Völlige Hingabe

„Die Letzte am Schafott“: Wie Nonnen ihr Land retten wollten

Grundkurs Christentum: Gertrud von Le Forts Novelle „Die Letzte am Schafott“ als Helferin in großen Krisen.
Fotoprobe "Dialogues des Carmelites"
Foto: dpa | Nicht Opfer der eigenen Angst werden: Szene aus den „Gesprächen der Karmelitinnen“, einer Oper von Poulenc, die er in Anlehnung an von le Forts „Die Letzte am Schafott“ geschrieben hat.

Wie jedem Schriftsteller haftet auch Gertrud von Le Fort (1876–1971) ein Etikett an und vielleicht liegt es daran, dass man sie heute wenig kennt. Dabei steht die „katholische“ Autorin künstlerisch in einer Reihe mit Größen wie Werfel oder Mann; ihre Erzählungen sind zeitlos und wirken immer, als wären sie für Zeiten wie diese geschrieben. Le Fort schreibt hellsichtig, vielleicht prophetisch und spiegelt in ihren Texten eine überzeitliche Gegenwart. Die wird nie unmodern und braucht sich nie auf; am meisten gilt das für ihre bedeutendste Novelle: „Die Letzte am Schafott“.

Darin geht es um das weitgehend authentische Schicksal der Karmelitinnen von Compiègne während der Französischen Revolution. Die Geschichte wird von einem Ich-Erzähler in Briefform erzählt; im Oktober 1794 berichtet der einer Freundin vom Martyrium der Schwestern. Bis in die Verästelungen der Sprache fühlt man sich dabei ins späte 18. Jahrhundert versetzt; vor allem aber nähert man sich der geistlichen Haltung der Karmelitinnen an.

„Ich hörte deutlich das Bekenntnis zum dreieinigen Gott – das Amen hörte ich nicht mehr.“

Als „Die Letzte am Schafott“ 1931 erschien, lag derlei weit entfernt. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit, die Zeit, die Hitler den Weg geebnet hat. Noch im selben Jahr brachte Kästners Roman „Fabian“ diese Stimmung auf den Punkt. Le Fort ahnt in ihrer Novelle dagegen seismographisch, das Unheil, das heraufziehen wird: Wie spiegelverkehrt schreibt sie über einen bevorstehenden Umsturz, über das Ende des „ancien regime“. Sie schreibt über Willkür und Terror, über die finstersten Seiten der Revolution. Vor allem aber schreibt sie über das Teuflische im Menschen, ob der nun Hitler heißt oder Robespierre. Ohne Weiteres lässt sich die Novelle vor diesem Hintergrund deuten; dann wird das historische Sujet zu einer Chiffre der Nazizeit.

Le Fort aber geht es um mehr. Sie ist weder eine politische Schriftstellerin, noch geht es ihr um die Französische Revolution. Stattdessen geht es ihr um die Angst und ihre christliche Bedeutung; im Grunde geht es ihr ums Christliche schlechthin. Man könnte sagen, es geht ihr um einen poetischen Grundkurs des Christentums, den sie aus der Rahmenhandlung entwickelt.

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Die Verfolgung der Kirche griff auf die Klöster über

Als die Revolution beginnt, tritt Blanche de la Force in den Karmel von Compiègne ein. Anders als erhofft, machen die Ereignisse aber vor den Klöstern nicht Halt. Rasch zielen die Gesetze der neuen Machthaber auf sie, die Verfolgung der Kirche beginnt. Gewalt und Terror flammen auf, erst recht unter den Jakobinern. Als der König enthauptet wird, fassen die Karmelitinnen einen Entschluss: Sie bieten Christus ihr Leben für die Errettung Frankreichs an. Das klingt politisch, aber das ist es nicht. Den Schwestern geht es um Größeres als Politik: Sie geben ihr Leben als Sühne für die Gräueltaten der Revolution. Tatsächlich werden sie wenig später in einem Schauprozess verurteilt; eine nach der anderen opfert sich auf dem Schafott. Kurz darauf stürzt Robespierre: Die Schreckensherrschaft ist zu Ende.

Le Fort orientiert sich sehr genau an diesen historischen Fakten, und entfaltet vor diesem Hintergrund ihre Erzählung, die um die zentrale Idee des stellvertretenden Opfers kreist: „Frankreich wird nicht gerettet werden durch den Eifer seiner Politiker, sondern durch die Gebete und Opfer seiner Opferseelen: heute ist die große Stunde des Karmel! - Das war der Ton, auf den sich all jene stillen Frauen zu Compiègne damals stimmten; man bereitete sich bewusst auf das Martyrium vor.“

Der Mensch kann mit Gott seine Angst überwinden

Auf heutige Leser mag dies befremdlich wirken; wer opfert sich schon gern? Zu modernen Menschen passt das nicht, schon 1931 nicht und heute noch weniger. Begriffe wie „Opfer“ und „Sühne“ kennt ohnehin kaum noch wer. Demgegenüber geht Le Forts Blick tiefer: In der Seelenhaltung der Karmelitinnen legt sie das Grundlegende des Christentums frei, jenen Kern, an dem es zu allen Zeiten hängt. Dieser Kern besteht in der völligen Hingabe, sogar in der des eigenen Lebens, nach dem Beispiel des Opfers Christi am Kreuz. Ohne Kreuzesnachfolge gibt es eben keine Christen, ohne Sühne auch nicht. Für viele klingt dies „mystisch“ und vielleicht sogar „hermetisch“, dabei lässt sich „Sühne“ einfach als „Offenheit“ verstehen, als Bereitschaft zur persönlichen und konkreten Teilhabe am Opfer des Herrn.

