Die Souveränität des Menschen gegenüber der Maschine

Bildungsexperten mahnen, angesichts der digitalen Revolution nicht auf die Wertebasis des Menschlichen zu vergessen. Von Stephan Baier

Dass der in Österreich gefeierte Mathematiker und Bestsellerautor Rudolf Taschner, in seiner Heimat 2004 zum „Wissenschaftler des Jahres“ gekürt, sich von ÖVP-Chef Sebastian Kurz 2017 für eine Politikerkarriere im Parlament gewinnen ließ, war eine kleine Sensation. Dass der renommierte Wissenschaftler am Dienstagabend bei einem Symposion der „Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände“ (AKV) in Wien postulierte, die jüdisch-christliche Einsicht in die Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen sei die „Bedingung der Möglichkeit der Moderne“ und damit die Grundlage jenes Wertesystems, von dem wir alle leben und „das zu vermitteln die edelste Aufgabe der Schule ist“, dürfte nicht minder bemerkenswert sein.

Taschner mahnte bei dem AKV-Symposion über „Die neuen Herausforderungen für Schule und Bildung“, angesichts der voranschreitenden Digitalisierung die „conditio humana“ nicht zu vergessen. Wenn es gelinge, „die Souveränität des Menschen gegenüber der Maschine“ zu bewahren, dann könne die Digitalisierung auch zu einem Aufschwung der Geisteswissenschaften führen. Das Wertesystem Europas beruhe, so meinte Taschner in Anlehnung an den einstigen deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss, auf dem Staats- und Rechtsverständnis Roms, auf der Philosophie Athens und auf der Transzendenz-Erfahrung Jerusalems. Zur Schulpolitik meinte der Mathematiker und nunmehrige ÖVP-Bildungssprecher, die Lehrer müssten die Persönlichkeit der Kinder ernst nehmen. Das Schulsystem sei eine Frage zweiter Ordnung, wenn es nur gelinge, die Lehrer zu überzeugen, „dass sie an der Zukunft des Landes arbeiten“. Taschner wörtlich: „Für die Genies ist die Schule nie gemacht.“

Stefan Hopmann vom „Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien“ zerpflückte bei dem AKV-Symposion das Bildungskapitel des neuen Regierungsprogramms. Dieses sei von „ideologischen Schablonen durchzogen“, so der Bildungswissenschaftler. „Die massenhaften Bildungsverweigerer und Sozialschmarotzer, die gibt es einfach nicht.“ 80 Prozent aller Unterschiede im Bildungsbereich hätten ihre Ursache in materieller und sozialer Armut. Ursache fehlender Bildung und mangelhafter Integration sei also Armut. Scharf kritisierte Hopmann die deutschen Investitionen in die Ganztagsschule wie in Kindergärten. Beides habe keinen empirisch feststellbaren Effekt erbracht. Der österreichischen Bundesregierung riet der in Deutschland geborene und seit 2005 in Wien lehrende Wissenschaftler, es sei billiger und effizienter, anstelle von Pflichtkindergärten jedem Kind einen persönlichen Coach zur Verfügung zu stellen.

Die Idee „objektiver Maßstäbe“ im Lernfortschritt und noch häufigerer Tests in den Schulen lehnt Hopmann ab. „Es gibt keinen Test, aufgrund dessen man einem Zehnjährigen sagen könnte, dass aus ihm etwas wird oder nicht.“ In der Diskussion um die Integration fremdsprachiger Kinder meinte der Experte, die Sprache sei „nicht das prioritäre Problem“. Sie müsse mit dem Lernen, nicht vor dem Lernen erfolgen. Auch könne die Wertevermittlung nicht rein kognitiv funktionieren. Die Schule selbst müsse aufklärerisch agieren.

Die Leiterin des Schulamtes der Erzdiözese Wien, Andrea Pinz, sagte, die katholische Kirche habe sich seit jeher der Förderung der Begabungen und Talente aller Kinder verschrieben. Heute gehe es darum, „nicht nur digitale Kompetenzen zu erwerben, sondern auch deren ethische und soziale Komponenten zu bedenken“. Dass sich die Regierung Kurz in ihrem Regierungsprogramm ausdrücklich zum konfessionellen Religionsunterricht bekennt, begrüßte Pinz: Der Religionsunterricht sei kein Katechismusunterricht, sondern „ermöglicht eine Grammatik des Religiösen“ und vermittle weit über den Kreis seiner Schüler hinaus Werte in die Gesellschaft hinein. Pinz dankte der Regierung zudem dafür, dass diese einen verpflichtenden Ethik-Unterricht für alle Schüler schaffen will, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen.

Mit einer Hommage an das Christentum ließ der Vorsitzende der liberalen Partei NEOS, Matthias Strolz, bei dem AKV-Symposion aufhorchen: Die Werte Europas bauten auf dem jüdisch-christlichen Erbe und auf der Aufklärung auf, stimmte er Taschner zu. Strolz plädierte für ein Fach „Ethik und Religionen“, weil sonst ein Teil der Jugend abgekapselt bleibe. Zudem erfordere die Integration eine viel stärkere „soziale Durchmischung“. Begründung: „Wenn eine Generation der Abgehängten entsteht, droht die Spaltung der Gesellschaft – dann werden unsere Gartenzäune brennen!“ Strolz zeigte sich überzeugt, dass die Digitalisierung zwar längst im Kinderzimmer angekommen ist, aber noch nicht ausreichend in den Schulen. „In 20 Jahren werden wir mehrere digitale Schnittstellen in uns integriert haben. Wir werden Haushalts- und Pflegeroboter haben, einige von uns auch digitale Sexualpartner“, so der NEOS-Vorsitzende.

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