Geniale Paare

Die „Witwe von Rom“

Birgitta von Schweden und Ulf Gudmarssohn lebten eine glückliche Ehe und eine spirituelle Kameradschaft.
Die hl. Birgitta von Schweden
Foto: Wiki: | Ein erfülltes Leben mit Rissen: Die hl. Birgitta von Schweden.

Als Johannes Paul II. im Jahr 1999 die schwedische Gründerin des Birgittenordens in den Kreis der Schutzpatrone Europas erhobt, richtete er den Blick auf eine Muttergestalt der Kirche. Birgitta Birgerstochter (1303-1373) trug nach altem nordischen Brauch den Vornamen ihres Vaters Birger. Die Familie war mit dem Königshaus verwandt. Wie später ihr Ehemann, besaß der Vater als Richter, Ritter und Gesetzgeber eine herausragende Funktion. So hatte Birgitta keinerlei Berührungsängste mit den Großen ihrer Zeit.

Dem Papst, der damals in Avignon Hof hielt, redete sie ins Gewissen und forderte ihn zur Rückkehr nach Rom auf. Bestärkt in ihrem politischen Handeln wusste sie sich durch Visionen, in denen sie mit Jesus und Maria unmittelbaren Umgang pflegte. Christus selbst lässt sie sprechen: „Nun bin ich aber gänzlich vergessen, vernachlässigt und verachtet, auch aus dem Reiche der Kirche, wo ich König bin, vertrieben, und an meiner Statt wird der ärgste Bösewicht und Räuber als Papst erwählt und geehrt.“

„Durch ihre skandinavische Herkunft bezeugt die hl. Birgitta,
dass das Christentum das Leben aller Völker dieses Kontinents zutiefst durchdrungen hat.“

Diese Schauungen gehören heute zur Weltliteratur und geben wie Dantes „Göttliche Komödie“ einen Einblick in die Kulturgeschichte einer Welt im Umbruch. Seuchen und Kriege verheerten Europa. In dieser Welt der Angst suchten Menschen ihr Heil bei den Heiligen. Wer konnte, besuchte ihre Gräber in Santiago de Compostella, Rom oder Jerusalem. Birgitta gehörte zu den wenigen Pilgern ihrer Zeit, die zu allen drei heiligen Orten wallfahrtete. Mit ihrem Mann Ulf Gudmarssohn pilgerte sie gemeinsam nach Galizien ans Ende der damals bekannten Welt.

Mit dreizehn Jahren ehelichte sie den achtzehnjährigen Ulf und zog mit ihm auf den Hof Ulfåsa. Die Ehe war, wie damals in Dynastien üblich, von den Eltern im Einvernehmen gestiftet. Dass sie erst nach einiger Zeit vollzogen wurde, wie die Akten der Heiligsprechung dokumentieren, galt als Zeichen der Keuschheit. Birgitta wollte Kinder. Acht überlebten die Geburt. Doch ihre Sorge galt auch den Ungeborenen. Wie viele Fehlgeburten sie erleiden musste, wie oft sie am Grab der Totgeborenen stand, wissen wir nicht.

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Sie initiiert die Übersetzung der Vulgata ins Schwedische

Aber in der Introspektion ihrer Visionen verschweigt sie ihren Schmerz nicht: „Weißt du, was die schwerste Bürde bereitet unter allen Dingen, die wachsen? Gewiß das Kind, das im Mutterleib stirbt.“ Nach einer dieser Fehlgeburten unternimmt sie mit Ulf eine Pilgerreise zum Grab des Heiligen Olaf im Nidarosdom in Trondheim, ein Nationalheiligtum der Norweger bis auf den heutigen Tag.

Birgitta war eine gebildete Frau. Sie lernt gemeinsam mit ihren Kindern die lateinische Sprache, gibt eine Übersetzung der Vulgata ins Schwedische in Auftrag, sie engagiert sich in der Krankenpflege und Armenfürsorge und wird schließlich Erzieherin am Königshof. In dieser Rolle wird ihr Martha, die älteste Tochter, nachfolgen. Der durch Theodor Fontanes berühmte Ballade auch in Deutschland erinnerte König Waldemar IV. Atterdag von Dänemark, wird Martha zur Hofmeisterin seiner Tochter Margarethe I. berufen. Birgitta lebte die Doppelrolle einer berufstätigen Mutter, wie sie in den Königshäusern und unter Politikerinnen des Nordens üblich ist.

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Als Witwe beginnt sie einen mütterlichen Dienst an der Kirche

Für ihre Biographin Emila Maria Fogelklou (1878-1972) ist sie das Urbild ehelicher Kameradschaft. Schwedens erste studierte Theologin betont ihre Fraulichkeit. Bei aller Emanzipiertheit war Birgitta „bestimmt nicht Neutra, denen es an Wissen um ihre Mutterkräfte gebrach“. Diese „monumentale und realistische Mütterlichkeit“ wendet sie nach dem Tod ihres Mannes der ganzen Kirche zu. 28 Jahre waren die beiden glücklich verheiratet. Als die Kinder selbstständig geworden waren, beschlossen beide ein klösterliches Leben in der Abgeschiedenheit zu führen. Ulf trat in das Zisterzienserkloster von Alvastra ein, starb aber bereits nach einem Jahr.

