Zukunft und Partizipation an der Wertsteigerung. Der Forderung nach einem funktionierenden und produktiven "neuen Menschen" wurde durch die Konzeption kontemplativer "neuer Menschen" widersprochen.

Das Individuum reagiert auf Effektivitätsanforderungen

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Was stark jener Produktivitätsanspruch der Gesellschaft an das Subjekt 100 Jahre später zugenommen hat, lässt sich an der Radikalität ablesen, mit der dieses Subjekt heute auf diesen Anspruch reagiert und antwortet. Es versucht kaum noch, sich durch die Konzeption positiv besetzter, alternativer Räume diesem Druck zu stellen, sondern es flüchtet in autodestruktive Handlungen: Kleidung ohne Konturen, Tätowierungen, Piercings, Selbstvernarbungen und digitale Multiplikationen des eigenen Ich sind Antworten des Individuums auf eine Ideologie, die im Roboter ihr eigentliches Effektivitätsideal sieht, das sie dem Menschenwesen mahnend entgegenstellt. Diese Handlungen sind Überschreibungen der eigenen Person, die man solcherart der Forderung nach Werterbringung zu entziehen versucht.

Kaum noch eine Rolle spielt dabei der historische Raum, der immerhin mit der Figur des Romantikers oder des Flaneurs auch Evasionsszenarien anbietet, die allerdings traditionelle Formen der Bildung und Kultur verlangen, die heute nicht mehr zugänglich sind. Die kontinuierliche Marginalisierung, Zersplitterung und Politisierung der Geistes- und Kulturwissenschaften, die selbst in den Sog projektiver und funktionalistischer Neudefinition geraten sind zugunsten der MINT-Fächer, ist dabei Ursache und Folge dieser geschichtlichen Entleerung des historischen Raumes der Gesellschaft. Diese Entleerung nun lässt sich als ein Prozess der permanenten Entfremdung lesen. Ganze Bibliotheken versinken im Abgrund des Vergessens, ja der Irrelevanz, und ironischerweise wird dieser Vorgang durch ihre Digitalisierung nur noch beschleunigt.

Die Person wird zum Netzknoten im Digitalen

Denn was für die Ewigkeit gedacht ist, spielt naturgemäß im Hier und Jetzt keinerlei Rolle. Es ist hier nicht der Ort, auf jene paradoxe Verschränkung von Digitalisieren und Vergessen genauer einzugehen. Es ist aber offensichtlich, dass die unendliche Multiplikation von Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine die Interaktion fördert, gleichzeitig aber die Persona immer weiter zerfasert und schwächt, bis sie am Ende kaum mehr ist als ein Netzwerkknoten, durch den inhaltslose Impulse hindurchzucken. Die Geschwindigkeit, mit der das Vergangene uns fremd und unzugänglich wird, ist viel größer als diejenige, mit der digitale Prozesse Neues erschließen. Denn erstens besteht das Wesen eines Großteils der digitalen Prozesse gar nicht darin, innovativ zu sein, sondern reduplikativ. Und zweitens ist die Syntax des Vergangenen weitaus komplexer als diejenige des Zukünftigen, so dass sich mit jedem Schritt des Vergessens die Unzugänglichkeit weiter steigert.

Während die Zukunft und ihre kristallinen Gebilde also jeden Tag näher zu rücken und greifbarer zu werden scheinen – und sei es auch nur als Hologramm oder als virtuelle Projektionen –, obgleich sie in Wirklichkeit stets in gleicher Distanz bleiben und uns höchstens einen vagen Lichtschimmer entgegenwerfen, wir hier also eine Illusion der Zeitaneignung erleben, entfernen sich die Vergangenheit und ihre diversen Artefakte tatsächlich unbemerkt und in großer Zahl von uns, sie sind uns nicht mehr zugänglich, und dieser Prozess ereignet sich nicht in linearer, sondern in exponentieller Geschwindigkeit. Es ist ein rasendes Vergessen, das sich hier ereignet, eine Form post-moderner Tragik, die es als solche zu akzeptieren gilt. Vielfach wird diese Tragik gar nicht festgestellt, denn das Subjekt befindet sich in täglichen Überlebenskämpfen um die Integrität der eigenen Persona, die keine Energiereserven lassen für Überlegungen darüber, wo es herkommt und wem es sich zu verdanken hat.

Ein Zerfall der Ordnung

Diese Bewegung ist an einem Punkt angekommen, den man guten Gewissens als einen epochalen bezeichnen kann: Das, was früher Fremdheit par excellence darstellte, die Zukunft, ist zu einem illusionären Eigenen geworden, das die Gegenwart bis in ihre Partikularteilchen  reguliert – und das, was früher das tatsächlich Angeeignete war, Vergangenheit und Tradition(en), werden zu einem tatsächlich Fremden, dessen Fremdheit aufgrund mangelnder gesellschaftlicher Narrative und intellektueller Mechanismen als viel extremer empfunden wird und wahrhaftig auch fremder ist als die Konfrontation mit einem oder einer exterritorialen Fremden.

Mit anderen Worten: Während die "zeitliche Diastase" (Bernhard Waldenfels) zwischen dem eintreffenden Fremden und unserer eigenen Antwort darauf im Hinblick auf das Zukünftige immer kleiner zu werden scheint, vergrößert sich dieser Hiatus im Hinblick auf das Verhältnis zwischen dem vergangenen Fremden und unserer Responsion so weit, bis gar keine Antwort mehr möglich scheint. Der Mensch steht dann zur freien Verfügung. Es findet also eine unterschiedlich dynamische Beschleunigung in beide Richtungen statt, und diese asymmetrische Dispersion erzeugt jenes unsichere, schwebende Zeitgefühl eines instabilen, fragilen und moralisch nicht fassbaren Jetzt, dem wir uns ausgesetzt sehen und das als ein Zerfall der Ordnung des Eigenen beschrieben werden kann.

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