Die Kunst, sich vom politischen Schrecken literarisch zu befreien

Heute beginnt die Leipziger Buchmesse: Gastland Rumänien blickt mit seiner Literatur auf eine dramatische Geschichte. Von Gerhild Heyder
Buchmesse Leipzig - Gastland Rumänien
Foto: dpa | Nachdem das Logo Stufe für Stufe angebracht ist, öffnet die Leipziger Buchmesse heute ihre Pforten.

Für einen Rumänen, der lesen kann, ist es das Schwerste, nicht zu schreiben.“

(Ion Luca Caragiale)

Seit der bedeutende rumänische Erzähler und Dramatiker Ion Luca Caragiale (1852–1912) dieses Bonmot niederschrieb, sind über 100 Jahre vergangen, Jahre, die Schrecken und Terror über das südosteuropäische Land und seine Bevölkerung gebracht haben. „Rezist“ – widerstehen – heißt das Zauberwort, das sich auch die rumänischen Schriftsteller auf ihre Fahnen geschrieben haben, die bei der Leipziger Buchmesse zu Gast sein werden.

Wir kennen hierzulande eher die Autoren, die der deutschsprachigen Minderheit Rumäniens entstammen, wie die Nobelpreisträgerin Herta Müller, den Erzähler Richard Wagner oder den Lyriker und Übersetzer Ernest Wichner, und vielleicht noch den König des absurden Theaters, den Dramatiker Eugene Ionesco (1909–1994), der im französischen Exil lebte. Interessanterweise gilt die Beschäftigung mit der Vergangenheit auch für eine junge Generation von Literaten, die das Gewaltregime nicht mehr persönlich hat erleben müssen, den Schrecken aber „geerbt“ hat, sei es durch Überlieferung oder durch Schweigen. Entrinnen kann niemand.

Die kleine Erzählung „Erkältung“ von Augustin Cupºa, wunderbar übersetzt von Ernest Wichner, beschreibt eine Autofahrt von Vater und Sohn auf dem Rückweg von Bukarest, wo der Sohn im Archiv der Securitate die Akte seines Vaters eingesehen hat. Der Vater, obwohl freiwillig mitgereist, möchte nicht wissen, was in der Akte steht. Auf wenigen Seiten erahnt man das Drama, das sich hinter den kargen Sätzen verbirgt.

Veronica D. Nicolescu, Jahrgang 1968, schildert in ihrer Erzählung „Der Ziegelstein“, wie sie durch die Begegnung mit der neunjährigen, eigentlich nicht gewollten Tochter ihrer besten Freundin in die Vergangenheit des Jahres 1988 zurückversetzt wird, als die beiden jungen Frauen Studentinnen waren. Eindringlich übersetzt von Ernest Wichner graben sich die Bilder des kalten und trostlosen Bukarester Studentinnenwohnheims und die Nöte seiner jungen Bewohnerinnen unter die Haut.

Alle Erzählungen spiegeln die dramatischen Veränderungen der letzten Jahre innerhalb der rumänischen Gesellschaft wider, und auch hier gilt: alle Texte zeichnen sich durch ihre gesellschaftliche und politische Relevanz aus.

(„Die Entführung aus dem Serail“. Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt. die horen 269, Wallstein Verlag, Göttingen 2018, Hrsg. v. Georg Aescht, Bogdan Alexandru Stanescu und Ernest Wichner, 219 Seiten, EUR 14,–)

„Begegnung“ von Gabriela Adameºteanu, Jahrgang 1942 und eine der renommiertesten Autorinnen Rumäniens, erzählt stilistisch hoch artifiziell von 16 Tagen im Leben des Traian Manu, einem seit 40 Jahren in Neapel lebenden rumänischen Wissenschaftlers, der im August 1986 eine Reise in seine alte Heimat unternimmt. Er wird dort von einer Gruppe Menschen in Empfang genommen, mit denen er einige Tage verbringt, von denen aber weder er noch der Leser jemals erfährt, ob es sich tatsächlich um seine Verwandten oder vielleicht doch um Securitate-Agenten handelt, die ihn überwachen sollen. Sowohl Traian Manu als auch die „Verwandtschaft“ bewegen sich in Parallelwelten, die nicht miteinander, sondern aneinander vorbei kommunizieren. Dabei gelingt es der 1942 geborenen, mehrfach preisgekrönten Autorin, den Leser in eine Situation zu versetzen, die ihn ähnlich ratlos und verunsichert zwischen den Personen der Handlung umherirren lässt, wie es den Betroffenen ergangen sein mochte – stimmt das Erzählte? Wem darf man trauen? Eigenen Gefühlen? Klischeevorstellungen der „Verwandtschaft“ vom Westen treffen auf ein ähnlich klischeehaftes Rumänien-Bild des im Ausland lebenden Traian Manu, in ihren Welten gefangen sind beide Universen. Das hat kafkaeske Züge, ist durchaus komisch, aber bedrohlich.

