Wahrheiten

Die Wahrheitsfrage ist nicht zu verabschieden

Zur Relativierung von Wahrheit in Zeiten von Fake News und Cancel-Culture.
Rosenmontag am Rhein - Düsseldorf
Foto: Ina Fassbender (dpa) | Selbst im Karneval war das Thema Fake News ein großes Thema. Der Kampf um die Wahrheit tobt.

Einst fragte schon Pilatus Jesus: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) Das war damals freilich eine rhetorische Frage, ja geradezu eine abweisende Antwort – denn zuvor hatte Jesus zu ihm gesagt: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Zu gläubig-aufgeschlossenem Hören ist völlige Taubheit allerdings nicht die Alternative – heißt es doch bereits zu Beginn des Johannesevangeliums, der in der Person Jesu auf dieser Welt erschienene logos erleuchte alle Menschen (1,9). Aus solch vorläufiger Erleuchtung resultiert also zumindest ein Ahnen, eine bewusste oder unbewusste Sehnsucht nach tiefgreifender Wahrheit.

Kein Geringerer als der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant hat in seiner Vernunftkritik dargelegt, dass die letzten Fragen, die metaphysische Ahnung, ja im Grunde die Wahrheitsfrage schlechthin der menschlichen Vernunft selbst innewohnt, mithin keineswegs etwas Irrationales darstellt. Nur sind – das ist laut Kant die andere Seite der Medaille – die Antworten auf solch höchst legitimes Fragen hin noch nicht objektiv gegeben, so dass es in dieser Hinsicht beim – freilich möglichst durchdachten – Glauben bleiben muss.

Postmoderne Relativierung

Inzwischen ist die postmoderne Relativierung von Wahrheit im Sinne eines gegebenen Pluralismus von Teil- oder subjektiven Wahrheiten weithin kulturprägend geworden. Doch trägt sie einen grundsätzlichen, ja fatalen Denkfehler in sich: Sie beansprucht just die absolute Wahrheit ihrer Relativierungsthese. Damit erweist sich ihr Anschein völliger Toleranz bei näherem Hinsehen als trügerisch: Im Gegenteil entpuppt sich hier ein steiler, geradezu totalitär anmutender Wahrheitsanspruch. Wer ihn infrage zu stellen wagt, muss gleichsam mit der Exkommunikation aus den gängigen Debattenzirkeln rechnen.

Namentlich in geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen hat sich längst eine „Cancel Culture“ breit gemacht – auch in Theologie und Kirche. Unausgesprochene oder gar explizite Gesinnungsdiktate und steile Wahrheitsansprüche kennzeichnen immer mehr das Verhalten von Leitungsebenen, Gemeindezirkeln, Redaktionen und Akademien. So aber relativiert sich gesamtgesellschaftlich der Wahrheitspluralismus auf die Dauer selbst. Die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann erklärt in ihrem Buch „Die neue Schweige-Spirale“ (2022): In den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften hat sich über die Jahrzehnte ein Mainstream „etabliert, der abweichende Positionen und Meinungen an den Rand drängt oder moralisch sanktioniert. Immer häufiger zählt nicht mehr das vorgetragene Argument … Und der Pluralismus, der die Vielfältigkeit der Perspektiven in Forschung und Lehre garantieren soll, schwindet rapide. Wenn heute von Diversität die Rede ist, geht es nicht mehr um die Diversität der Standpunkte, sondern um die Diversität der Herkunft, der Hautfarbe, des Geschlechts oder der Religion“. Wobei zu ergänzen und zu präzisieren wäre: im Konkreten auch der Konfession oder der jeweiligen religiösen Zirkel.