Als „Witwe von Rom“ („Vidua Romae“) wird Birgitta in der großen lateinischen Hagiografie der Jesuiten (Bollandisten) geführt. Unter dem Zeichen des Witwenschleiers beginnt ihr mütterlicher Dienst an der Kirche. Einige ihrer Kinder begleiten sie auf den Wallfahrten und stehen ihr in Rom zur Seite. Hier lebt sie und mischt sich in die Kirchenpolitik ein. Birgitta gehört zu den großen Seherinnen der Kirche. Was sie schaute, wurde zuerst in altschwedischer Sprache aufgeschrieben, sicher auch redigiert und später ins Lateinische übersetzt.

Klostergründung am Vättern See

Die lateinische Edition der Sancta Birgitta Revelaciones der schwedischen Akademie der Wissenschaften ist noch nicht abgeschlossen. Birgitta suchte die päpstliche Anerkennung einer neuen Ordensgründung in Form eines Doppelklosters. Ein Schloss am östlichen Ufer des Vättern Sees wurde ihr vom schwedischen König geschenkt. Steinhaus am Wasser – Vadstena – heißt der Ort, wo das erste Birgittenkloster gegründet wurde. Die Kinder der Ordensgründerin brachten die Reliquien der in Rom verstorbenen Mutter nach Vadstena.

Die Reformation verheerte dieses Erbe. Zuerst wurden die Priester, dann die Nonnen vertrieben. In den folgenden Jahrhunderten dienten die Klostergebäude als Invalidenheim, Gefängnis und zuletzt bis 1951 als Nervenheilanstalt für Patientinnen. Dennoch hat es im lutherischen Schweden nie an Stimmen gefehlt, die Birgitta und die Zeit des Mittelalters als Teil einer gemeinsamen Geschichte erinnert haben. Zu ihnen gehört der Religionswissenschaftler und Bischof von Uppsala, Nathan Söderblom (1866-1931), der für seine Kirche die apostolische Sukzession beanspruchte.

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Die Wiedergeburt der Orden in Skandinavien

Heute erlebt Skandinavien eine Wiedergeburt der Orden. So wurde in Tromsø der nördlichste Karmel der Welt gegründet. Die Schwestern kamen aus Island, um jenseits des Polarkreises für die Ungeborenen zu beten. Mit Birgitta teilen sie jene höhere Heiterkeit, aus der Souveränität und Freiheit kommen. In ihrer zupackenden Art beteiligten sich die „Engel vom Polarkreis“ am Klosterbau. „Wenn du uns den Platz für ein Kartoffelfeld anlegst“, wird das Gespräch einer fröhlichen Schwester mit einem Baggerführer zitiert, „bereiten wir dir einen Platz im Himmel“. Birgittas Geist lebt überall, wo die Kirche über den Horizont der Welt hinausblickt. Ihre eigene Klostergründung entwickelte viele Niederlassungen in der ganzen Welt.

In Deutschland sind die Birgitten seit 2001 inmitten der Bremer Altstadt vertreten. Die katholische Welt ist übernational. Das spiegelt sich auch in der Herkunft der Schwestern. Das Birgitten-Kloster im Schnoorviertel steht in der Tradition der Neugründung des Ordens durch Elisabeth Hesselblad (1870-1957). Die schwedische Konvertitin gehört zu den „Auswanderern“ („Utvandrarna“), deren Schicksal Vilhelm Moberg beschrieben hat. In der Zeit des großen Hungers emigrierte sie nach Amerika, wo sie die katholische Kirche kennenlernte. Nach Europa zurückgekehrt, wirkte sie in der Casa di Sancta Birgitta in Rom. Hier schützte sie Menschen jüdischen Glaubens vor der Verfolgung. Dafür wurde sie in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. 2016 folgte die Heiligsprechung.

Zeugnis für vielfältige Wege ins Klosterleben

Als Mutter und Ordensgründerin bezeugt Birgitta von Schweden die bunte Vielfalt der Wege zum Klosterleben. „Herr, weise mir den Weg und mache mich willig, ihn zu gehen“ („Herre, visa mig vägen och gör mig villig att gå den.“), steht auf dem Gedenkstein vor Birgittas Taufkirche in Skederik. Für Papst Johannes Paul II. ist Birgitta eine Frau, die an den gemeinsamen Weg der Kirche erinnert: „Insbesondere nachdem sich die skandinavischen Länder, also die Heimat Birgittas, im Verlauf der traurigen Geschehnisse des 16. Jahrhunderts aus der vollen Gemeinschaft mit dem Römischen Stuhl losgelöst hatten, bleibt die Gestalt der schwedischen Heiligen ein wertvolles ökumenisches ,Band‘, das den Einsatz noch verstärkt, den ihr Orden in diesem Sinne leistet.“ Auch Papst Benedikt XVI. erinnerte in seiner Generalaudienz (27. Oktober 2010) an die Wegbereiterin und Wegbegleiterin aus dem Norden Europas: „Durch ihre skandinavische Herkunft bezeugt die hl. Birgitta, dass das Christentum das Leben aller Völker dieses Kontinents zutiefst durchdrungen hat.“

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