Prominente und Christentum

Die meisten Menschen sind  anders, als man meint

Manchmal sind Christen über Prominente und ihre Aussagen positiv überrascht. Doch beim Umgang  mit Menschen darf man sich grundsätzlich kein zu einseitiges Bild machen.
Britney Spears Bühnenauftritt
Foto: (YNA) | Körpereinsatz und viel blankes Fleisch gehören - wie hier bei Britney Spears - zum Musikgeschäft. Viele Christen können sich kaum vorstellen, dass Protagonisten dieser Szene ebenfalls Christen sein können oder wollen.

"Ich komme gerade aus der Messe. Ich bin jetzt katholisch. Lasst uns beten!" Mit dieser Botschaft überraschte und verwirrte Popsängerin Britney Spears im vergangenen August ihre Fans und Follower auf Instagram. Während diese Nachricht in den katholischen Regionen der Sozialen Netzwerke mit Freude und Glückwünschen aufgenommen wurde, dominierte in der breiteren Öffentlichkeit die Auffassung, das könne doch wohl nicht wahr sein. Man traute dem ehemaligen Superstar, der seit fünf Jahren kein neues Album mehr veröffentlicht, stattdessen aber durch familiäre Probleme, Psychiatrie-Aufenthalte und Rechtsstreitigkeiten von sich reden gemacht hatte, zwar so allerlei Verrücktheiten zu – aber das dann doch nicht. Der Instagram-Beitrag wurde bald darauf wieder gelöscht.

Als nicht viel weniger überraschend wurde es aufgenommen, dass die 20-jährige Sängerin Billie Eilish, die dank ihres unkonventionellen Auftretens als "Stilikone für Mädchen ihrer Generation" bezeichnet wird und im Jahr 2020 alle vier Hauptkategorien der Grammy Awards gewann, neuerdings öffentlich vor den psychischen Folgeschäden von Pornographiekonsum warnt. Sie habe schon mit elf Jahren Pornos geschaut, gab sie zu Protokoll, und es habe ihr "Gehirn zerstört". Dass die Sängerin seit ihrem achtzehnten Lebensjahr vegan lebt und auch ihre Fans zum Verzicht auf Fleischverzehr aufruft, verträgt sich durchaus mit ihrem Image, aber Warnungen vor jener anderen Art von Fleischeslust werden in der öffentlichen Wahrnehmung eher mit evangelikalen Predigern oder rechtsgerichteten Kolumnisten assoziiert. Es ist daher kaum verwunderlich, dass scharfe und zum Teil hämische Kritik an Eilishs Aussagen nicht lange auf sich warten ließ.  

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Nicht jeder muss vom Pferd fallen, um vom Saulus zum Paulus zu werden

Wenn Menschen sich zu Anschauungen bekennen, die man von ihnen nicht erwartet oder ihnen nicht zugetraut hätte, muss das nicht unbedingt die Folge eines "Damaskuserlebnisses", einer Wandlung "vom Saulus zum Paulus" sein; es kann auch einfach daran liegen, dass die Vorstellung, die man sich von der betreffenden Person gemacht hatte, falsch oder einseitig war. Oft wirkt sich hier ein Phänomen aus, das der Kolumnist Max Goldt einmal als "Zwangskopplung" bezeichnet hat: die besonders auf der Linken weit verbreitete Vorstellung, die Haltung, die jemand beispielsweise zum Thema Atomkraft einnehme, lasse Rückschlüsse auf seine Einstellung zu Abtreibung, Migration, Arbeitnehmerrechten und allerlei anderen Themen zu, auch wenn es zwischen diesen gar keinen zwingenden inhaltlichen Zusammenhang gibt. Wenn jemand in dem einen oder anderen Punkt gegen diese Erwartung verstößt, wird er von denen, die ihn bisher auf ihrer Seite gewähnt haben, nicht selten des "Verrats" geziehen und muss mit Sanktionen rechnen.

