Friedensmission

Die Kirche ist Künder  des Friedens

Mit der kürzlich erfolgten Weihe Russlands und der Ukraine durch Papst Franziskus hat der Heilige Stuhl international für Aufsehen gesorgt. Es zahlt sich aus, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht an eine Nation gebunden ist. Eine historische Übersicht.
Papst Franziskus
Foto: Archiv | Die Weihe Russlands und der Ukraine an die Gottesmutter Maria ist ein Akt des Friedens und der Befriedung im Sinne und zum Wohle der Menschen in der Ukraine und Russland.

Die Haltung der Päpste zum Frieden ist nicht so selbstverständlich, wie es dem heutigen Betrachter scheinen mag. Nicht zu jeder Zeit ihrer 2000-jährigen Geschichte haben sich die Päpste für die Aussöhnung der Völker eingesetzt. Im mittelalterlichen Machtgefüge zwischen Kaisern und Päpsten führte deren beider Führungsanspruch zu machtpolitischen Konflikten. Die Päpste wandten nicht selten selbst Gewalt an, um ihre welt- und kirchenpolitischen Interessen zu verfolgen, und sei es "strukturelle Gewalt" etwa durch Exkommunikation, wie im Streit zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII.
Religiöse Wurzeln hatte die päpstliche Gewaltanwendung, wenn sie sich gegen Ketzer richtete.

„Bemerkenswerterweise hatte schon im Herbst 1885 ausgerechnet der alte Kulturkämpfer
Otto von Bismarck den damaligen Papst Leo XIII. als Friedensvermittler
in einer deutsch-spanischen Streitfrage um die Karolineninseln anerkannt“

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Der Albigenserkreuzzug 1209 bis 1229 sollte den Glaubensstreit mit den südfranzösischen Katharern beenden, was Ende des 13. Jahrhunderts schließlich durch die Inquisition gelang. Die Kreuzzugsbulle von Papst Martin V. führte 1420 zum ersten Hussiten-Kreuzzug gegen die häretischen Böhmen. Im 16. und 17. Jahrhundert war das Papsttum damit befasst, das Eindringen der Türken nach Europa zu verhindern. Papst Pius V. schickte 1571 die päpstliche Flotte in die siegreiche Seeschlacht von Lepanto über die Türken. Immer wieder warben die Päpste bei den römischen Kaisern und deutschen Fürsten, im Kampf gegen die Türken nicht nachzulassen. 1453 war Konstantinopel gefallen. 1541 geriet Buda unter türkische Herrschaft. 1683 wurde zum zweiten Mal Wien belagert.

Den Päpsten war klar, auch eine Eroberung Roms wäre nie der krönende Abschluss gewesen.Die Praxis, gewaltsame Auseinandersetzungen zu bejahen, änderte sich erst mit dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648, dem letzten europäischen Religionskrieg, in dem die Päpste wie selbstverständlich für die katholischen Mächte Partei ergriffen. Nachdem sich schließlich im Siebenjährigen Krieg 1756-1763 erstmals Allianzen katholischer und protestantischer Staaten bildeten, war die Ära konfessioneller Parteiergreifung für die Päpste endgültig vorüber.

Das päpstliche Friedensamt rückt zunehmend in den Vordergrund

Die Päpste begannen daraufhin bereits Ende des 18. Jahrhunderts den Kriegshändeln abzuschwören und den Weg hin zu einem "päpstlichen Friedensamt" zu beschreiten. Nach der staatlichen Einziehung der kirchlichen Besitztümer in der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts bot dieses päpstliche Friedensamt den Päpsten die Chance, als "Global Player" nicht in eine fortschreitende Bedeutungslosigkeit abzugleiten. Dies fügte sich zu der durch das Trienter Konzil (1545-1563) eingeleiteten Entwicklung in der Kirche, mit der die Verkirchlichung und Klerikalisierung des Papsttums zunehmend zur Lebenswirklichkeit der Kurie wurde.

Die Sorge um den Kirchenstaat war den Päpsten jedoch nicht genommen. Dieser wurde zunächst von Napoleon 1809 annektiert und sein Sohn erhielt bei seiner Geburt den Ehrentitel "König von Rom". 1815 wurde der Kirchenstaat auf dem Wiener Kongress jedoch mit eigener kleiner Armee wiederhergestellt. Im Risorgimento erfolgte alsbald der Griff der italienischen Nationalisten nach dem Kirchenstaat. 1867 erfocht der Kirchenstaat in der Schlacht von Mentana noch einen letzten Sieg über Garibaldi und seine Freischärler. In einer Sitzungspause des Ersten Vatikanischen Konzils 1870 zogen indes die Truppen des Königs Viktor Emanuel II. praktisch kampflos in den Kirchenstaat ein, enteigneten Pius IX., der sich daraufhin in den heutigen Kirchenstaat, den Vatikan, zurückzog, und riefen Rom zur Hauptstadt Italiens aus.

