HAYERS HORIZONTE

Die Toten sind da

Wo die Familie zusammenkommt, grassiert auch Einsamkeit. Rituale der Erinnerung können aber helfen – eine sehr persönliche Geschichte.
Trauernde
Foto: Thiede | Trauer um die lieben Verstorbenen und die innere Verbindung mit ihnen sind besonders an Fest- und Feuertagen für die Hinterbliebenen zu verspüren.

Nie fiel mir das Weihnachtsfest so schwer. Erst vor einigen Wochen war meine Mutter gestorben, die überdies noch am 24. Dezember 2021 eine Notoperation erhielt. Schon damals waren die Überlebenschancen nicht hoch. Was darauf folgte, war ein Jahr des langsamen Abschieds von der Welt. Es war ihr Jahr, in dem ich sie nicht loslassen konnte und in dem sie trotzdem gegangen war. Nun also der erste Geburtstag, der erste Heiligabend, und bald das erste Silvesterfest ohne sie.

„Was mir hilft, ist in jedem Fall das Schreiben.
Denn wem fallen gerade diese Worte ein, die Sie lesen?
Entspringen sie meinem Bewusstsein?
Oder sind es nicht doch leise Stimmen, die sie mir einflüstern? “

Bewusst wird mir zwischen den Jahren wieder einmal, dass diese Zeit des Aufbruchs nie allein impulsiv in die Zukunft weist. Wir alle tragen die dunklen Erfahrungen von zwölf Monaten und überdies ebenso all die von uns gegangenen in uns. Sie schimmern auf in den Kerzen auf unseren Kränzen. Licht umgibt die Geburt, die wir zelebrieren, genauso wie den Tod. Es rahmt Anfang und Ende, markiert die Übergänge zwischen den Sphären. Für mich erweist sich diese eigenartigen Tage daher immer auch – und in 2022 mehr denn je – als eine Gelegenheit für Totengespräche. Erinnernd an die gemahnenden Geister in Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“, blicken wir mit ihnen auf die jüngere Vergangenheit zurück. Und fragen uns, wie hätten wohl die Verstorbenen gehandelt und welche Schlüsse hätten sie aus manchen Ereignissen für das Morgen gezogen.

Ein Stück weit liegt es in den höchst ambivalenten Wochen vor Neujahr, in der viele ihre Familien wiedersehen und andere mit ihrem Alleinsein hadern, auch an uns, jene Momente nicht von einer zerstörerischen Einsamkeit überkommen zu lassen. Es liegt an uns, den Schmerz zuzulassen, ohne uns in ihm zu verlieren. Abgesehen von der Familie meiner Partnerin, die mich mit vollem Herzen empfing, fühlte ich mich auch deswegen nicht isoliert, weil ich gezielt meine mir entglittenen Ahnen aufsuchte. Sowohl meine Mutter als auch meine Großmutter sind in einem Friedwald begraben.

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Der Ort um nahe zu sein

Als ich ihn am Heiligabend aufsuchte, um dort einige Blumen abzulegen, überkamen mich erwartungsgemäß die Gefühle. Aufgefangen wurde ich aber zugleich von einer luziden Stille. Die Toten kommunizieren wortlos. Ihr Terrain ist die Absenz des Lärms. Sie äußern sich im Hauch eines Windes, oder im Fall von Blättern. Da meine Mutter stets Vögel auf dem Balkon fütterte, scheint sie für mich in den Amseln auf, die über den Boden ihrer Grabstätte hüpfen. Und so bemerkte ich: Selbst wenn niemand mehr für mich da wäre, werde ich an jedem 24. Dezember immer einen Ort haben. Ich spürte, dass meine mir fortgerissenen Verwandten hier ganz nah waren. Ich wusste zudem, dass die Bestatteten nicht hier bleiben würden. Ich fuhr mit ihnen zu jenen, die mich erwarteten und sah sie noch Tage danach neben mir stehen.

Eigene Rituale im Umgang mit den Verstorbene finden

Aber hätte ich dafür diesen Wald gebraucht? Ich weiß es nicht. Ich sehe die Verstorbenen hier und dort. Jeder muss seine eigenen Rituale des Gedenkens erst finden und dann pflegen. Was mir hilft, ist in jedem Fall das Schreiben. Denn wem fallen gerade diese Worte ein, die Sie lesen? Entspringen sie meinem Bewusstsein? Oder sind es nicht doch leise Stimmen, die sie mir einflüstern? Für mich bleiben die Antworten darauf ein Geheimnis, das mir wie eine Sonne zu unerschöpflichem Elan verhilft.

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