Philosophie

Die Philosophie des Weines erkunden

Was die „Risiken und Nebenwirkungen“ des Weins angeht, kann man streiten. Fest steht: über seine geistigen und sozialen Zusammenhänge haben sich viele Denker seit Jahrhunderten Gedanken gemacht. Auch über seine symbolische Heilkraft.
Abschluss Weinlese im Kaiserstuhl
Foto: Rolf Haid (dpa) | Bis aus den Trauben an diesen Rebstöcken im Kaiserstuhl Wein geworden ist wie er auf dem Tisch gereicht wird, muss noch viel Arbeit investiert werde, die Verarbeitung und die Betreuung des Reifeprozesses ist ...

Als die Deutsche Weinkönigin Josefine Schlumberger während ihrer Amtszeit 2015/16 in einem Fernsehinterview als erstes mit der Frage konfrontiert wurde, wie sie sich fühle, eine Droge öffentlich zu vermarkten, war sie auf diese Provokation offenbar vorbereitet und konnte dem Angreifer gut parieren. Angriffe dieser Art kommen immer wieder. Vor einigen Monaten gab es einen Vorstoß von der EU, Weinflaschen wegen des Alkoholgehaltes mit einem Gefahren-Hinweis zu versehen. Die Winzer befürchten einen Image-Schaden, sollten diese Vorschriften realisiert werden. Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber es gibt auch gegenteilige Expertisen, die auf die Nachteile für die Gesundheit hinweisen, wenn auf Wein verzichtet wird.

Wein bedeute aus medizinischer Sicht erwiesenermaßen ein Heilmittel, natürlich nur, wenn er in Maßen genossen wird. In dem 2021 erschienenen Buch von Hans Ulrich Grimm: Wein ist gesund, das auch in den Medien diskutiert wurde, gibt der Autor die jüngsten wissenschaftlichen Nachweise in dieser Angelegenheit. Der Aufdruck auf den Etiketten der Flaschen müsste demnach auf beides hinweisen: auf die Gefahr beim Genuss und auf den Mangel beim Verzicht von Wein.

„Im Unterschied etwa zu teuren Uhren, die ja auch von großer handwerklicher Kunst zeugen,
bleibt der Wein ein Lebensmittel, das mit seiner dionysischen Abkunft
und christlichen Aufwertung die Bedeutung eines sakramentalen Tauschmittels bekommen hat“

Besser als solche Hinweise wäre ein Beipackzettel mit allen stofflichen Angaben zum Wein, seine Expertise, aber darüberhinausgehend auch mit allen Wirkungen, die sich aus seiner Trägerschaft als Symbol ergeben. Wein ist auch hier ein Heilmittel. Als Symbol kann er die gleiche Wirkung entfalten wie der Stoff, vielleicht sogar mehr. Allerdings kann hierzu kein „Arzt oder Apotheker“ Auskunft geben. Was „Risiken und Nebenwirkungen“ von Symbolen angeht, so müssen andere Autoritäten konsultiert werden, Wissenschaftler, die etwas von geistigen und sozialen Zusammenhängen verstehen. Hier kann ein „Weinphilosoph“ einen Beitrag leisten.

Wer oder was aber ist ein Weinphilosoph oder eine Weinphilosophin? Zunächst denkt man an Friedrich Nietzsche und seine Schriften zum Weingott Dionysos. Konkreter wird der ungarische Schriftsteller und Philosoph Béla Hamvas mit seiner Philosophie des Weins (1946), die Kriterien für einen bewussteren Umgang mit dem Essen und Trinken aufzeigt. Der Wein steht für die Sinnlichkeit und Lebensfreude, er lässt die Nahrung zum Genuss werden, auch zum geistigen und religiösen. Damit wendet sich Hamvas an die Verächter des Genusses, aber auch an Antialkoholiker und vor allem an die Atheisten, die er alle gleichermaßen für leib- und lebensfeindlich hält. Seine Weinphilosophie soll ihnen den verborgenen oder verlorenen Glauben an das Leben und an Gott wieder zurückgeben. Deshalb nennt er sie auch ein „Gebetbuch für Atheisten“.

Religion und Sinnlichkeit bedingen sich

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Ein ganz anderer Weinphilosoph ist der Franzose Michel Onfray, der 1996 unter dem Titel „Les formes du temps“ eine Theorie des Sauternes geschrieben hat. Hierbei geht es zwar insbesondere um diesen kostbaren Süßwein aus dem Bordelais, es geht aber überhaupt um die Entstehung des Weins von den Anfängen der Welt. Onfray hat sich als „sinnlicher Philosoph“ einen Namen gemacht, sein Begriff von Sinnlichkeit steht aber in einem krassen Gegensatz zu Hamvas. Onfray möchte mit der Religion Schluss machen, „mit den Himmeln und mutmaßlichen Wohnsitzen der Ideen, Wesenheiten, Gottheiten“, es wären alles „phantasierte“ Realitäten, wie er in seinem erschienenen Werk: L'art de jouir: Pour un matérialisme hédoniste, das 1992 übersetzt wurde, feststellt. Dabei unterschätzt er offenbar die Macht der Phantasie. Tatsache ist, dass gerade sie die Sinnlichkeit massiv beeinflusst.

Nietzsche, Hamvas und Onfray argumentieren sehr unterschiedlich, sie stimmen aber bei der Aufwertung des sinnlichen Genusses für ein gesundes Leben überein. Gleichwohl trägt auch das Übersinnliche zu dieser Aufwertung bei, wie die Weinphilosophin Gisela H. Kreglinger in ihren Werken, vor allem in dem 2019 auf Deutsch erschienenen Buch Wein ist ein Gottesgeschenk herausheben möchte.

