Bildsprache

Die Ikonographie des Krieges

Die Person ist die Botschaft: Wie Bilder und Symbolhandlungen beeinflussen, was wir über die russischen und europäischen Kriegs-Akteure denken und fühlen.
Olaf Scholz im Kreml
Foto: Mikhail Klimentyev/Kremlin Pool via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Ob es von Putin gewollt war, dass Olaf Scholz während seines Besuchs in Moskau am Tischende wie ein kleiner Schuljunge aussah?

Nun also doch. Bundeskanzler Olaf Scholz ist mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi nach Kiew gereist. Dass dabei auch Fotos geknipst wurden, war klar   auch wenn Scholz Mitte Mai noch getönt hatte: "Ich werde mich nicht einreihen in eine Gruppe von Leuten, die für ein kurzes Rein und Raus mit einem Fototermin was machen. Sondern wenn, dann geht es immer um ganz konkrete Dinge."

Als wäre es bei der ebenso aufsehenerregenden wie gefährlichen Zugfahrt der osteuropäischen Regierungschefs Mitte März nach Kiew, bei der sozusagen das Urbild aller "Wir treffen Wolodymyr Selenskyj"-Fotos entstand, oder bei den relativ zeitnahen Besuchen des britischen Premiers Boris Johnson oder von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach dem Beginn der russischen Invasion in der ukrainischen Hauptstadt nur um billige PR-Aktionen ohne Inhalt gegangen. Um eine Art "Hyper-Realität" also im Sinne des französischen Philosophen Jean Baudrillard (1929-2007), dessen Medien-Denken um Simulationen und Simulakren kreiste.

„Ob als Judo-Kämpfer oder militärischer ‚Oben Ohne‘-Reiter,
ob als fromm-orthodoxer Kerzenanzünder oder Blumenstrauß-Charmeur
beim Abschied von Angela Merkel – es ist stets die visuelle Ebene,
auf welcher er am effektivsten Stärke und Seriosität simulieren konnte“

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Mit leichter Verspätung hat nun also auch der deutsche Bundeskanzler, der mit einer mysteriösen Aktentasche in Franziskus-Manier auftrat, den Wert von realen politischen Bildern und solidarischen Symbolhandlungen im Medienzeitalter erkannt. Ein Wert, der übrigens auch ohne "ganz konkrete Dinge" besteht, was immer diese bei Scholz auch sein mögen. Denn allein die Tatsache, dass jemand ein persönliches Risiko auf sich nimmt, um einen Ort in einer Kriegsregion zu erreichen, transportiert eine Botschaft, eine Bedeutung. Ganz so, wie es der Semiotik-Experte Roland Barthes (1915-1980) in der bekannten Aufsatzsammlung "Mythen des Alltags" beschrieben hat: "Eine Photographie ist für uns auf die gleiche Art und Weise Aussage wie ein Zeitungsartikel, die Objekte selbst können Aussage werden, wenn sie etwas bedeuten."

Das ist in der Ära des Internets trotz einer Inflation von visuellen Aufnahmen und Distributionswegen nicht weniger richtig   vielleicht sogar noch richtiger, weil vielen Rezipienten bei ihrem oberflächlichen medialen Ritt gar nicht mehr die Zeit bleibt, Hintergrundinformationen gründlich zu lesen und zu prüfen. Man verlässt sich auf das, was Fotos zeigen – trotz Fake- und Inszenierungs-Gefahr.

Der Krieg verstärkt die propagandistische Wirkung

Dass Bildern als Propaganda-Instrumenten besonders im Krieg eine erhöhte Funktion zukommt, ist dagegen eine Binsenweisheit, die sich ganz bestimmt auch schon früher bis zum Bundeskanzleramt herumgesprochen hatte. Nicht zufällig werden die relativ raren Auftritte des russischen Diktators Wladimir Putin in der Öffentlichkeit von einer Vielzahl von internationalen Interpreten zu enträtseln versucht. Dabei zielen die wesentlichen Fragen der Geheimdienste auf seinen Gesundheits- und Macht-Zustand: Wie sitzt er? Woran hält er sich fest? Wie aufgeschwemmt oder nicht ist sein Gesicht? Alles dies kann ein Indiz sein, ein unkontrollierter Zeichencode, der Rückschlüsse zulässt.

Dass Putin selbst sich der Wirkung dieser und anderer Bilder bewusst ist, liegt bei einem derart versierten und psychologisch geschulten KGBler auf der Hand. Unvergessen sind Putins Atombombendrohungs-Ansprachen im verstörenden Gewalt-Mimik-Modus oder seine Vorkriegs-Treffen mit Macron und Scholz am Kreml-Tisch mit Überlänge. Keine panische Corona-Angst, wie von manchem vermutet, trieb Putin zu einer derart ungewohnten Proxemik (räumliches Näheverhältnis)   er benutzte das im Kreml schon vor Jahren eingekaufte italienische Tischmodell (2,60 x Sechs Meter) lediglich, um seine Distanz zu demonstrieren und seine Überlegenheit zu untermauern. Dass Macron und Scholz dabei wie naive Bittsteller, ja geradezu wie verlorene Schuljungen vor ihrem Prüfer wirkten, war ein Effekt, den der 69-Jährige mit Sicherheit einkalkuliert hatte. Ob sie diesen Eindruck mit ihrer Ukraine-Reise tilgen konnten, werden die nächsten Wochen zeigen, wenn sich die "ganz konkrete" EU-Beitrittsperspektive für die Ukraine erfüllt oder nicht.