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Filterblasen in Sozialen Medien

Die Digitalisierung hat diese Entwicklung gefördert, indem sie namentlich im Bereich der Social Media immer mehr zu „(Filter)Blasen“ führt. Allenthalben nehmen die geistigen und politischen Ab- und Ausgrenzungen sichtlich zu. Die je eigene Wahrheit wird oft narzisstisch absolut gesetzt – und zwar derart, dass die Behauptung anderer oder gegenteiliger Wahrheiten geradezu als Verletzung empfunden und womöglich sanktioniert wird. Umgekehrt besteht dann stets die Versuchung, unliebsame Wahrheiten als Fake News abzutun. Ackermann beobachtet, dass im akademischen Betrieb „wie in anderen gesellschaftlichen Feldern eine sachlich-sachgerechte Auseinandersetzung zunehmend von Moral und Empörung überlagert wird“. Im Kleinen wie im Großen nehmen mehr oder weniger kriegerische Gesinnungen weltweit zu. Man hält das pluralistische Nebeneinander von Wahrheiten eben doch kaum noch aus. Das Zeitalter der Postmoderne scheint sich dem Ende zuzuneigen.

Und das hat mit dem eingangs genannten Denkfehler der pluralistischen Wahrheitsthese zu tun: Wie bei einem nicht ganz richtig funktionierenden Automotor kommt man mit dem Gefährt vielleicht noch eine ganze Strecke weit, aber immer mehr zeigt sich sein Versagen. Die Tücke der postmodernen Wahrheitsrelativierung erweist sich heute als schmerzlich zu erfahrende Realität: Ohne Wahrheit kann der Mensch nicht leben, und Wahrheit muss nun einmal wahr sein, also gelten, sich bewähren über die jeweilige Subjektivität und ihren Erfahrungsbereich hinaus. Freilich kann und sollte man rationalisierend anerkennen, dass es ganz unterschiedliche Wahrheitsansprüche auf der Welt gibt und sie „demokratisch“ und tolerant im Nebeneinander bestehen können müssen – ja im Miteinander, insofern sich dem Philosophen Jürgen Habermas zufolge Wahrheit erst erschließt in der Auseinandersetzung mit „den vielen Wahrheiten“. Gerade die christliche Offenbarungsreligion hat dies insofern anzuerkennen, als ja die Offenbarung in Jesus Christus noch keine universale ist, die allgemeine Einsicht und Zustimmung fordern könnte; vielmehr ist sie einstweilen auf Glauben, auf Vertrauen aus, bis am Ende der Zeit die wirklich universale Offenbarung des Gottesreiches allen Zweifeln ein Ende setzen wird. Gleichwohl beansprucht die christliche Kirche ähnlich wie viele andere Religionen und Philosophien die Wahrheit, also Verlässlichkeit ihrer Botschaft, die allerdings im Sinne der göttlichen Liebe nicht nur eine Lehr-Wahrheit ist, sondern auf Jesu Wort setzt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6).

Wahrheit zur Disposition gestellt

Die Annahme der Exklusivität der jeweils erkannten, behaupteten und beanspruchten Wahrheit, also die Distanzierung von ihr widersprechenden Aussagen gehört eigentlich zu ihrer Natur. Gleichwohl muss Wahrheit dialogisch zur Disposition gestellt und in ihrer Strittigkeit ausgehalten werden. Das aber funktioniert nur in der Hoffnung, dass sich die Wahrheit am Ende durchsetzen wird – sowohl im Kleinen der individuellen Lebenserfahrung als auch im Großen, theologisch ausgedrückt: im Endgericht und der universalen Offenbarung des dreieinen Gottes. Wo es eine derartige Hoffnung nicht gibt, wo sie wenig oder keine Luft zum Atmen bekommt, dort ist mit Weisheit und Geduld kaum zu rechnen; denn da muss der Erweis der Wahrheit jetzt schon sichergestellt und gegebenenfalls womöglich erzwungen werden. Das Fehlen von Hoffnung macht intolerant.

