Hohle Fassaden

Die Macht der Symbole verblasst

Worin sind die Deutschen Weltmeister? Sie sind nur noch Symbolweltmeister. Das „Zeichen setzen“ mutiert zu einer Art von Volkssport, wie bei der Fußballnationalelf .
Cropped side view of excited homosexual male standing near building with LGBT rainbow flag and shouting in loudspeaker D
Foto: IMAGO / Addictive Stock | Wer Zeichen setzen will, findet auch ein Sprachrohr.

Die Deutschen sind Weltmeister. Fußballweltmeister? Exportweltmeister? Mitnichten, das war einmal. Sie sind Symbolweltmeister. Das kann ihnen keiner so schnell streitig machen. Stand früher Deutschland synonym für „Made in Germany“ oder die Ingenieurskunst, noch früher sogar für das Land der Dichter und Denker, so steht es heute für die moralische Selbstinszenierung. Inzwischen ist das „Zeichen setzen“ sogar zu einer Art von Volkssport mutiert. Wie bei der deutschen Fußballnationalelf.

„Das Lebenselixier dieser Scheinwelten?
Das Symbol. Es fungiert als Ersatzhandlung
für fehlende Risikobereitschaft oder mangelnde Tapferkeit“

Mit der moralinsauren Aufschrift „Diversity wins“ auf dem Lufthansa-Flugzeug ging es zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Katar. Nachdem die FIFA das Tragen der Kapitänsbinde mit der Aufschrift „One Love“ verboten hatte, äußerte die deutsche Nationalelf ihren Unmut. Indem sie sich, im wahrsten Sinne des Wortes, zum Affen machte: Hand auf den Mund. Das Ergebnis? Mit dem Vorrunden-Aus ging es just im bunten Flieger wieder zurück nach Hause.

Zurück in ein Land, wo zunehmend nicht Leistung, sondern Gesten eine Rolle spielen. Genderstern, Regenbogenflagge, Solidaritätsbekundungen überfluten das Land. Sie alle sind aus dem Leben kaum mehr wegzudenken, sie alle fahren das Leistungsprinzip, wohl wissend und blindlings, an die Wand. Nicht die nächste Corona-Welle steht vor der Tür, sondern die nächste Symbolwelle.

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Statusverlust durch Widerstand gegen die Forderungen des Mainstreams

Der Scheinaktivismus boomt. Wieso? Gut zu handeln ist edelmütig, aber nicht selten mit persönlichen, finanziellen und sozialen Einbußen verbunden. Die eigene Inkompetenz zu akzeptieren und auf eine Führungsposition zu verzichten, erfordert Mut. Es nagt am eigenen Selbstwert. Die Mitarbeiter adäquat für ihre Arbeitsleistung zu entlohnen, bedeutet finanzielle Abstriche bei sich selbst zu machen. Und sich gegen den blinden politischen Aktivismus seines Freundeskreises zu stellen, kann mit einem Statusverlust innerhalb der Gruppe bestraft werden, oder gar den Ausschluss aus dem Freundeskreis bedeuten.

Hingegen gut zu erscheinen, ist wenig aufwendig, kostenintensiv und risikobehaftet. Wie etwa beim „grünen Ablasshandel“. Um die eigenen Flug-Emissionen zu kompensieren, verringert man nicht seine Flüge. Nein, man zahlt einfach einen entsprechenden Klima-Obolus. Ein persönliches Zertifikat inklusive Spendenbescheinigung, mit der man den Klimaschutzbeitrag steuerlich absetzen kann, runden das Paket ab. Das ist „Gratismoral“ „to go“.

Vorgeblich gute Zeile rechtfertigen inzwischen beinahe alle Mittel

Deswegen unterstützt die politisch-mediale Kaste auch die „Klima-Kleber“ der „Letzten Generation“ mit Verve und finanziellen Mitteln. „Co-Klimatisten“ begleichen über Spenden via Crowdfunding die Geldstrafen der Klima-Aktivisten. Polit-Prominente, wie der Linken-Politiker Gregor Gysi, verteidigen vor Gericht Klima-Aktivisten. Das ist Ablasshandel in moderner Ausgestaltung. „Sobald das Geld beim Aktivismus klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“ Eine Wohltat nicht nur für das eigene Gewissen, sondern auch für das soziale Prestige.

Angelehnt am „demonstrativen Konsum“ des deutsch-dänischen Soziologen, Theodor Geiger, kann man auch sagen: Die „woke class“ betreibt „demonstrativen Aktivismus“. Sie spricht gendergerecht, handelt aber nicht so. Sie unterstützt die Ukraine mit Worten, liefert aber Waffen nur schleppend. Sie verteufelt das Fliegen, jettet aber trotzdem um die Welt. Kurzum: die „activism class“ handelt moralisch „als ob“. Aus purer Unterhaltung.

