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Die neue Selbstgerechtigkeit ist von dieser Welt

Zum Reformationstag kam wieder der Hinweis, Gnade sei nicht käuflich. Das wir abgrenzend verstanden. Gleichzeitig ruft aber die zeitgeistige Verweltlichung der Lehre genau den so vehement bekämpften Ablasshandel wieder hervor - nur in modernem Gewand.
Reformationstag
Foto: Swen Pförtner (dpa) | Reflektionen zu Ökumene und Zeitgeist: Anna Diouf beklagt alte Legenden, darauf basierende, grundlegende Lehrunterschiede und die Anpassung an den Zeitgeist, die einen gedeihlichen Umgang erschweren.

Gerade wurde der Reformationstag begangen, im Zuge der Aufarbeitung ideologischer Fehltritte Luthers häufig nicht mehr als „Fest“, sondern lediglich protestantisch-karg als „Gedenken“. Seit Jahren schon macht die Entmythologisierung Luthers ein massives Relevanzproblem deutlich. Dieses wird zusätzlich durch die Konkurrenzveranstaltung Halloween befeuert: Süßigkeiten zu sammeln scheint ungleich attraktiver als die religiöse Neurose eines frühneuzeitlichen Mönchs. Um sich der eigenen Bedeutung zu versichern, werden Jahr für Jahr Kernaussagen der Reformation bemüht: Insbesondere die, dass wir die Gnade Gottes nicht erarbeiten oder erkaufen können. Diese Aussage ist völlig richtig.

„Ein seltsames Verständnis von Ökumene,
dass an Fake News antikatholischer Propaganda
unvermindert festgehalten wird“

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Unwahr ist die unterschwellige Behauptung, der katholische Glaube habe dies zu irgendeinem Zeitpunkt gelehrt – übrigens ein seltsames Verständnis von Ökumene, dass an Fake News antikatholischer Propaganda unvermindert festgehalten wird. Die Gefahr, Gerechtigkeit oder Selbstgerechtigkeit im eigenen Handeln zu suchen, ist nicht konfessionell, sondern menschlich. Und sie ist brandaktuell. Gerade heute flirten die christlichen Konfessionen mit einem Zeitgeist, der genau das propagiert: Wir sollen durch Leistung das Klima, die Welt und die Menschheit retten, wir versuchen, uns selbst zu rechtfertigen, indem unser Lebenswandel völlig illusorischen ethischen Standards entsprechen soll. Standards, die die Komplexität der globalisierten Welt nicht annähernd einbeziehen und daher nur zu Verzweiflung und Doppelleben führen können.

Während ein Katholik damals wie heute davon überzeugt ist, durch einen Glaubensakt und echte Reue anderen helfen zu können, und dass die Gnade Gottes hinzugibt, was wir nicht vermögen, ist der säkulare Mensch nur auf sich angewiesen und gerät nun in Gewissensnot über die Frage, ob er Avocado kaufen oder die Wohnung heizen dürfe oder ob er sich impfen lassen müsse. Angesichts dieser Rigidität blüht natürlich auch der „Ablasshandel“:

Mit Umweltaktivismus das Gewissen beruhigen?

Wir zahlen einen Klima-Aufschlag für den Flug in den Urlaub und das Gewissen ist beruhigt, das E-Auto erhebt uns moralisch meilenweit über jene mit einem alten Diesel. Unsere Gerechtigkeit, mitunter gar unsere Würde wird an derlei Leistungen festgemacht. Dass viele Christen dieser selbstverordneten Überforderung wenig entgegensetzen, ist verständlich. Die Bewahrung der Schöpfung ist der erste Auftrag, den die Menschheit gemäß der biblischen Überlieferung erhalten hat; Gerechtigkeit und Liebe sind ureigene Anliegen unserer Religion. Die Ziele und Werte der Klima- und Weltretter sehen den christlichen manchmal so ähnlich, dass man den Unterschied für vernachlässigbar hält. Das ist er aber nicht: Die christliche Botschaft entlastet den Menschen von überzogenen „Moral“vorstellungen, ohne gesellschaftliches oder ökologisches Engagement zu diskreditieren: Sie behauptet nicht, dass Engagement irrelevant sei, sondern drängt darauf, unsere Bemühungen ins rechte Licht zu rücken, in die Perspektive von Liebe, Vergebung und Gottes Fürsorge. Wir dürfen weder uns selbst noch andere über Leistung definieren, sei sie ethisch oder „spirituell“.

 

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