Die Magie der Druiden in der Schule

Heidentum: Neue Konzepte für den britischen Religionsunterricht. Von Barbara Stühlmeyer
Druiden in Stonehenge
Foto: IN– | Druiden in Stonehenge: Was sie glauben, soll an britischen Schulen zum Unterrichtsstoff gehören.

Vom kommenden Schuljahr an werden in Cornwall neue Zeiten anbrechen, zumindest, was den Religionsunterricht angeht. Denn dort werden Phil, Mary und John nach der Doppelstunde Mathe in die Heidenklasse wechseln können. Nein, das ist kein verspäteter Aprilscherz, sondern Teil des neuen Lehrplans, den der Verwaltungsrat von Cornwall beschlossen hat. Grundlage für die Entscheidung ist die Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften. Ziel des Unterrichtes, in dem Fünfjährige über Sinn und Bedeutung von Stonehenge informiert werden und Elfjährige die Grundlagen des alten und neuen Heidentums studieren sollen, ist es, die Relevanz der vorchristlichen Stätten für die derzeitige Pagan-Community zu verdeutlichen. Ein weiteres Ziel: die nachwachsende Generation der Neuheiden und Druiden soll vor Mobbing und Diskriminierung geschützt werden.

Hier spätestens sind aber einige Fragen angebracht. Die erste wird von den Kritikern der Entscheidung des Verwaltungsrates gestellt und betrifft die Anzahl derjenigen, die von dem neuen Unterrichtsmodell profitieren sollen. Nach Angaben des Countys gibt es in Cornwall zwischen 600 bis 750 Neuheiden, die Gesamtbevölkerung beträgt 537 400. Fragt man weiter, wie viele Schüler sich zum Heidentum bekennen, ist die Antwort beredtes Schweigen. Kein Wunder, denn sieht man sich in der Szene um, kämpfen sowohl Heiden als auch Druiden, die identisch sein können, aber nicht müssen, um eine Senkung des Altersdurchschnittes, der bei schätzungsweise 50 Jahren liegt. Dasselbe gilt für Hexen, denn auch bei ihnen herrscht in der Jugendarbeit gähnende Leere. Offenkundig handelt es sich beim neuen Religionsunterrichtsplan also eher um eine Werbemaßnahme als um notwendige Information für Betroffene. Aber auch wenn man deren Notwendigkeit in dem in Cornwell geplanten Ausmaß sähe, erhöben sich weitere Fragen. Sie hängen vor allem mit der enormen Diversität der zu behandelnden Religionen zusammen. Nehmen wir einmal das Beispiel der Druiden, die in Großbritannien seit 2010 als Religionsgemeinschaft anerkannt sind. Sie unterscheiden sich in Organisationsstruktur und inhaltlicher Ausrichtung beträchtlich. Für Anhänger des ADF (A Druid Fellowship) etwa steht die detailgenaue Rekonstruktion der keltischen Vergangenheit inklusive der historisch korrekten Verehrung der alten Götter im Vordergrund. Sie sind demnach Teil der neopaganen Bewegung. Andere Druidenorganisationen wie der British Druid Order orientieren sich zwar ebenfalls am Heidentum, schreiben ihren Mitgliedern aber nicht vor, welche Götter sie zu verehren haben. Hier reicht das Spektrum also über die keltischen Götter hinaus und bezieht auch den altägyptischen und vor allem den derzeit topaktuellen nordischen Götterhimmel mit ein. Da wir vor allem bei Letzteren kaum vorchristliche Quellen über deren Verehrung haben, sind ein Großteil der Rituale Neukonstruktionen, bei denen es zu untersuchen gilt, ob und inwieweit sie die ursprüngliche pagane Tradition widerspiegeln beziehungsweise adäquat fortsetzen. Hierzu gibt es bislang keine ausreichenden Studien.

Der Order of Bard, Ovates and Druids ist überhaupt keine Religionsgemeinschaft. Seine Mitglieder sind sowohl Heiden als auch Christen, Muslime, Hindus oder Juden.

Ähnlich divergent sieht es in der Szene der Hexen aus. Deren ursprünglich streng hierarchische Struktur und dem dualistischen Prinzip der Verehrung von Gott und Göttin ist einer Vielzahl von eklektischen Lebensformen gewichen, bei denen sich die magisch interessierte Alltagspraktikerin neben der Hohepriesterin wiederfindet, in deren Göttinenhimmel Brigid, Isis und Freya einträchtig beieinandersitzen.

Noch divergenter wird es dann bei den Schamanen, die ebenfalls Teil des neuen Unterrichtskonzeptes sein sollen. Sie als Religionsgemeinschaft zu bezeichnen ist verfehlt. Denn Schamanen sind indigene Heiler und gehören, je nachdem, ob sie in Sibirien oder Amerika zuhause sind, völlig unterschiedlichen Religionsgemeinschaften an, weshalb sie in der Herz-Jesu-Andacht ebenso zu finden sein können wie im heiligen Hain der Druiden.

Natürlich spricht überhaupt nichts dagegen, innerhalb des Religionsunterrichtes auch über neuheidnische Bewegungen zu informieren. Eine Einbeziehung in den Lehrplan in dem Ausmaß, wie es in Cornwall nun praktiziert werden wird, ist aber kritisch zu sehen. Denn wenn ein Verwaltungsrat einen so weitreichenden Beschluss über die Inhalte des Religionsunterrichtes trifft, ohne die Bedeutung der Begriffe geklärt zu haben und ohne die Frage zu beantworten, wo die zu vermittelnden Inhalte in verantwortlicher Weise erlernt werden können, muss er sich die Frage gefallen lassen, welche Kräfte er da auf Kinder ab fünf Jahren loslassen möchte.

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