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Beispielhaft: Die Verwirrung über Geschlecht von Mann und Frau

Wie sich diese „als ob“-Haltung auf weitere Lebensbereiche ausweitet, sehen wir seit geraumer Zeit. So wird die biologische Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau an Schulen und Universitäten angezweifelt, ja sogar negiert. Das sogenannte „Selbstbestimmungsgesetz“ legalisiert sogar diese haltlose Vermengung von biologischem Geschlecht und sozialer Rolle. Demnach soll es ab Mitte 2023 jedem Bürger ab 14 Jahren möglich sein, Geschlecht und Vornamen auf dem Standesamt einmal jährlich zu wechseln. Oder nicht wenige Aktivisten sind davon überzeugt, dass sie Wirklichkeit ausschließlich durch Sprache ändern könnten. An nicht wenigen Universitäten bekommen Studenten, die nicht gendergerecht schreiben, Punktabzüge. Oder es werden logische Ursache-Wirkung-Ketten willkürlich durchbrochen. Wie beim WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft. An Trainer und Spielern soll es nicht gelegen haben. Woran denn dann?

Das zeigt: In bestimmten Kreisen ersetzen Wunschdenken, Zauberei und Fantasiegebilde die Realität. Der Schweizer Entwicklungspsychologe, Jean Piaget, spricht auch vom „magischen Denken“, bei dem das Ursache-Wirkung-Prinzip abgelehnt werde. Eigene Handlungen beeinflussten nicht hiermit verbundene Ereignisse. Fiktion ersetzt letztlich Wirklichkeit.

Aktivisten verstehen nicht: Worte und Symbole ersetzen nicht den Einsatz

Die Folge? Wer gendergerecht redet, meint auch gendergerecht zu handeln. Wer sich verbal solidarisch mit der Ukraine zeigt, meint diese auch de facto zu unterstützen. Wer sich zum Klima-Aktivismus bekennt, handelt im Sinne des Klimas. Wer die Regenbogenflagge mit sich führt, ist automatisch tolerant. Das „richtige“ Gefühl, die „richtige“ Gesinnung reichen demnach alleinig aus, um Wirklichkeit zu werden und die Welt zu verändern.

Das bietet das Tor zu unzähligen Scheinwelten. Ob „Gender-Gate“ und „No-Weapon-Gate“ oder „Climate-Gate“ und „Diversity-Gate“. Jedes Tor führt zu einer eigenen Welt mit eigener Logik, besser gesagt, mit eigener Wunschvorstellung. So reiht sich eine Fülle von Parallelwelten aneinander an, mit ihren Hauptstädten „Gender-Town“ und „No-Weapon-Istan“ oder „Climate-Valley“ und „Diversity-Topia“.

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Scheinhelden in Scheinwelten

Das Lebenselixier dieser Scheinwelten? Das Symbol. Es fungiert als Ersatzhandlung für fehlende Risikobereitschaft oder mangelnde Tapferkeit. So kann jeder in sein eigenes, persönliches Superheldenkostüm schlüpfen – ohne dabei heldenhaft agieren zu müssen. Das ist eine „Win-win-Situation“ für das moralisch-ambitionierte Ego. Außen Batman, innen Hase.

So setzt sich die „Als-ob-Justice League“ aus Superhelden wie „Captain Climate“ und „Diversity Dan“, „Gender Gigi“ und „No-Weapon-Ninja“ zusammen. Gemeinsam kämpfen sie für die Gerechtigkeit und gegen das „Böse“. Nämlich mit verbalen Solidaritätsbekundungen, indem sie Zeichen setzen, indem sie Flaggen schwingen. Was dabei in Wirklichkeit herauskommt, ist nebensächlich. Allein der Wille zählt, getreu dem Motto: „Dabei sein ist alles.“ Das ist Wellness für das eigene Ego.

Das Lügengebäude muss an der Wirklichkeit scheitern

Doch früher oder später wird diese Selbstlüge an der Wirklichkeit zerbrechen. Irgendwann muss die aufgebaute Scheinwelt mit der Wirklichkeit kollidieren. Irgendwann wird diese Scheinwelt in ihren fiktiven Grundfesten erschüttert. Das bedarf Zeit, aber nie war die Zeit so reif wie heute. Der Fall der deutschen Nationalmannschaft verdeutlicht das allzu eindrücklich.

Viel zu früh schied Flicks Nationalelf aus der Fußballweltmeisterschaft aus. Zusätzlich machte sie sich mit ihrer politischen Geste auf dem Spielfeld zum Gespött der Welt. Was die davon hält? Die Katarer zeigten es unverblümt. Auf eine äußerst „charmante“ Weise verabschiedeten sie sich von den Deutschen, nämlich mit Hand auf dem Mund. Übersetzt bedeutet es so viel wie: „Diversity wins but performance looses“.

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Deborah Ryszka Gregor Gysi Jean Piaget Theodor Geiger

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