Putin inszeniert sich als viriler Typ

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Und Hand aufs Herz: was wäre Putin ohne die Macht der Bilder? Ob als Judo-Kämpfer oder militärischer "Oben Ohne"-Reiter, ob als fromm-orthodoxer Kerzenanzünder oder Blumenstrauß-Charmeur beim Abschied von Angela Merkel – es ist stets die visuelle Ebene, auf welcher er am effektivsten Stärke und Seriosität simulieren konnte. Zumal Putin, wie schon andere Diktatoren (Hitler, Stalin, etc.) vor ihm, weiß, dass der entscheidende Faktor bei solchen Aufnahmen nicht das "Medium" ist, wie einst der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan (1911-1980) vermutete ("The Medium is the message"). Die eigentliche "Botschaft" im Falle Putins bleibt immer er selbst. Er ist Netz und Spinne des Personenkults um ihn.

Doch wie wirklich ist die Wirklichkeit dieser "Botschaft"? Wie geistig gesund oder befleckt mit Blut? Wie funktioniert das Image Putins fernab der porentief reinen, postsowjetischen PR-Maschinerie? 

Bei vielen Bürgern genießt Selenskyj Heldenstatus

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Es genügt ein Gang durch Europas Straßen und Cafés, um anhand von Postern, Aufklebern oder T-Shirts zu sehen, dass in der Sphäre der freiheitlichen Demokratien ein anderer Politiker das visuelle Schema des Helden ausfüllt: der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dem als Ex-Schauspieler die Bedeutung von Bildern und Auftritten auch nicht fremd ist. Längst hat der 44-Jährige den ikonographischen Rang von politischen Widerstands-Ikonen wie Che Guevara, Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela erreicht.

Dabei kann Selenskyj im Unterschied zu diesen auf ein hochprofessionelles Kommunikations-Team zurückgreifen, mit dessen Hilfe er sich nicht nur pointiert in Social Media-Kanälen zu aktuellen Entwicklungen äußert. Eine grandiose Wirkung entfaltet der Vater von zwei Kindern, dessen Ehefrau Olena in Frauen-Zeitschriften längst auch zu einer Ikone des Mutes und des familiären Zusammenhalts geworden ist, durch seine emotionalen Video-Ansprachen an die Parlamente der freien Welt.

Verheerend für das Image

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So gut vorbereitet diese Reden inhaltlich sind; auch hier ist es wiederum die Person an sich, die visuell und mythologisch durch sich selbst wirkt: Der unrasierte Präsident des Landes, das vom "Bösen" überfallen wurde, und nun im grünen Military-T-Shirt um Unterstützung bittet, um den Kampf erfolgreich zu führen, erinnert insofern auch an den passionierten Hitler-Gegner Winston Churchill. Selenskyj ist das personifizierte "Victory"-Zeichen im Angesicht des Kreml-Monsters. Wie peinlich, dass ausgerechnet der Telefon-Diplomat und verbummelte Kiew-Besucher Macron sich im Wahlkampf an dieses "Erfolgsmodell" anzulehnen versuchte   mit einem Foto-Shooting im sicheren Élysée-Palast .

Tatsächlich ist die Geschichte des ukrainischen Präsidenten ein Filmstoff mit mythologischer Tiefenwirkung: die uralte Geschichte von David und Goliath wird durch Selenskyj reaktiviert. Eine Erfolgsgeschichte, die eigentlich nur durch eine Flucht oder Kapitulation noch zerstört werden könnte, was bei dem zum Helden der Extraklasse gereiften Selenskyj aber wohl - solange die Vereinigten Staaten auf ihn setzen - ausgeschlossen werden kann. Er wird nicht einknicken, er wird weiter standhalten. Schließlich weiß man in Osteuropa   im Unterschied zu manchem deutschen Russland-Verharmloser   wie das "System Putin" funktioniert, und dass eine Niederlage der Ukraine oder ein fauler Friedens-Kompromiss dramatische Konsequenzen für den Weltfrieden haben könnte.

Auch die Fotos ermordeter Putin-Gegner sind beredt

Der russische Historiker Juri Felschtinski, der vor 20 Jahren zusammen mit dem inzwischen vergifteten KGB- und M16-Agenten Alexander Litvinenko das Buch "Blowing Up Russia" veröffentlichte, in dem er die Macht der alten KGB-Seilschaften entlarvte, fordert jedenfalls   wie auch Litvinenkos engagierte Witwe Marina, dass Putins Atombombendrohungen so ernst genommen werden müssen wie weitere Expansionspläne Russlands. Niemals hätten Putin & Co. den Untergang der Sowjetunion und den damit verbundenen Machtverfall akzeptiert, so die These der Russland-Insider.

So ist die letzte, berühmte Aufnahme Alexander Litvinenkos im Krankenhaus aus dem Jahr 2006 in gewisser Weise auch ein Foto von ikonographischem Wert für die heutige Kriegszeit   ebenso wie die Aufnahme des Blumenmeeres in Erinnerung an die russische Journalistin Anna Politkowskaja, die 2006 in Moskau ermordet wurde oder die Aufnahmen des verhüllten Leichnams des vor den Toren des Kremls 2015 ermordeten russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow. Auch diese Menschen waren und bleiben Botschaften mit ikonographischer Wirkung.

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