Feuilleton

„Die Meise hat mir die Farben aus meinem Leben gedreht“

Briefe eines manisch Depressiven an seinen kleinen Sohn aus dem „Wolkenkuckucksheim“, die eine neue Perspektive eröffnen. Von Franziska Pröll
In der Depression ist „Alles grau. Alles gleichgültig. Ohne Gewichtung und Abstufungen“.
Foto: dpa | In der Depression, schreibt Buchautor Sebastian Schlösser, ist „Alles grau. Alles gleichgültig. Gleich gültig. Unterschiedslos. Ohne Gewichtung und Abstufungen“.

Er hat 'ne Meise und wohnt im Wolkenkuckucksheim. Das klingt schon viel ansprechender als „Er hat eine bipolar-affektive Störung und befindet sich in der Psychiatrie“. So dachte auch Sebastian Schlösser. Der Theaterregisseur ist mit der Diagnose „manisch-depressiv“ in einer psychiatrischen Klinik im Hamburger Stadtteil Eppendorf eingeliefert worden. Dort beginnt er, Briefe an seinen kleinen Sohn Matz zu schreiben, die er ihm überreichen möchte, wenn er älter ist.

Mit beeindruckender, berührender, aber teilweise bedrückender Ehrlichkeit kehrt Schlösser sein Inneres nach außen. Noch einmal durchlebt er, was in den letzten Wochen und Monaten seines Lebens passiert ist – der geplatzte Traum vom Schauspielern, die erste eigene Inszenierung, die Geburt von Matz und weitere berufliche Stationen in verschiedenen deutschen Städten. Dem Leser eröffnet er dabei eine völlig neue Perspektive. Er sieht die Welt mit den Augen eines psychisch Kranken, der ihm unmittelbar seine Sicht der Dinge mitteilt. Durch die detaillierten Schilderungen des Autors kann der Leser auf die Symptome der Krankheit rückschließen. So wird ihm auffallen, dass Schlösser in der manischen Phase zu Selbstüberschätzung und Größenwahn neigt. Ständig kategorisiert er die Menschen in seinem Umfeld. Er selbst, der „Profi“ schlechthin, zeigt sich genervt von den in seinen Augen unfähigen „Amateuren“, denen er sich maßlos überlegen fühlt. Außerdem wird der Leser mit Schlössers hemmungslosem, impulsivem und unkritischem Verhalten konfrontiert. In Berlin setzt er sich, nur mit einem Bademantel bekleidet, ins Taxi und hat vor, mit dem Bürgermeister über den Intendantenposten des neuen Theaters zu sprechen. Doch auf solche Höhenflüge folgt rasch und unweigerlich der Absturz. Die depressive Phase ist von Antriebs- und Hoffnungslosigkeit geprägt, was der Autor so beschreibt: „Die Meise hat mir die Farben aus meinem Leben gedreht. Alles grau. Alles gleichgültig. Gleich gültig. Unterschiedslos. Ohne Gewichtung und Abstufungen.“

Obwohl die Thematik der bipolar-affektiven Störung alles andere als kinderleicht ist, packt Schlösser sie so geschickt an, dass sie auch jungen Menschen gerecht werden kann. Einfühlsam geht er auf deren Wissens- und Entwicklungsstand ein. Medizinische Fachbegriffe vereinfacht er zum Beispiel so: „Die Spezialärzte hier nenne ich einfach Meisendoktoren, denn sie sollen mir dabei helfen, meine Meise einzufangen.“ Selbst seine extremen Emotionen, die die jeweiligen Phasen der Krankheit bestimmen, bringt er Matz näher, indem er sie mit kindlichen Erlebnissen in Verbindung bringt „So, wie wenn du Geburtstag hast, und Du hast alle deine Freunde zu Besuch, und es gibt den ganzen Tag nur Süßes, und abends siehst Du sogar noch einen Film. Dann willst du unbedingt, dass es immer so weitergeht.“ Dank dieses lebensnahen und sehr gut gewählten Beispiels wird nicht nur Matz das euphorische Gefühl einer manischen Phase auf jeden Fall (ansatzweise) nachvollziehen können.

