Feuilleton

Die Lust am Fälschen

Man kann sich zu Recht über Betrüger und Hochstapler echauffieren – doch man kann sie gleichzeitig auch schätzen als Entlarver einer Gesellschaft, die Konformismus über Exzellenz stellt und toxische Starrheit und eingefahrene Wege notwendigem Hinterfragen und out-of-the-box- Denken vorzieht. Von Stefan Ahrens
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Nicht erst der Fall des früheren „Spiegel“-Redakteurs und zigfachen Artikelfälschers Claas Relotius hat es Ende 2018 vielen Menschen deutlich vor Augen geführt: Fälschungen und Betrügereien sind ein großes Ärgernis – egal ob diese nun im Journalismus, in der Kunst, den Wissenschaften oder in Politik und Wirtschaft geschehen.

In erster Linie sind Fälschungen und Betrügereien natürlich vor allem für diejenigen ein Ärgernis, die diesen auf den Leim gehen. Doch nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Urheber werden die eigenen Fälschungen und Betrügereien erfahrungsgemäß nach geraumer Zeit äußerst ungemütlich. Denn wie erfreulicherweise immer wieder festzustellen ist: Am Ende kommt die Wahrheit meist zum Vorschein. Egal ob einem hierbei besonders spektakuläre Fälschungen in den Sinn kommen wie die berühmt-berüchtigte „Konstantinische Schenkung“ durch die frühmittelalterliche Kirche, die vom „Stern“ 1983 veröffentlichten falschen Hitler-Tagebücher oder die heutzutage geradezu putzig anmutenden, 1917 angefertigten Bildaufnahmen der angeblichen „Cottingley-Feen“ (an deren Existenz sogar der Sherlock Holmes-Erfinder und bekennende Spiritist Sir Arthur Conan Doyle bis zu seinem Tod 1930 glaubte) – eines ist ihnen allen gemeinsam: Früher oder später wurden sie alle als das enttarnt was sie wirklich waren: nämlich pure Fälschungen und Betrügereien. Und sollten deren Urheber zum Zeitpunkt der Entdeckung bereits das Zeitliche gesegnet haben, dann konnten sie sich zumindest sicher sein, dass die Nachwelt sie in keiner guten Erinnerung behalten würde.

Vielfach ist darüber gerätselt worden, was Menschen überhaupt dazu antreibt, zu fälschen oder zu betrügen. Neben offensichtlich reichlich vorhandener krimineller Energie dürften hierbei vor allem Geld- und Existenznot, das Streben nach Macht oder Machterhalt, die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit oder auch schlicht und ergreifend purer Nervenkitzel wichtige Gründe bei vielen für den Einstieg in das Fälscher- und Betrügergeschäft sein. Und was natürlich nicht fehlen darf: der felsenfeste Glaube daran, beim Fälschen oder Betrug nicht erwischt zu werden. Also es besser anzustellen, als all diejenigen, die am Ende doch noch aufgeflogen sind.

Möglicherweise kann es aber auch zeit- oder epochenspezifische Gründe geben, weshalb Menschen zu Fälschern, Betrügern oder Hochstaplern vielleicht sogar werden müssen. Denn falls Karriereleitern in Gesellschaften nur unter massiv erschwerten Voraussetzungen und nur für eine Minderheit erklommen werden können (beispielsweise durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht oder Klasse, durch Erwerb eines bestimmten akademischen Grades oder Titels oder durch die Notwendigkeit der Zurschaustellung der opportunen politischen oder ethischen Gesinnung et cetera), dann bleibt ein Betrug zwar auch weiterhin ein Betrug – aber möglicherweise dürften bei der Beurteilung desselben die berühmten „mildernden Umstände“ durchaus eine Rolle spielen.

Hierbei müssen nicht erst starre gesamtgesellschaftliche Zustände wie das Restaurative Frankreich in Stendhals „Rot oder Schwarz“ (1830) oder das militarhörige wilhelminische Deutschland in Carl Zuckmayrs „Der Hauptmann von Köpenick“ (1931) heraufbeschworen werden. Ganz im Gegenteil – gerade in den sogenannten freien Gesellschaften gibt es einen großen Hang zu einem breit angelegten „creeping conformism“ (Leo Strauss), der sich darin äußert, dass statt einer umfassenden Bildung es in Schulen, beruflichen und akademischen Ausbildungen sowie auf dem Arbeitsmarkt eher darum geht, sowohl ungeschriebene als auch uneingestandene Verhaltensmuster einzuüben, die einem dabei helfen sollen – so die Hoffnung – eines Tages innerhalb der Gesellschaft einen beruflichen und standesgemäßen „Platz an der Sonne“ zu finden.

Doch solche Plätze an der Sonne sind in einer Gesellschaft meistens rar. Was also tun? Sich damit abfinden, es trotz möglicherweise großer Anstrengungen im Zweifelsfall „nicht zu schaffen“ und stattdessen sich stoisch einzugliedern in die unteren Gefilde einer sich so gerne klassenlos wähnenden Gesellschaft? Oder von vornherein auf die Gesellschaft und ihre ungeschriebenen und uneingestandenen Normen und Opportunitätsprinzipien zu pfeifen und stattdessen sich mit großer Absicht außerhalb der herrschenden Gesellschaft zu verorten?

