Jakobsweg

„Du musst es mit dem Herzen gehen, nicht mit den Füßen“

Die Publizistin Birgit Kelle veröffentlicht ihre Erfahrungen über das Pilgern auf dem Jakobsweg. Vorabdruck aus ihrem neuen Buch „Camino. Mit dem Herzen gehen“.
Collage-Seite aus dem Buch „Camino. Mit dem Herzen gehen“ von Birgit Kelle
Foto: privat | Birgit Kelle ist auf dem Weg. Sie geht nach einem harten persönlichen Erlebnis den Camino. Das Bild ist eine Collage-Seite aus ihrem Buch „Camino. Mit dem Herzen gehen“.

Mein nächstes Buch heißt dann wohl ,Witwe mit 40‘.“ Ich saß auf den Treppenstufen vor der Schlafzimmertüre und hörte zu, wie man meinen Mann reanimiert. Es war genau ein Tag vor meinem 41. Geburtstag, und es war der erste Satz, der in meinem Kopf Form annahm. Gut, dein Humor ist zumindest noch nicht tot, dachte ich spontan. Erstaunlich, was einem an der Schwelle zwischen Leben und Tod so durch den Kopf geht. Unter anderen Umständen hätte ich es wahrscheinlich sogar lustig gefunden. Nun saß ich aber selbst dort. Es hätte sicher eine gute Filmszene abgegeben, das hier war aber der surreale Rest, der gerade von meinem Leben übrigblieb.

„Du musst jetzt sofort mit dem Rauchen aufhören“. Das war der zweite Satz. Ach was, es war kein Satz, es war ein Donnerhall, eine felsenfeste Erkenntnis, nicht mehr diskutabel. Es ist so unfassbar unvernünftig, was du da tust, schimpfte mein besseres Ich. Vielleicht bist du gleich Witwe, und diese vier Kinder brauchen jetzt eine Mutter, die kerngesund ist.

„Ich weiß gar nicht, ob mir andere mehr im Weg stehen – oder ich mir selbst“

Mit dem Rauchen habe ich wirklich und sofort aufgehört. Witwe bin ich nicht geworden, stattdessen bin ich wahrscheinlich genau an diesem Tag losgegangen – auf dem Jakobsweg angekommen bin ich damit aber erst vier Jahre später. Das Losgehen im spanischen León fühlte sich dann wie ein Ankommen an, das Ankommen in Santiago de Compostela hingegen wie ein riesiges großes Loch. Aber ich will nicht vorgreifen, denn auch das war nicht das Ende dieses Weges.

Das Warum meines Lebens hatte mich mit voller Wucht auf dieser Treppenstufe erwischt; ich war allerdings noch lange Zeit zu sehr mit dem realen Überleben befasst, um mich diesen Fragen zu stellen.

Lesen Sie auch:

Einmischungsversuche: Das gesamte Repertoire der Bedenkenträger

Nicht nur ich selbst, auch manche Freunde begegnen meinen Plänen mit Skepsis und Bedenken. Ich kann zusätzlich das gesamte Repertoire des schlechten Gewissens herunterrattern. War das Jahr nicht schon anstrengend genug, musst du jetzt auch noch Hunderte von Kilometern Berge hoch und runter marschieren? Bist du nicht schon müde genug? Ich weiß gar nicht, ob mir andere mehr im Weg stehen – oder ich mir selbst. Die etablierten Vorstellungen und Erwartungshaltungen darüber, was man so tut und was nicht, sind auch in mir tief verwurzelt.

Fast trotzig wehre ich standhaft alle Einwände ab. Advent hin oder her, ich werde dem Herrn dann dieses Jahr eben entgegengehen müssen. Wird er auch ein Stück mit mir gehen? Ich weiß nicht, ob wenigstens Gott Zeit hat, wenn die meine schon so knapp bemessen ist.

++++

„Buen Camino!“

„Buen Camino!“ Der Franziskanermönch gibt mir zum Abschied den klassischen Pilgergruß mit auf den Weg. Er steht schon wieder – oder immer noch – unten in der Eingangshalle und passt jeden ab, der das Haus verlässt. „Es ist dein erster Tag, du gehst jetzt los?“ – „Ja.“ Ich solle nicht vergessen, dass man den Camino nicht mit den Füßen geht, sagt er: „You have to go it by heart, not by foot“ – du musst ihn mit dem Herzen gehen.

Er sagt das sehr ernst. Wie viele Tausend wie mich wird er in diesem Flur über die Jahre schon mit demselben guten Ratschlag auf den Camino entlassen haben? Wie viele haben wirklich auf ihn gehört? Und wie geht man einen Weg mit dem Herzen, wenn die Füße nichts davon wissen und der Kopf sowieso seine eigenen Wege geht?

++++

Das Ganze muss einen Sinn haben!

Lesen Sie auch:

„Und? Hast du auch Gott getroffen?“, fragt mich ein Freund, als ich zurück bin. Die Erwartungshaltung an eine göttliche Offenbarung auf diesem Weg wird einem nach der Rückkehr von allen entgegengebracht. Das Ganze muss ja einen Sinn haben, man geht ja nicht umsonst dreihundert Kilometer. Nicht einfach so. Eine kleine Erscheinung wäre doch das Mindeste. Kann man das nicht irgendwo buchen? All inclusive? Einmal Gott und zurück mit Begegnungsgarantie. Eine echte Marktlücke. Wie oft hatte ich vorher von anderen gehört, dass Gott zu ihnen gesprochen habe. Sie waren für mich alle eher ein Fall für den Arzt. Gott sprach also zu allen, das klang wie nach einem schlechten Moses-Film in schwarz-weiß. Niemand konnte mir erklären, wie das ist, wie es sich anfühlt, wie es sein würde.