In seiner äußeren Form besteht das Buch aus Briefen, die an Matz adressiert sind. Jedoch wandelt sich deren innere Struktur mit der Zeit. Das tägliche Klinikgeschehen, das anfangs ausführlich dargelegt wird, rückt zunehmend in den Hintergrund. Je besser der Autor medikamentös eingestellt wird und damit die Krankheit in den Griff bekommt, desto intensiver und vor allem differenzierter setzt er sich mit seiner Vergangenheit auseinander. Er erinnert sich nicht nur, sondern bewertet und reflektiert sein Verhalten. Vordergründig sind die Briefe zwar weiterhin an Matz gerichtet, der auch öfter direkt angesprochen und einbezogen wird. Doch eigentlich schreibt der Autor für sich, um zu begreifen. Die Gewissheit, dass sein geliebter Sohn die Rolle des „stummen Gesprächspartners“ einnimmt, scheint ihm Kraft zu geben. Kraft, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Denn die Frage nach seiner Identität nimmt eine zentrale Stellung ein. Schlösser formuliert: „Wer bin ich und wo fängt die Krankheit an? Ist die Meise mir zugeflogen, weil ich sie gerufen habe? Sind bestimmte Charaktereigenschaften wie meine Impulsivität dafür verantwortlich?“

Als nach Beendigung des Klinikaufenthalts ein neuer Auftrag im Theater bevorsteht, thematisiert Schlösser offen seine Bedenken, wie sein Umfeld auf ihn reagieren wird. „Ich freue mich über die Beschäftigung, ... bin aber gleichzeitig ängstlich. Weil ich nicht weiß, inwieweit mein durchgeknalltes Verhalten hier schon die Runde gemacht hat... Ich möchte mich nicht dauernd erklären müssen. Ich schulde denen auch keine Erklärung. Nicht für meine Persönlichkeit. Nicht für meine Art. Nicht für meinen Geschmack und nicht für meine Entscheidungen.“ Diese Zeilen sollten den Leser nachdenklich machen. Sie bringen deutlich zum Ausdruck, wie sehr die Gesellschaft psychisch Kranken immer noch mit Vorurteilen und Distanz begegnet. Hätte der Autor einen Bandscheibenvorfall gehabt und würde nach mehrmonatiger Rehabilitation wieder seinen Job aufnehmen, wäre er nicht von Ängsten gequält. Dann würde er von seinen Kollegen mit freundlichen Handschlägen statt mit schiefen Blicken begrüßt werden. Dann würde er von allen bemitleidet werden und hätte nicht das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Und bestimmt würde nicht hinter seinem Rücken getratscht werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Schlösser beschließt, sich durch ein Studium der Rechtswissenschaften beruflich neu zu orientieren: „Es geht mir genau um diesen großen Abstand zum Theater. Um die Nüchternheit. Um Objektivität. Eine ganz eigene Sprache. Sichtbare Regeln. Der Gedanke an einen Neuanfang lässt mich lächeln.“

Schlösser leistet in mehrerlei Hinsicht einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Entstigmatisierung der bipolar-affektiven Störung. Sein Werk kann eine große Hilfe für ältere Kinder und Jugendliche darstellen, deren Eltern an dieser Krankheit leiden. Schlösser erklärt ihnen, was in dem Betroffenen vorgeht. Etwas, wozu der Erkrankte in seiner Manie oder Depression nicht in der Lage wäre. Obwohl es an ein Kind adressiert ist, sollten vielmehr Erwachsene Schlössers Buch lesen. Sie nehmen die Perspektive des Menschen ein, von dem sie sich sonst womöglich abgewendet, weil er „einen an der Klatsche“ hat. So wird der Leser aufgeklärt und entwickelt mehr Verständnis für psychisch Kranke. Darüber hinaus wird er sich selbst kritisch hinterfragen. Schließlich erkennt er, dass eine Abwehrhaltung unbegründet ist und er den Betroffenen unvoreingenommen begegnen könnte, sollte und müsste.

Sebastian Schlösser: Lieber Matz, Dein Papa hat 'ne Meise: Ein Vater schreibt Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie.
Ullstein Verlag 2011, 240 Seiten, ISBN-13: 978-355008-870-4, EUR 18,–

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