Dies mögen auf den ersten Blick die naheliegendsten Optionen sein. Doch wie es so schön heißt: Es geht auch anders. Zum Beispiel: Sich nicht einfach damit abzufinden, dass trotz (möglicherweise nicht weniger) fehlender Voraussetzungen es einem nicht doch irgendwie gelingen könnte, in der hiesigen Gesellschaft einen beruflichen Platz an der Sonne zu ergattern. Und wie? Nun: Indem man im großen Stil der Wahrheit ein wenig auf die Sprünge hilft. Zunächst den eigenen Lebenslauf ein wenig „aufhübschen“. Dann herausfinden, was die umworbene Zielgruppe, die einem beim beruflichen Weiterkommen helfen soll, gerne sehen und hören möchte. Moralisch und politisch auf der Welle des Zeitgeistes zielsicher surfen zu können ist ein weiteres wichtiges Kriterium. Und letztendlich in der Lage zu sein, genau jene Rolle (vor-) zu spielen, die andere von uns erwarten und in der viele sich selbst gerne einmal sehen würden. Das Ergebnis solcher „Optionen“ sind weithin bekannt, da sie schlagzeilenträchtig sind: Taxifahrer, die jahrelang ohne Medizinstudium sich als Chefärzte oder Psychologen ausgaben; mittellose Künstler, die in fiktiven Tagebüchern glaubhaft das Dritte Reich wieder auferstehen ließen; Politiker, deren Studienabschlüsse und Doktortitel erlogen oder erschlichen waren oder– wie in jüngster Zeit – Journalisten, deren Artikel letztendlich nur noch preiswürdig wären für einen noch auszulobenden „Scheherazade-Preis für fiktive Journalistik“.

Nicht wenige Menschen entwickeln angesichts der eigenen Anfälligkeit für Täuschungen und Betrügereien ein durchaus „pragmatisches Verhältnis zu den Tatsachen des irrenden Bewussteins“ (Peter Sloterdijk) bis hin zu einer gewissen Toleranz ihnen gegenüber – vor allem natürlich dann, wenn Fälschungen und Betrügereien offensichtlich als solche gekennzeichnet sind. Deutlich wird das beispielsweise bei so bekannten Fälschern wie Konrad Kujau, der als Fälscher der Hitler-Tagebücher bekannt beziehungsweise berüchtigt wurde und schließlich nach Verbüßung der hierfür anberaumten Haftstrafe bis zu seinem Tod im Jahr 2000 eine zweite Karriere als „offizieller Fälscher“ begann: So fälschte er Gemälde bekannter Maler und bot diese auch offiziell zum Verkauf an – allerdings unterschrieben mit seinem Namen und somit ganz offen als Plagiate gekennzeichnet und als „echter Kujau“ erkennbar. Der amerikanische Meisterregisseur Orson Welles („Citizen Kane“, „The Other Side Of The Wind“) wiederum huldigte in seinem Filmessay „F wie Fälschung“ (1973) auf ironische Weise den Themen Kunst, Fälschung, Urheberschaft und Authentizität und stellt dabei den international bekannten Kunstfälscher Elmyr de Hory (1906–1976) in den Mittelpunkt. Neben dem umstrittenen Kunstfälscher de Hory kommen zahlreiche andere Personen zu Wort, unter anderem dessen Biograph, der ebenso umstrittene Schriftsteller Clifford Irving, der sowohl eine bekanntermaßen gefälschte Biografie über Howard Hughes als auch eine zwar autorisierte, aber nicht unbedingt glaubwürdige Biografie über de Hory geschrieben hatte.

Welles, dessen Karriere 1938 bekanntermaßen mit dem aufsehenerregenden Radiohörspiel „Krieg der Welten“ begonnen hatte, welches als angebliche Nachrichtensendung daherkam und große Panik auslöste, weil es äußerst realistisch einen Angriff von Marsianern auf die Vereinigten Staaten thematisierte, zweifelt in „F wie Fälschung“ offen an, inwiefern Authentizität in der Kunst sowie im alltäglichen Leben überhaupt erzielbar oder gar wünschenswert ist – und erschuf mit seinem Filmessay gleichzeitig ein eigenes Genre, das ganz offen mit der eigenen Falschheit kokettierte: der Mockumentary. Bei Mockumentaries handelt es sich um fiktionale Dokumentarfilme, in denen scheinbar reale Vorgänge ausschließlich sind und keine Tastsachenbeschreibungen beinhalten. Berühmte Beispiele für diese Art von gefälschten Dokumentarfilmen sind die Pseudo-Musikdoku „This Is Spinal Tap“ (1983) über eine fiktive gleichnamige Heavy-Metal-Band und deren angeblich desaströs verlaufende US-Tournee, sowie „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“ (2003), der vorgebliche Beweise dafür liefert, dass US-Regisseur Stanley Kubrick im Auftrag der Nixon-Administration die Fernsehberichte der Mondlandung von Apollo 11 in einem Studio der CIA gefälscht habe, oder die Netflix-Serie „American Vandal“ (2016–2017), eine Persiflage auf sogenannte True-Crime-Dokumentarserien. Filmerzeugnisse, die allesamt mit ihrer eigenen Künstlichkeit und Falschheit geradezu prahlen und bei denen somit die Frage gestellt werden muss, inwiefern man bei Fälschungen, bei denen gar kein Hehl daraus gemacht wird, dass es sich bei eben diesen um nichts anderes handelt, überhaupt noch von Fälschungen sprechen kann.

Das Spektrum der Fälscher und Betrüger verfügt also durchaus über eine große Bandbreite. Eines jedoch ist ihnen allen gemeinsam: Das Wissen um ein Gesellschaftssystem, welches lediglich einer leicht ausrechenbaren Denkart huldigt und das Verständnis davon, auf deren Klaviatur zu spielen. Wie bereits gesagt: Über Fälscher, Betrüger und Hochstapler kann und darf man sich zu Recht echauffieren – und sie gleichzeitig schätzen lernen als Entlarver einer Gesellschaft, die Konformismus über Exzellenz stellt und toxische Starrheit und eingefahrene Wege notwendigem Hinterfragen und out-of-the-box-Denken vorzieht.

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