Die päpstlichen Nuntiaturen werden installiert

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Mit der Gründung der Missionskongregation "de Propaganda Fide" im Jahr 1622 hatte der Heilige Stuhl erstmals den ganzen Erdkreis unterteilt und die einzelnen Territorien nach den Sprachräumen seinen Apostolischen Nuntien zugewiesen. Diese sicherten auch die päpstlichen Interessen in den sich europaweit bildenden Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts. Ohne seinen Anspruch auf ein weltumspannendes Friedensamt hätten die europäischen Mächte mit einiger Sicherheit ihren Teil zum Bedeutungsverlust des Papsttums beigetragen.

Spätestens mit Ende der italienischen Einigungsbewegung 1870 wäre das Papsttum aller Voraussicht nach politisch so bedeutungslos geworden wie San Marino, Monaco oder Liechtenstein. Auseinandersetzungen der Apostolischen Nuntien mit den Ortskirchen führten den Päpsten schon im 18. Jahrhundert vor Augen, wie gefährlich nationalistische Entwicklungen für eine weltumspannende Kirche zu werden drohten. Der Gallikanismus, mit dem die katholische Kirche in Frankreich eine  Art Unabhängigkeit vom römischen Stuhl herzustellen suchte, der österreichische Josephinismus mit seiner Unterordnung aller Angelegenheiten unter die staatliche Gewalt, der Nuntiaturstreit mit der deutschen Kirche über die zunehmende Macht der Nuntien oder später der häretische Amerikanismus waren nicht nur innerkirchliche Auseinandersetzungen. Sie erhielten nämlich staatlicherseits Unterstützung oder wenigstens Wohlwollen.In den Nationalstaaten Europas bestand zudem die Gefahr, dass der Säkularisierungsprozess weiter fortschritt. Säkularisierung bedeutete aber auf lange Sicht nicht nur eine strikte Trennung von Kirche und Staat, sondern vor allem die weitergehende Zurückdrängung der Kirche aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben, was gleichbedeutend war mit ihrer Marginalisierung.

Frieden als weltweite Grundlage des Zusammenlebens der Völker

Damit geriet im 19. Jahrhundert zugleich der Auftrag der Kirche und des Papstes in Gefahr, die Verkündigung des Glaubens an den auferstandenen Sohn Gottes in alle Welt unvermindert fortzusetzen. Der Papst musste sich also in anderer Weise der moralischen Unterstützung der Staaten Europas versichern, nämlich durch die Verbreitung seiner politischen Agenda, gestützt auf seine Nuntien. So gelang es dem Heiligen Stuhl, neben der reinen Glaubensverbreitung den christlichen Gruß "Der Friede sei mit Euch" zu einer weltweit akzeptierten Grundlage des Zusammenlebens der Völker zu erklären, das globale Friedensamt des Papstes hervorzuheben, originär zu beanspruchen und es weltweit zuerkannt zu bekommen. Mit der Entwicklung des päpstlichen Friedensamtes waren zugleich alle religiösen Streitigkeiten aus dem Fokus genommen, so dass die Anerkennung sich konfessions- und religionsübergreifend über alle Staaten erstrecken konnte.

Die Friedenssehnsucht der Menschen machte der Heilige Stuhl ohne Rücksicht auf die möglichen Befindlichkeiten anderer Religionen zu seiner ureigensten weltumspannenden Angelegenheit. In der Orthodoxie, im Protestantismus und in der anglikanischen Kirche lebte die Idee des Staatskirchentums im 19. und 20. Jahrhundert weiter. Diese Kirchen verbanden und verbinden sich auch heute noch, wie das Beispiel des Moskauer Patriarchen Kyrill im Ukraine-Krieg zeigt, mehr oder weniger mit den nationalistischen Bestrebungen in den jeweiligen Staaten. Nur den Päpsten gelang es, sich glaubwürdig von solchen Fesseln zu befreien und überzeugende weltweite Künder des Friedens zu werden. In diesem Kontext erscheint jedenfalls in der Rückschau der 1870 zeitgleich mit dem Verlust des Kirchenstaates dogmatisierte Anspruch der Päpste, in Glaubensfragen unfehlbar zu sein, eine logische Konsequenz zu beinhalten: Die Katholiken werden weltweit mit der Gretchenfrage nach der päpstlichen Autorität konfrontiert und dadurch zugleich innerkirchlich gebunden und gestärkt.

Die Unfehlbarkeit in Glaubensfragen stärkt die Kirche

Die aus Protest gegen das Dogma erfolgte Gründung der altkatholischen Kirche in Deutschland war im Vergleich zum Erfolg des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit allenfalls ein regional begrenzter Kollateralschaden. Weltweit war die Rechnung aufgegangen. Das Papsttum war gefestigt für die Herausforderungen des 20. Jahrhunderts, das gleich mit zwei Weltkriegen aufwartete. Bemerkenswerterweise hatte schon im Herbst 1885 ausgerechnet der alte Kulturkämpfer Otto von Bismarck den damaligen Papst Leo XIII. als Friedensvermittler in einer deutsch-spanischen Streitfrage um die Karolineninseln anerkannt. Die Friedensinitiativen der Päpste des Ersten und Zweiten Weltkrieges waren wie selbstverständlich erwartet worden. Auf ihnen bauen die Friedensinitiativen der Nachkriegspäpste auf, bis hin zur kürzlich erfolgten Weihe Russlands und der Ukraine durch Papst Franziskus.

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