Solcher Hoffnungsmangel ist aber die logische Implikation jeder nihilistischen Weltanschauung. Denn Nihilismus beruht auf der Negation letzter Wahrheiten – außer eben der, dass diese Negation im Recht und wahr sei. Friedrich Nietzsche hat das begriffen und bis in den Wahnsinn hinein zu durchdenken versucht; er betrachtete den Gottesgedanken als „eine viel zu extreme Hypothese“, die abzulösen sei durch eine andere, nämlich umgekehrte: „die Umschaffung des Teufels in Gott“. Jesus bezeichnete bekanntlich den Teufel als den „Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Dem entspricht es, dass Nietzsche fordern konnte: „Wir müssen die Lüge, den Wahn und Glauben, die Ungerechtigkeit heiligen.“ Tatsächlich nahm er in Abwandlung gängiger metaphysischer Denkmodelle im Urwesen aller Dinge etwas Täuschendes und Närrisches an; als Geschöpfe dieses göttlichen (Un-)Wesens hätten wir, wie Nietzsche folgert, irgendwie an seinem betrügerischen Grund-Willen Anteil, so dass wir uns am Ende sogar durchaus selber betrügen wollen. Auf diese Weise hat er den Wahrheitsbegriff nachhaltig untergraben und explizit versucht, die Lüge in den Himmel zu heben.

Ewige Wahrheiten

Das Fatale am nihilistischen Denken ist freilich, dass es impliziert: Ob es zu Recht Wahrheit beansprucht, wird es nie erfahren. Denn wenn der Tod alles verschlingt und es keine ewige Wahrheit gibt, bleibt am Ende entweder nur ein ewiger göttlich-teuflischer Wahnsinn ohne wirkliche Klarsicht übrig – oder eben das absolute Nichts. Dabei muss es dem Nihilisten ja sogar gleichgültig sein, ob er die Wahrheit seiner Anschauung erfahren wird, weil er ohnehin an keine „letzte“ Wahrheit glaubt – die triste Wahrheit seines Nihilismus natürlich ausgenommen. In diesem Sinn kann es beispielsweise dem russischen Präsidenten Putin aufgrund seiner nihilistischen Orientierung egal sein, dass der ukrainische UN-Botschafter Serhij Kyslyzja im UN-Sicherheitsrat angesichts des Kriegsbeginns auf die orthodox-religiöse Überzeugung hinwies: „Es gibt kein Fegefeuer für Kriegsverbrecher, sie kommen direkt in die Hölle.“

Ob nicht tatsächlich unbewusste Angst vor dem – auch theologisch extrem schwierigen – Gedanken einer ewigen Hölle die verborgene Basis für die Weltanschauung so mancher Nihilisten und Agnostiker darstellt? Könnte sich spätestens jenseits des Todes womöglich doch eine Wahrheit offenbaren, an der die Ausrichtung des eigenen Lebens mehr oder weniger zerschellen müsste? Philosophisch und theologisch ist das Rechnen mit einer letzten Wahrheit jedenfalls keineswegs unsinnig, sondern im Gegenteil sehr vernünftig. Denn ohne eine letzte, alles tragende metaphysische Wahrheit wäre inmitten unserer vergänglichen Welt Wahrheit kaum konsistent denkbar; ja ohne dass wir von Gott wahrgenommen würden, würde es uns gar nicht geben – so der katholische Philosoph Robert Spaemann.

Die letzte Wahrheit

Folglich kommt alles darauf an, dass diese letzte Wahrheit eine positive und eben keine nihilistische ist. Theologie und Kirche haben hier – Gott sei Dank! – Evangelium, gute Nachricht auszurichten. Diese befreiende und froh machende Botschaft verdient es, inmitten eines zerrütteten Wahrheitsrelativismus mit neuer Leuchtkraft ausformuliert und verkündigt zu werden. Nicht „liberale“ Anpassung an Schemata, die die Exklusivität von Wahrheit bestreiten, ist angesagt, sondern die Affirmation der vorläufig noch nicht allgemein erkennbaren und doch absoluten Wahrheit ewiger göttlicher Liebe.

Der Autor ist apl. Professor für Systematische Theologie (Universität Erlangen-Nürnberg), Pfarrer i.R. und Publizist.

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