Kultur

Die Suche nach der einen Geschichte

Lassen sich die verschiedenen Welten des Altertums parallel betrachten? Was Osten und Westen voneinander wussten. Von Clemens Schlip
Kloster Haghpat
Foto: IN | Die Christianisierung Armeniens ist eine Etappe in der Entstehung von Ost und West, wie sie der Buchautor sieht. Hier das im 10.

Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Unsere Welt ist politisch und wirtschaftlich eng vernetzt. Unser Geschichtsbild (und speziell unser Bild des Altertums) aber hat sich den neuen Gegebenheiten noch nicht angepasst. Unter „Antike“ versteht man allgemein nur das griechisch-römische Altertum. Was gleichzeitig in Indien und China geschah, wird in der Regel separiert davon betrachtet. Der im britischen Warwick tätige Altertumswissenschaftler Michael Scott hat sich auf die Fahnen geschrieben, das zu ändern. Er will die verschiedenen Welten des Altertums parallel betrachten und so das allgemeine Geschichtsbild den heutigen Erfordernissen anpassen. Ein interessanter Ansatz. Kann er auch überzeugen?

Zum einen ist die Grundidee nicht ganz neu. Scott verweist selbst auf Karl Jaspers Konzept der „Achsenzeit“ zwischen 800 und 200 vor Christus, in der die verschiedenen Weltgegenden unabhängig voneinander grundstürzende zivilisatorische Fortschritte vollzogen hätten.

Auch mit Blick auf die moderne Altertumswissenschaft rennt Scott nur schon offene Türen ein. Die interkulturellen Beziehungen der Antike sind ein etabliertes Forschungsfeld. Dass es gerade im Gefolge der Feldzüge Alexanders des Großen teilweise zu interessanten Begegnungen und Verschmelzungsprozessen kam – die Griechen lernten die Fakire kennen, die indische Kunst nahm griechische Formelemente auf, ein griechischstämmiger Diadochenherrscher in Zentralasien konvertierte zum Buddhismus – ist altbekannt. Scotts Idee ist zudem mit praktischen Schwierigkeiten behaftet. Der damit verbundene Anspruch müsste lauten, die Geschichte aller alten Hochkulturen und die dafür relevanten Sprachen gleichermaßen intensiv zu beherrschen. Die entsprechende Expertise ist für Einzelpersonen nicht zu erreichen. Auch Scott, von Haus aus klassischer Altertumswissenschaftler, kann nicht beanspruchen, ein echter Kenner der chinesischen oder indischen Geschichte zu sein und die entsprechenden Quellentexte im Original studieren zu können. Eine Trennung in verschiedene Forschungsbereiche ist mithin nicht „künstlich“, sondern praktischer Notwendigkeit geschuldet. Und sie vollzieht letztlich auch die Perspektive der jeweils zu erforschenden Kulturen nach.

Man wird, anders als Scott meint, auch ohne „eurozentrische“ Überheblichkeit daran festhalten dürfen, dass selbst in der globalisierten Gegenwart die Geschichte der griechisch-römischen Antike für Bewohner der westlichen Welt mehr unmittelbare Relevanz besitzt als die der anderen alten Hochkulturen. Denn zum einen ist aus dieser griechisch-römischen Welt die unsere hervorgegangen. Und zum anderen hat die in Europa entstandene Zivilisation im Zeitalter des Imperialismus und Kolonialismus auch anderen Erdteilen ihren Stempel aufgedrückt, und das wirkt sich bis heute aus. Letztlich behält sogar Scott trotz seines gegenteiligen Anspruchs ein „eurozentrisch“ geprägtes Geschichtsbild bei, wenn er von Antike und Altertum spricht. Denn die dieser Begrifflichkeit zugrundeliegende Dreiteilung Antike–Mittelalter–Neuzeit wurde aus der Betrachtung der europäischen Geschichte heraus entwickelt. Dass ein gebildeter Europäer auch solide Grundkenntnisse der chinesischen oder indischen Geschichte (und auch der anderer Völker) haben sollte, steht auf einem anderen Blatt.

Das Buch gliedert sich in drei große Abschnitte. Im ersten beleuchtet Scott die Entstehung der Republiken von Athen und Rom und die politischen Folgen des Konfuzianismus in China. Im zweiten betrachtet er vergleichend militärische Expansionsprozesse im vierten und dritten Jahrhundert vor Christus (in der Mittelmeerwelt, in Indien und in China). Im dritten schließlich geht es um religiöse Erneuerungsprozesse im späten Altertum. Das ist die interessanteste Abteilung des ganzen Buches. Denn Scott betrachtet die Ausbreitung des Christentums nicht nur anhand der Konstantinischen Wende, sondern blickt auch auf die Christianisierung Armeniens, die sich schon davor vollzogen hatte und eine Kirche hervorbrachte, die sich deutlich von der im römischen Reich unterschied. Hier lassen sich wirklich gute und sinnvolle Vergleiche ziehen. Parallel dazu betrachtet Scott die Entwicklung und Ausbreitung des Buddhismus und die Transformationen im Hinduismus in der Zeit der Gupta-Herrscher. Jede der in diesem Buch erzählten Geschichten verdient höchste Aufmerksamkeit. Die Vergleichs- und Verbindungspunkte bleiben aber oft undeutlich. Die verschiedenen Geschichten ergeben nicht „eine“ Geschichte. Man kann schlicht nicht so tun, als hätte es jemals einen einzigen antiken Geschichtsraum gegeben, der sich vom Atlantik bis zum Gelben Meer erstreckte. Sogar Alexander der Große, dessen Eroberungszüge die geographischen und ethnologischen Kenntnisse der Griechen bereicherten, kam „nur“ bis ins heutige Indien und Afghanistan. China hat er nie betreten.

Und auch wenn chinesische Seide auf langen Handelswegen ihren Weg nach Europa fand: Was in der chinesischen Innenpolitik geschah, hatte keine Auswirkungen auf das römische Reich und war dort nicht einmal ansatzweise bekannt (umgekehrt war es genauso). Die „Neue Seidenstraße“, die Scott ziemlich unbefangen mit der alten vergleicht, ist für das heutige China ein Mittel, Einfluss bis hin nach Europa auszuüben – der Athener Hafen Piräus etwa gehört der chinesischen Staatsreederei. Einen solchen Grad der Vernetzung besaß die alte Seidenstraße nicht.

Auch der geistige Austausch zwischen den alten Kulturen hielt sich in Grenzen. Von Konfuzius etwa wusste man in Europa bis in die frühe Neuzeit hinein nichts.

Von punktuellen Einsichten abgesehen, erschließt sich leider nicht, worin der von Scott beanspruchte Mehrwert an Erkenntnis bestehen soll, wenn man die verschiedenen Geschichten der antiken Völker nicht getrennt, sondern parallel in einem einzigen Buch betrachtet. Das Verbindungsglied ist in der Regel nur, dass sich in der jeweiligen Weltregion wichtige Veränderungen vollzogen. Aber hat es jemals eine Zeit oder eine Region gegeben, in der es keine Veränderungen und Umbrüche gab? Auf diese Weise kann man letztlich alles mit jedem „vergleichen“.

Michael Scott: Welten der Antike. Eine Geschichte von Ost und West.
Klett-Cotta, Stuttgart 2018, Hardcover, 574 Seiten, ISBN 978-3-608-98125-4, EUR 32,–

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