Dieses Reaktionsschema bekommt derzeit etwa die "Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling zu spüren. Lange Zeit galt sie unbestritten als progressiv: Aus der Handlung der "Harry Potter"-Buchreihe lässt sich ein klares Bekenntnis gegen Rassismus ableiten, und als Kritik daran laut wurde, dass es dem Personal ihrer Romane an sexueller Vielfalt mangele, erklärte die Autorin bereitwillig, ihr Meisterzauberer Albus Dumbledore sei homosexuell (auch wenn dies in den Büchern selbst nicht thematisiert wird). Als sie sich jedoch auf Twitter über die Bezeichnung "menstruierende Menschen" mokierte und anregte, diese Personen einfach "Frauen" zu nennen, war das Entsetzen groß: Rowlings Einlassung wurde als "transfeindlich" und als "Hassrede" gewertet, die Autorin wurde zum Ziel von Beschimpfungen und sogar Morddrohungen. Statt ihre "kontroverse" Äußerung zu widerrufen, legte Rowling nach und verglich   abermals auf Twitter   transgender-affirmierende Sprachregelungen mit dem "Neusprech" aus George Orwells "1984". Inzwischen distanzieren sich sogar Schauspieler von ihr, die durch Rollen in den Verfilmungen der "Harry Potter"-Buchreihe berühmt geworden sind und Rowling somit in gewissem Sinne ihre Karriere verdanken, und die Autorin wurde von der Teilnahme an einem TV-Special zum 20-jährigen Jubiläum des ersten "Harry Potter"-Films ausgeladen. Zu ihren Überzeugungen zu stehen, ist ihr offenbar wichtiger als der Beifall der öffentlichen Meinung; und schon das allein ist heute für eine Person des öffentlichen Lebens, die buchstäblich von ihrer Popularität lebt, ungewöhnlich und überraschend.  

„Liebe erfordere die "Bereitschaft, einem Menschen zu folgen
in allen seinen möglichen Entfaltungen"“

Irritationen darüber, dass Menschen anders handeln, anders denken oder sich anders äußern, als es von ihnen erwartet wird, sind jedoch keineswegs auf den öffentlichen Raum beschränkt: Auch und gerade im privaten zwischenmenschlichen Bereich drücken sich in Sätzen wie "Das hätte ich nicht von dir gedacht" oder "So kenne ich dich ja gar nicht" vielfach Enttäuschung, Vorwürfe und Bitterkeit aus. Freundschaften und Familien können daran zerbrechen. Dabei geht es nicht unbedingt um politische, religiöse oder weltanschauliche Differenzen, sondern im breitesten Sinne darum, dass man an einem vermeintlich vertrauten Menschen Züge entdeckt, die verstören, befremden. Die Vielschichtigkeit, Widersprüchlichkeit und Veränderlichkeit des menschlichen Charakters, so scheint es, ist für andere, und zwar besonders für Nahestehende, oft schwer zu akzeptieren und zu ertragen. In einer Aussage wie "So kenne ich dich gar nicht" offenbart sich eine tiefe Verunsicherung, ob man wirklich noch denselben Menschen vor sich hat, den man zu kennen glaubte – oder, womöglich noch schlimmer, ob man sich von vornherein in diesem Menschen getäuscht hat und er nie derjenige war, als den man ihn wahrgenommen hat.

So begreiflich es ist, dass die Erfahrung, an einem vermeintlich vertrauten Menschen plötzlich etwas Fremdes zu entdecken, ein natürliches Sicherheitsbedürfnis verletzt, so sehr ist zu betonen, dass es einem Menschen nicht gerecht wird, ihn darauf zu reduzieren, was man von ihm gewohnt ist und erwartet. Mit dem biblischen Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen" überschrieb der Schweizer Schriftsteller Max Frisch in seinem "Tagebuch 1946-1949" eine essayistische Skizze, in der er der Komplexität und Wandelbarkeit des Menschen nachspürt: Es sei, so schreibt Frisch, der "Anspruch alles Lebendigen", "unfassbar" zu bleiben, und lieblos sei es, einen Menschen auf das Bild festzulegen, das man sich von ihm gemacht hat: Liebe erfordere die "Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen".

Umkehr als von Gott geschenkte Gnade

Gewiss legt Frisch dem Bibelvers, auf den er sich bezieht, eine heterodoxe Deutung bei, wenn er "Gott als das Lebendige in jedem Menschen" auffasst. Dennoch wird man auch und gerade aus christlicher Perspektive gut daran tun, seine Zeilen als eine Mahnung aufzufassen, im Mitmenschen das Ebenbild Gottes zu respektieren   in all seiner Unbegreiflichkeit und Unauslotbarkeit. Lassen wir zu, dass unsere Mitmenschen sich uns von einer unerwarteten Seite zeigen? Erlauben wir ihnen   unseren Freunden wie unseren Feinden  , über das Bild hinauszuwachsen, das wir uns von ihnen gemacht haben, aus der Schublade auszubrechen, in die wir sie einsortiert haben? Vergessen wir nicht, dass "Umkehr" ein zentraler Begriff der Botschaft Jesu Christi vom Reich Gottes ist; und das Wort, das das griechische Neue Testament hierfür benutzt   "metanoia"  , kann auch als "Um-denken" übersetzt werden. Die Neuausrichtung des Denkens, die dieser Begriff beschreibt, ist im christlichen Verständnis eine Gnade, die Gott schenkt. Einem Menschen nicht zuzutrauen, dass er sich ändern könne, würde demnach in letzter Konsequenz bedeuten, Gott nicht zuzutrauen, diesen Menschen zu verändern.

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