Ungeschminkt

Distanzieren Sie sich!

War der Mord in Idar-Oberstein das Ergebnis von Hass und Hetze gegen die Corona-Maßnahmen? Und waren Amtoren und Politiker denen der Täter in den Sozialen Medien folgte, mitverantwortlich für die Tat?
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Haben Sie sich heute schon von etwas oder jemandem distanziert? Nicht? Dann wird es aber Zeit. Irgendwo hat sicher jemand eine schändliche Tat begangen oder ein unmögliches Wort verlauten lassen, womit Sie zwar eigentlich nichts zu tun haben, aber sicher ist sicher. Sie könnten zumindest Ihre Betroffenheit öffentlich signalisieren. Das sollte später auch als Beweismittel ausreichen, wenn der öffentliche Mob gerade einmal wieder darüber richtet, wer woran schuld sei in diesem Land. Wer bei welchem Verbrechen „mitgestochen“ habe, wer mit seinen Worten oder unerhörten Ansichten „Steigbügelhalter“, „Stichwortgeber“ oder „Zündstoff“ für die falschen Ansichten, Wahlergebnisse oder gar für Verbrechen war.

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Die Kollektivschuld gepaart mit Gesinnungstäterschaft erleben in Corona-Zeiten ein ungeahntes Revival. Frei nach dem Motto aus Gedanken werden Taten, und zwar nicht nur eigene, sondern auch Taten völlig Fremder. Ich empfehle Ihnen also dringend, sich vor allem erst einmal von mir zu distanzieren, am besten Sie hören sofort auf zu lesen, das könnte später einmal gegen Sie verwendet werden, um Himmels Willen, teilen Sie diesen Kommentar nirgendwo. In manchen Kreisen gelte ich als „gefährliche Person“.

„Wer dem Mörder von Idar-Oberstein den Treibstoff für seinen Hass geliefert hat:
Diesen Accounts folgt Mario N. auf Twitter.“

Vergangene Woche erreichte mich gar nach dem Tankstellen-Mord in Idar-Oberstein der öffentliche Vorwurf der Mitschuld. Ein wie auch immer gestrickter „Coronaleugner“ soll dort einen jungen Mann erschossen haben, weil dieser ihn zum Maske-Tragen aufgefordert hatte. Soweit die unklare Motivlage des Täters. Klar ist aber für manche dennoch augenblicklich, wer außer dem Todesschützen noch mit Schuld trägt an diesem Mord: Menschen, wie ich, die Corona-Maßnahmen öffentlich in Frage gestellt haben oder gar an Freiheits- und Bürgerrechte erinnert haben.

 

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Jan Böhmermann, bekanntlich sprachlicher Feingeist des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, hatte auf Twitter sofort eine Liste der Mitschuldigen zusammengebastelt, der ich beiwohnen darf. Zitat: „Wer dem Mörder von Idar-Oberstein den Treibstoff für seinen Hass geliefert hat: Diesen Accounts folgt Mario N. auf Twitter.“ Karl Lauterbach, die SPD-Allzweckwaffe für Panikwellen aller Art, ließ sich sofort hinreißen, zu flankieren: „Die Hetze im Netz ging so lange, bis geschossen wurde. Jan Böhmermann zeigt sehr offen, wer wichtige Antreiber waren.“ Auch der Kommunikationsberater Erik Flügge meldete sich zu Wort: dieser Mord habe mehrere Täter. Er sei Ergebnis von Hass und Hetze gegen die Corona-Maßnahmen. Meine Karriere von einer Autorin zur Mitmörderin beschrieben in nur drei Tweets.

Böhmermann prangert an, es folgen Morddrohungen

Nun folgen mir bei Twitter rund 55 000 Menschen, ich kann das weder beeinflussen, noch ist mir ihre Identität bekannt. Es liegt im Prinzip sozialer Netzwerke. Ich folge als Journalistin wiederum aus beruflichen Gründen selbst Menschen, die ich absurd finde, grünen Politikern, Irren und Schnittmengen. Ich möchte hier festhalten, dass ich mit ihnen deswegen nicht sympathisiere.

Es dauerte nur zwei Tage, da lag die erste Morddrohung in meinem Postfach. Gemeinsam mit 250 anderen Journalisten-Kollegen, Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern verschiedenster Parteien klagt man uns als die größten „Menschenfeinden“ an, da helfe nur noch eine „Entnahme“ wie bei wilden Tieren, die Menschensiedlungen zu nahe kämen, und man stellt die Frage, ob es wirklich ein Verbrechen wäre, uns aus dem Weg zu räumen, durch unsere „Propaganda“ kämen schließlich Zehntausende ums Leben. Unterschrieben hat „Ein Geimpfter“. Zahlreiche der 250, auch ich, haben Anzeige erstattet, die Polizei die Ermittlungen aufgenommen.

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Leider haben sich die Herren Böhmermann, Lauterbach und Flügge bislang nicht geäußert, wer eigentlich mitschuldig wäre, sollte ich oder sonst jemand, der auf solche Todeslisten gesetzt wird, tatsächlich zu Schaden kommt. Wer hat dann mitgestochen, war Stichwortgeber und Steigbügelhalter? Alle Geimpften? Auch hier zeigt sich wieder die Doppelmoral des ungeschriebenen Gutmenschgesetzes: Solange es die vermeintlich „Richtigen“ trifft, ist Hass im Netz offensichtlich kein Problem, sondern völlig legitim.

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