Wie soll man die Ankunft des Herrn also bemerken, wenn man nicht weiß, in welcher Gestalt er kommt? Stimmen im Kopf?

Ja, hast du nun Gott getroffen? Dafür hätte ich nicht extra herkommen müssen auf diesen Weg. Auf dem Camino ist es nur einfacher, hier war mehr Zeit und auch mehr Raum, damit wir reden. Unser erster echter Zusammenprall liegt allerdings schon ein paar Jahre zurück, und seither läuft er manchmal, wenn ich gehe, immer links von mir. Lässt sich von mir anschreien, und manchmal legt er tröstend seinen Arm um mich, immer schön mit Abstand, falls ich um mich schlage, denn das kann ich gut, wenn man mir zu nahe kommt, obwohl ich doch gerade streiten will.

... und ich habe ihn nicht erkannt!

Lesen Sie auch:

Denn da gab es diesen unverfügbaren Moment, den man nicht erzwingen kann, der einen einfach ereilt. Der Moment, in dem mir alles, wirklich alles, sprichwörtlich wie Schuppen von den Augen fiel. Wie in einem Film liefen im Sekundentakt Bilder und Erinnerungen vor mir ab. Menschen, Zitate, Liedzeilen, Schlag auf Schlag, ein Blitzlichtgewitter, eins nach dem anderen, hör endlich zu, schau endlich hin, und am Ende die erschrockene Erkenntnis:

Er spricht schon seit über zwei Jahrzehnten mit mir, und ich habe es nicht erkannt. War zu voll mit anderem, zu gehetzt, zu beschäftigt gewesen und auch zu ignorant. Und dabei hatte er sich wirklich raffiniert angestellt, um mich dort zu finden, wo ich gerne bin, eine Sprache gewählt, die mir entspricht. Ich musste erst in Trümmern liegen. Meine Schale leer und zerstört, um bereit zu sein, mich finden zu lassen. Ich musste die Kontrolle verlieren, kapitulieren.

Es tut gut, zu teilen

 

Ich kann also keine Erscheinung und kein Wunder vorweisen; ich habe aber Menschen getroffen. Es waren oft genau die richtigen zur richtigen Zeit. Heißt es nicht, wo zwei oder drei sich in seinem Namen versammeln, da sei er mitten unter ihnen? Wo, wenn nicht mitten unter unserem bunten Haufen, sollte er denn gewesen sein, wenn sogar mehr als zwei oder drei über Hunderte von Kilometern nach seinem Namen suchen?

Wir waren Gefährten, alle auf demselben Weg, auch wenn man sich zeitweise aus den Augen verliert. Du musst hier keinem etwas erklären; ein unausgesprochenes gegenseitiges Verstehen liegt über diesem Weg. Ich höre Lebensgeschichten und bin überrascht von mir selbst, wie viel ich wildfremden Menschen von mir erzähle, weil es guttut, es zu teilen. Ich höre die Geschichten von anderen, wie sie aus ihnen manchmal genauso heraussprudeln wie aus mir. Weil Dinge endlich gesagt werden müssen, in Worte gefasst sein wollen.

Manche gehen wahnsinnig auf die Nerven

Manche Gefährten bleiben stumm.

Auch das Schweigen hat hier seinen Raum.

Manche gehen mir auch wahnsinnig auf die Nerven. So wie der lautstarke spanische Männertrupp. Immer sind sie laut. In der Herberge, auf dem Weg, überall. Ich lasse mich absichtlich zurückfallen oder renne voraus, nur um dem Geräuschpegel aus dem Weg zu gehen. Nicht einmal ihr Gepäck tragen sie selbst.

Ich nenne sie spöttisch die „Luxus-Pilger auf der Strecke“. Sie reisen mit Koffern, die jeden Tag von einem Taxi zur nächsten Etappe gefahren werden. „Aber immerhin besser, sie sind hier, als wenn sie zum Saufen an den Ballermann fliegen“, kommt mir spontan in den Sinn.

Dennoch schön, dass sie alle da sind

Und dann schäme ich mich doch ein bisschen für diese Wertung. Eine kleine Übung in Demut. Was geht es mich schon an, wie einer läuft, warum, mit wem und mit wie viel Gepäck? Muss man schleppen und darben, muss es mühsam und entbehrungsreich sein, um als echt zu gelten? Ist es nicht schön, dass sie doch alle hier sind? Jeder so, wie er kann. Und wie er will. Und wie es für ihn gut ist.

Ich war nicht gleich so weit, um das zu verstehen. Lief immer noch mit den Füßen und mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen – und das sollten die anderen doch gefälligst auch tun.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Gott Jakobsweg Pilger Pilgerstätten

Weitere Artikel

Eine Reise an die Grenzen der Gnade: Der heilige Brendan und seine Gefährten beteten erfolgreich um eine Gnade für den Verräter Judas.
01.01.2023, 11 Uhr
Uwe Wolff

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
Drei Pariser Innenstadtkirchen sind im Laufe einer Woche Brandanschlägen zum Opfer gefallen. Stadt und Polizeipräsidium kündigen Sicherheitsmaßnahmen an.
26.01.2023, 16 Uhr
Meldung