Symbol für ein Leben durch den Tod

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In diesen Weinphilosophien wird erkennbar, wie der Wein ein Pharmakon darstellt, das als Stoff und Symbol sowohl physisch wie metaphysisch wirkt. Dabei hat der Wein seit Jahrtausenden schon die Bedeutung, Symbol für das Leben und für das Recht auf Leben zu sein. Leben ist nur möglich durch den Tod anderen Lebens. Die Ernährung zwingt uns aber zu einem elementaren Rechtsbruch. Er kann gesühnt werden, wenn für das Ernten und Schlachten etwas zurückgegeben wird, real im Opfer, aber auch auf symbolischem Weg. Es muss alles vergolten, gesühnt, ja bezahlt werden. Das Leben ist also gewissermaßen ein Geschäft, bei dem am Ende die Rechnung gemacht wird. Dieses Ende wird meistens vergessen, weil es hier um den eigenen Tod geht.

Dass gerade im Bereich christlicher Kultur die Schuld immer mehr in Vergessenheit gerät, hat mit dem Kern des christlichen Glaubens und der Vergebung der Schuld zu tun. Diese Vergebung ist aber an das Gedächtnis gebunden, dass Jesus „für uns gestorben“ ist, also gewissermaßen die Rechnung übernommen hat. Zeichen dieser Übernahme sind Brot und Wein. Im profanen Leben ist dieser Zusammenhang von Schuld und Vergebung in den Hintergrund getreten, wobei die damit verbundene Quittierung aller Schuld trotzdem gern mitgenommen wird. Der französische Philosoph Jean Baudrillard stellte in L'échange symbolique et la mort (1976) heraus, dass diese Frechheit, wie es hier einmal genannt werden soll, mit einer massiven Angst vor dem Tod bezahlt wird. Alle bezahlen, der „symbolische Tausch“ findet grundsätzlich statt.

Wein wird zum symbolischen Opfer und tritt anstelle des Blutes

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Einen symbolischen Tausch gibt es schon in der griechischen Dionysos-Religion. Der ungarische Philologe Karl Kerényi weist in seinem Buch Dionysos (1998) nach, dass dieser Tausch von Wein gegen Blut die symbolische Grundlage für die Tragödie war, des Gesanges bei der Schlachtung des Bocks. Eigentlich war das Rind das Opfertier, doch dieser ländlich einfache Ritus des Ziegenopfers setzte sich durch und entwickelte sich zu dieser hochkultivierten Form, wie sie dann bei den attischen Festen der Dionysien in Athen regelmäßig gespielt wurden. Es geht dabei um die Wechselseitigkeit des „tragischen Opfers“, das den Tausch zu einem fröhlichen Tausch und den Wein zu einem sakramentalen Tauschmittel werden lässt.

Als Stoff und Symbol vereint der Wein alle Stufen des Seins. Er wächst als Traube heran (Leben), wird geerntet (Tod), vergärt (Verwesung) und erwacht als Getränk zu neuem Leben (Auferstehung). Das schon in der Antike lebensspendende Symbol wird durch das Christentum aufgegriffen. Auch als christliches Symbol ist der Wein als das Blut Christi, „für uns gegeben“. ein sakramentales Tauschmittel. Indem aber Christus selbst ans Kreuz und symbolisch in die Kelter steigt, wie die eindrücklichen „Kelterbilder“ aufzeigen, wird der Wein als Symbol nochmals veredelt. Alois Thomas hat solche Bilder in seinem Buch Die Darstellung Christi in der Kelter (1936) gesammelt und beschrieben. Hier vermischen sich Blut und Wein und damit auch Stoff und Symbol. Die Aufwertung gilt zwar nur für den geweihten Wein, aber die Volksfrömmigkeit gibt mit solchen Bildern allem Wein diese Weihe und gräbt sie folkloristisch in das Gedächtnis ein.

Die christliche Symbolik macht den Wein kostbar

Die Kostbarkeit und Köstlichkeit, die durch die christliche Symbolik diesem Getränk gegeben wurde, hat auch den modernen und profanen Weinkult und seine Vermarktung beeinflusst. Es geht um den immensen Wert von Weinen wie etwa Château L'Évangile oder Petrus, der sicher nicht von dem Produkt allein, vom Stoff, abgeleitet werden kann. Ihre schwindelerregenden Preise gehen auch auf ihren Symbolwert oder einen „Fetischcharakter“ zurück. Dieser Mehrwert kommt zwar auch durch Arbeit zustande, wie Karl Marx feststellte, es sind aber eher die Zuneigung und Liebe, die an der Arbeit und ihren Produkten erkennbar werden und die beim Kunstwerk oder Luxusartikel deutlicher hervortreten als beim Massenprodukt.

Der Wert des Weins liegt aber woanders. Im Unterschied etwa zu teuren Uhren, die ja auch von großer handwerklicher Kunst zeugen, bleibt der Wein ein Lebensmittel, das mit seiner dionysischen Abkunft und christlichen Aufwertung die Bedeutung eines sakramentalen Tauschmittels bekommen hat. Es zeigt uns, dass nichts umsonst ist, „am wenigsten das Leben“, wie Nietzsche sagte. Die Wahrheit, die uns der Wein (ein)schenkt, ist versöhnlich, wenn wir uns auf seine Geschichte um Leben, Tod und Auferstehung einlassen. Hier liegt auch seine symbolische Heilkraft.


Dazu mehr in: Stephan Grätzel, Patricia Rehm-Grätzel:
Reiner Wein Philosophie zum Einschenken. Würzburg 2022.
138 Seiten, € 17,80, ISBN: 978-3-8260-7583-4

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