Die verschwundene Bibliothek

In Augsburg sind wertvolle Bücherbestände aus dem ehemaligen Kloster Irsee zu bewundern. Von Katrin Krips-Schmidt

Das im schwäbischen Landkreis Ostallgäu gelegene Kloster Irsee konnte im Laufe der Jahrhunderte auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. Es verfügte darüber hinaus über eine reichhaltige Bibliothek. Viele Hände, viel Arbeit und Geist waren nötig, um nach der Auflösung der Abtei deren kostbaren Bücherschatz zu heben, ihn nach Augsburg zu überführen, ihn zu sichten und zu katalogisieren. Nun wird er in einer prächtigen Ausstellung, die bis zum Februar 2019 schon in Kaufbeuren unter dem Titel „Von Bücherschätzen und gelehrten Mönchen. Die Bibliothek Kloster Irsee in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg“ gezeigt wurde, einem Fachpublikum und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Titel der Ausstellung: „Irsee: Europäische Perspektiven einer schwäbischen Klosterbibliothek“. Das Besondere daran: Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg demonstriert an zahlreichen Exponaten die Vielfalt der europäischen Beziehungsgeflechte einer Klosterbibliothek, die ehemals in großer Blüte stand. Heute erinnert in den Gemäuern der früheren Benediktinerabtei nur wenig an die großartige Vergangenheit als Bücherstandort. Die Inneneinrichtung der ehemaligen Bibliothek wurde nach ihrer Auflösung zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Brennmaterial verkauft, seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts dient Irsee als Kultur- und Tagungszentrum in Schwaben.

Kloster Irsee ging um das Jahr 1180 aus einer Einsiedlerzelle hervor und wurde von den Markgrafen von Ronsberg als Benediktinerabtei gestiftet. Allein aufgrund des späten Gründungsdatums erlangte sie nie den Bekanntheitsgrad und den Stellenwert der benachbarten und sehr viel älteren Stifte Ottobeuren und Kempten.

Andachtsbücher wurden eingestampft

Allerdings bestanden enge Verbindungen zu dem nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Kaufbeuren und zur damaligen Reichsmetropole Augsburg. Im Laufe der Säkularisierung fiel das freie Reichsstift Irsee im Jahr 1802 an das damalige Kurfürstentum Bayern. Vor 200 Jahren, 1818, wurde mit der Auflösung des Bestandes begonnen, allerdings sollte es bis 1833 dauern, bis die bedeutendsten Bücher nach Augsburg abtransportiert waren. Als weniger wertvoll angesehene Bände, wie Andachtsbücher oder auch aszetische Literatur, wurden in Papiermühlen eingestampft oder gelangten – trotz Verbots – in Privatbesitz. Die Klostercimelien wurden mit dem in Augsburg vorhandenen Bestand vermischt und damit „unsichtbar“.

Die diversen Bestände zu bewahren und für die Zukunft zu erschließen, lautet denn auch das Motto der Ausstellung, die als Kooperationsprojekt zwischen der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, dem Schwäbischen Bildungszentrum Irsee und dem Stadtmuseum Kaufbeuren im Rahmen des „Europäischen Kulturerbejahres 2018“ vorbereitet und konzipiert wurde. Die Ausstellung in Augsburg während der Europawoche 2019 soll den Klosterbetrieb als eine in einem europäischen Kontext kooperierende Gemeinschaft ins Bewusstsein heben. Erstaunen muss die ungeheure Vielfalt der präsentierten Dokumente und Textsorten. Nicht nur, was ihre Produktion angeht – neben zuweilen prächtig illuminierten Handschriften finden sich auch Inkunabeln (Drucke aus der Zeit bis 1500) sowie Drucke ab dem Jahr 1501. Ihren Bezug zur Bibliothek in Augsburg findet die Ausstellung übrigens auch durch zahlreiche erst in der Fuggerstadt noch zu Zeiten des Klosterbetriebs fertiggestellte Werke. An ihnen wird das Beziehungsgeflecht deutlich, das Werkstätten, Ateliers und Klöster schon im Mittelalter in ganz Europa miteinander verband. So wurde etwa das Handbuch der Moraltheologie des Dominikaners Antonius von Florenz (1389–1459), das bis ins 18. Jahrhundert hinein weitere Neuauflagen erfuhr, von – auch deutschen – Druckern in Venedig gedruckt, aufwendig illuminiert jedoch erst in der Fuggerstadt im Atelier von Johann Bäumler.

Als Mönche noch Christian Wolff lasen

Ein anderes Werk, eine Ausgabe des Liber Sextus und der Clementiae-Dekretalensammlungen der Päpste Bonifaz VIII. und Clemens V., die als Teile des Corpus Iuris Canonici immer wieder neu aufgelegt wurden –, wurde erst in der Lagunenstadt gedruckt und vor der Illuminierung in Augsburg im südlichen Württemberg, vielleicht in Tübingen, gebunden. Zu entdecken sind darüber hinaus die bekannteste Handschrift aus Irsee, ein illuminierter Psalter aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts sowie eine späte Fassung der Biblia Pauperum (Armenbibel) als Buchdruck auf Papier mit Holzschnitten.

Nicht nur theologische Cimelien werden gezeigt. Auch Architekturdrucke und Werke zur Musiktheorie sind vertreten. Einen besonderen Fokus legt die Ausstellung auf die Darstellung der katholischen Aufklärung, die auch vom Kloster Irsee propagiert wurde. Der protestantische Aufklärer Christian Wolff wurde von den Mönchen ebenso gelesen wie auch der publizistische Diskurs über die „Wolffsche Philosophie“.

Auch über das Ausstellungsende hinaus können die noch erhaltenen Handschriften und Drucke des früheren Klosters Irsee angesehen und studiert werden. Neue Digitalisierungstechniken machen es möglich. Zur Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalogband mit ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Exponate erschienen. Aus der Feder des Historikers Helmut Zäh stammt ein einführender Beitrag zur Geschichte des Klosters Irsee.

– Ausstellung: „Irsee: Europäische Perspektiven einer schwäbischen Klosterbibliothek“. Bis zum 24 Mai 2019 im Cimeliensaal der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg in der Schaezlerstraße 25, 86152 Augsburg.

– Katalog: „Abtransportiert, verschwunden und wieder sichtbar gemacht – Die Bibliothek Kloster Irsee in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg“. Herausgegeben von Helmut Zäh sowie von Karl-Georg Pfändtner, Stefan Raueiser und Petra Weber. Quaternio Verlag Luzern 2018, 224 Seiten, EUR 18,–

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