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Ein Fenster als Hommage an Friedrich

Zum 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich hat Greifswald sich Kirchenfenster von Ólafur Elíasson geleistet. Prädikat: Sehenswert!
Eliasson-Fenster im Greifswalder Dom
Foto: Tilman Beyrich / Courtesy of the artist | Inspiriert durch Caspar David Friedrich sind die neuen Fenster des Greifswalder Doms auch ohne fertiggestellten "Heliostat" ein Spektakel.

Ein spektakulärer Höhepunkt in Greifswalds Festprogramm zum 250. Geburtstag Caspar David Friedrichs (1774-1840) sind die von Olafur Eliasson (*1967) entworfenen farbenprächtigen Chorfenster für den Dom St. Nikolai. In der rund 800 Jahre alten imposanten Backsteinkirche mit dem fast 100 Meter hohen Turm wurde der berühmte Maler der Romantik am 7. September 1774 getauft. Napoleons Truppen degradierten den Dom zum Pferdestall. Die Neugestaltung des Inneren erfolgte 1824 bis 1833 unter der Leitung des mit Caspar David Friedrich befreundeten Malers und Architekten Gottlieb Giese. Die Arbeiten aus Holz, etwa die Kanzel, das Altarkreuz und die als „Binnenchor“ bezeichneten Stellwände fertigte ein Bruder Friedrichs an: der Kunsttischler Christian. Dompastor Tilman Beyrich urteilt: „Diese romantische Umgestaltung, im frühen 19. Jahrhundert begonnen, ist einzigartig in Norddeutschland.“

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Abgeschlossen wurde sie damals jedoch nicht. Für die farbige Gestaltung der drei Chorfenster fehlte das Geld. Die Wiederaufnahme des Projekts durch Beyrich und die Dombaubegleitgruppe heißt „Dom romantisch!“ und umfasst neben dringend erforderlichen und längst noch nicht abgeschlossenen Restaurierungsmaßnahmen die Neugestaltung der zuvor schlicht hellgrauen Chorfenster. Bislang hat die romantische Aufwertung des Doms 1,15 Millionen Euro gekostet. Geldgeber waren die Beauftragte für Kultur und Medien, das Land Mecklenburg-Vorpommern, zwei Sparkassenstiftungen, die Rudolf-August-Oetker-Stiftung sowie 120 private Spender.

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang

Wunschkandidat für die Neugestaltung der Chorfenster war der renommierte dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson. Der sagte zu und unterbreitete den Plan zu einem Kunststück, das mehr ist als ein Werk aus farbigem Glas. Durch seine Chorfenster soll das Licht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang fallen. Das ermöglicht ein „Heliostat“ genannter drehbarer Spiegel mit einem Durchmesser von 1,5 Metern. Zwischen der Chorwand und dem mit farblosen Gläsern ausgestatteten Binnenchor sollen Spiegel für weitere in den Kirchenraum strahlende Farblichteffekte sorgen, die je nach Tages- und Jahreszeit sowie der Wetterlage die im Dom herrschende Atmosphäre abwandeln. Aber dieser Clou fehlt noch. Und so erhielt das von Eliasson „Fenster für bewegtes Licht“ betitelte Kunstwerk am 7. April vorläufig noch unvollendet seine festliche Einweihung. Denn den Heliostat, der auf dem Dach eines Nachbarhauses installiert wird, und die Spiegel für das Kircheninnere hat das in Berlin ansässige, etwa 100 Mitarbeiter umfassende Studio von Olafur Eliasson nicht rechtzeitig fertig gestellt. Sie werden im Laufe dieses Jahres nachgeliefert.

Aber die Chorfenster sind auch ohne die noch fehlenden technischen Raffinessen ein betörendes Erlebnis. Die Glashütte Lamberts in Waldsassen lieferte 3383 Scheiben mundgeblasenes Antikglas in 65 Farbtönen. Für die von Eliasson entworfene geometrische Bleiverglasung aus Rauten und Kreisen sorgte das im Wallfahrtsort Kevelaer ansässige Unternehmen Hein Derix. Eliassons Chorfenster sind eine Hommage an Caspar David Friedrichs großartige Himmelsdarstellungen. Seine wichtigste Inspirationsquelle war Friedrichs Gemälde „Huttens Grab“ (um 1823/24).

Das Bild aus dem Besitz der Klassik Stiftung Weimar wird ab 24. August in der Sonderschau zu sehen sein, mit der Dresden Friedrich im Albertinum feiert. Ab 22. November wird es in der Sonderausstellung, die Weimar Friedrich und Goethe widmet, zu sehen sein. Das Gemälde zeigt die Sakristei der in der Oberlausitz gelegenen gotischen Klosterruine Oybin, durch deren drei leere Spitzbogenfenster das Himmelslicht zu sehen ist. Im unteren Bereich rötlich, wandelt sich nach oben zunächst ins Gelbliche und wird schließlich bläulich. Diesen Farbverlauf griff Eliasson auf. Dessen in 65 Töne differenzierte Farbchoreografie kann man vollständig nur erleben, wenn man sich vor den Dom stellt, da im Inneren die untere Zone vom Binnenchor verdeckt wird. Der mit seinen technisch aufwändigen Kunstwerken weltweit erfolgreiche Olafur Eliasson bescheinigt seinem „Fenster für bewegtes Licht“: „Dank seiner universellen geometrischen Muster und abstrakten Bildsprache spricht das Kunstwerk ein vielfältiges Publikum an, ein religiöses ebenso wie ein säkulares.“

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