(Gabriela Adameºteanu: „Begegnung“, übersetzt von Georg Aescht, Wieser Verlag Klagenfurt, 2018, 200 Seiten, EUR 21,–)

Die Entdeckung dieses Literaturfrühjahrs ist aber zweifellos „Oxenberg & Bernstein“ von Cãtãlin Mihuleac. Das Buch rührt an ein Tabu, an vergessene und verdrängte Schuld. Sein Kernthema ist das von Rumänen an ihren jüdischen Mitbürgern begangene Pogrom vom 29. Juni 1941 in der rumänischen Stadt Iaºi, eine Woche, nachdem das nationalsozialistische Deutschland mit Unterstützung seines Verbündeten Rumänien den Angriff auf die Sowjetunion begonnen hatte. 13 266 Menschen starben, darunter 40 Frauen und 180 Kinder. Wenn sie nicht gleich in der Stadt umgebracht wurden, gingen sie in den Deportationszügen auf grauenvolle Weise zugrunde. In einem dieser Wagen sitzen auch der einst berühmte und anerkannte Gynäkologe Jacques Oxenberg und sein Sohn Oscar. Über mehrere Seiten schildert der 1960 in Iaºi geborene Autor das Inferno, setzt den Leser einer kaum erträglichen Qual aus.

Trotz des lockeren, beinahe tänzerischen Beginns spürt man das drohende Unheil und fürchtet sich vor dem Moment, an dem es losbrechen wird. Schon vor den entscheidenden Seiten wechselt die Stimmung im Buch immer wieder abrupt, als wolle der Autor den Leser vorbereiten auf ein Grauen, auf das es keine Vorbereitung gibt.

(Cãtãlin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein, übersetzt von Ernest Wichner, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2018, 366 Seiten, EUR 24,–)

Und auch eine Ausgrabung sollte hier nicht unerwähnt bleiben: „Humbug und Variationen“ von Ion Luca Caragiale (1852–1912) galt lange Zeit als nahezu unübersetzbar. Eva Ruth Wemme hat eine Neuübersetzung geschaffen, die den skurrilen und verschrobenen Humor, gepaart mit boshafter, bauernschlauer Komik zum Leuchten bringt. Caragiales Protagonisten, geschildert in kurzen funkelnden Prosastückchen, aneinandergereiht wie an einer Perlenschnur, sind die Abseitigen und Ausgestoßenen der Gesellschaft Ende des vorletzten Jahrhunderts, die Trinker, Bettler, Prostituierten, Roma, Juden. Caragiale ist kein Moralist, er liebt seine Figuren und stattet sie mit sprachlichen Wendungen aus, die sich aus dem damaligen Sprachgemisch speisen und über eine musikalische Rhythmik verfügen, die sich vor allem beim lauten Vorlesen erschließt. Da entfaltet sich eine untergegangene Welt von beinahe orientalischer Üppigkeit und Fabulierkunst, in deren Denkwindungen man Mühe hat, sich einzufädeln. Ist das allerdings einmal gelungen, wird man Teil der wunderlichen dörflichen und kleinstädtischen Welt und wechselt mühelos die Zeiten. Man ahnt, aus welchem Fundus Ionesco schöpfen konnte – ohne Caragiale wären seine absurden Theaterstücke kaum vorstellbar.

(Ion Luca Caragiale: Humbug und Variationen, Guggolz Verlag, Berlin 2018, 440 Seiten, EUR 24,–)

Ein an literarischer Vielfalt ungemein reiches Land öffnet seine Pforten und lädt zur Entdeckungsreise ein. Dass Rumänien einen seiner bekannten Lyriker 2015 als Botschafter nach Deutschland geschickt hat, scheint ein gutes Omen – der 1955 geborene Emil Hurezeanu lebte in den 1980er Jahren in Wien und München im Exil und bekämpfte von hier aus als Journalist das kommunistische Regime seines Landes.

Themen & Autoren
Eugène Ionesco Herta Müller Richard Wagner Verlagshäuser

Weitere Artikel

Dante Alighieri hat die italienische Sprache geprägt wie kaum ein anderer. Viele Redewendungen aus seiner Literatur sind bis heute in der in der italienischen Alltagssprache zu finden.
01.06.2021, 17 Uhr
Marco Gallina

Kirche

Drei Pariser Innenstadtkirchen sind im Laufe einer Woche Brandanschlägen zum Opfer gefallen. Stadt und Polizeipräsidium kündigen Sicherheitsmaßnahmen an.
26.01.2023, 16 Uhr
Meldung
Die Laieninitiative entlarvt Bätzings Reaktion auf die römische Anordnung als strategischen Trick und plädiert für einen sofortigen Stopp des Synodalen Ausschusses.
26.01.2023, 14 Uhr
Meldung
Patriarch Bartholomaios attackiert das Moskauer Patriarchat und ruft die orthodoxen Kirchen weltweit zur Anerkennung der ukrainischen Autokephalie auf.
26.01.2023, 08 Uhr
Meldung
1918 ernannte Papst Benedikt XV. Matulaitis zum Bischof der litauischen Hauptstadt Vilnius.
26.01.2023, 21 Uhr
Claudia Kock
Der Synodale Weg sei weder „hilfreich noch seriös“, erklärt der Papst in einem Interview. Er äußert sich auch zu Homosexualität, dem verstorbenen Emeritus und seinem Gesundheitszustand.
25.01.2023, 14 Uhr
Meldung