Was für alle Christen gilt, gilt in besonderer Weise für den Karmel, denn wer dort eintritt, bringt sich im Letzten selber dar. Das ist kein Heilsegoismus für Superfromme, im Gegenteil: Es geht darum, dass dadurch andere des Heils teilhaftig werden. Das ist die höchste Form der Nächstenliebe; es geht um das, was man etwas pathetisch die „Rettung der Seelen“ nennt. Ohne solche Nächstenliebe hat jede andere keinen Sinn, wenigstens keinen christlichen, und von dieser Grundhaltung des Christentums legen die Schwestern Zeugnis ab. Zu deren Martyrium setzt die Novelle einen zweiten, tiefgründigen Aspekt hinzu: die menschliche Schwäche, die Angst. Damit geht es zugleich um den Durchschnittsgläubigen, und für den steht Blanche de la Force. Anders als ihre Mitschwestern hat Blanche keine innere Stärke. Sie kennt nur die Angst. Darüber täuscht ihr stolzer Name nicht hinweg; man sagt, sie müsse eigentlich „de la Faiblesse“ heißen.

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Die Todesangst Christi spüren

Auch als Blanche in den Karmel eintritt, kann sie ihrer Angst nicht entfliehen. Im Grunde bleibt sie stets das Gegenbild einer Karmelitin, vor allem im Vergleich mit ihrer Novizenmeisterin, der schneidigen Marie de l' Incarnation. Während sich unter deren Einfluss die Schwestern dem Martyriums weihen, findet Blanche ihre Zuflucht bei Christus in Gethsemane: Aus Blanche de la Force wird „Schwester Blanche von der Todesangst Christi“. Sie spürt, dass Christus vor dem Kreuz zuerst die Angst auf sich genommen hat, nicht nur die eigene Angst, sondern jede Angst, die Angst aller Menschen und Zeiten. Deshalb hat die Todesangst Christi zahllose Gesichter, und diese Gesichter sind bis heute überall, etwa die Angst vor dem Krieg und vor einer „Zeitenwende“, und genau die ist wiederum die Angst von Blanche de la Force.

Blanche liefert sich der Todesangst Christi völlig aus; sie wird von ihr bis ins Letzte erfasst. Auch das ist heroisch und liegt auf der Linie des Karmels. Doch eines Tages ist Blanche aus dem Kloster verschwunden. Während sich die Schwestern auf ihr Opfer vorbereiten, ist Blanche ihrer Angst zum Opfer gefallen. Ihr eigenes Opfer ist ein anderes: Sie hält der Angst die Treue, sie wird zu einer Märtyrerin der Angst. Sie zeigt, dass es eine begnadete Angst gibt, die sich mit der Todesangst Christi vereint. Auch dies kann eine Form der Sühne sein, die gleichsam aus der Annahme der eigenen Schwäche erwächst.

Der Mensch ist nichts aus sich heraus

Aus diesem Charisma heraus wird Blanche am Ende dann Stärke geschenkt: Sie darf ihr Opfer mit dem der Schwestern verbinden. Während die unter dem Gesang des „Veni creator“ das Schafott besteigen, schließt Blanche sich ihnen als Letzte an. Vom Hinrichtungsplatz her nimmt sie spontan den Gesang der Schwestern auf. Ehe die letzte Stimme verklingt, stimmt Blanche das „Gloria patri“ an und wird darauf vom Mob erschlagen. Der Erzähler berichtet: „Ich hörte deutlich das Bekenntnis zum dreieinigen Gott – das Amen hörte ich nicht mehr.“ Er schreibt, man erlebte in Blanche „das Wunder in der Schwachen“. Und in diesem Wunder liege seitdem eine „unendliche Hoffnung“.

Die schönen Ideen der Aufklärung, die neue Ideale vom Menschen im Geiste Rousseaus – sie alle tragen nach der Revolution dagegen nicht mehr, denn „das Menschliche allein genügt nicht, auch nicht das schöne Menschliche“. Der Mensch ist eben nichts aus sich selbst, wenn er sich nicht von Gott erfassen lässt, und sei es in seiner Angst. Nur darum geht es. Und darin besteht Le Forts poetischer Grundkurs des Christentums. Es lohnt sich, ihn neu zu entdecken, gerade jetzt, in einer angstvollen Zeit.

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