Gottvertrauen

Die Hiob-Lektion verinnerlichen

Lernen von biblischen Figuren: Die Erkenntnis, dass es auch andere Menschen gibt, die durch Miseren gingen wie man selbst, hat die Macht, das eigene Erleben zu relativieren und kann vor allem auch einen Ansporn geben, über sich selbst hinauszuwachsen.
Hiob
| Hiob und seine Freunde, eine der Illustrationen von Gustave Dor  für La Grande Bible de Tours

Wer kennt diese Erfahrung nicht? Man müht sich ab, und es führt zu nichts - aber nicht nur das, zuweilen ergibt sich sogar der Eindruck, es wäre besser gewesen, überhaupt nichts zu tun, die Mühen schlagen ins Gegenteil um und man kommt vom Regen in die Traufe. In einer Zeit, die Gott ohnedies abschaffen möchte, erübrigt sich auch rasch die Frage "Wo ist Gott?". Natürlich würde dem Menschen zuweilen ein Leben ohne Hindernisse und Rückschläge vorschweben. Die eine oder andere Schwierigkeit nimmt man gegebenenfalls in Kauf, aber dass einfach alles permanent schief geht, das wird einem verständlicherweise irgendwann zu viel.

Hiob ist ein treuer Knecht des Herrn, gläubig, fromm, rechtschaffen. Alles scheint ihm zu gelingen, Arbeit, Familie, Haus und Hof. Und doch wird er zum Gegenstand einer für uns unfassbaren Herausforderung, eines "Deals", wie man heute sagen würde. Es hat etwas Faustisches, wenn Satan mit Gott gewissermaßen darum wettet, dass es ihm gelingen würde, Hiob dem Herrn abspenstig zu machen. Dessen Glaube sei doch nur darauf gegründet, dass in seinem Leben alles gut zu gehen scheint. Sobald alle diese schönen Dinge wegbrechen, würde es wohl sehr schnell anders kommen und Hiob würde dem Herrn die Gefolgschaft aufkündigen. Eine Logik, die für uns wohl auch nachvollziehbar scheint. So lange im Leben alles halbwegs glatt zu laufen scheint, lassen wir den "Lieben Gott" einen guten Mann sein und ab und zu auch an unserem Leben teilhaben.

„Hiob gelingt es, an Gott festzuhalten,
obwohl er nach seinen bisherigen Erfahrungen und nach menschlichem Ermessen
nichts Gutes mehr von diesem Erdenleben zu erwarten hat“

Zunächst verliert Hiob alle seine materiellen Güter. Satan erwartet, dass er sich ob der Häufung solchen Ungemachs vom Herrn abwenden würde, doch das Gegenteil tritt ein, Hiob fügt sich in sein Schicksal und betet weiter zum Herrn. Nun geht es an seine Gesundheit, selbst seine Frau versucht ihn dazu zu überreden, mit Gott zu brechen, doch Hiob widersteht und bleibt dem Herrn treu. Oh ja, er klagt und hadert mit seinem Schicksal, er wünscht, dass er nie geboren worden wäre, aber er stellt Gott nicht in Zweifel.

Die Lektüre des Buches Hiob wird oft Menschen anempfohlen, die sich in einer aussichtslosen Situation wähnen. Wie aber soll dies helfen? Verzweiflung und Klagen wohnt wohl kaum heilende Wirkung inne. Ich denke, es lohnt sich, die Sache von einer Metaebene zu betrachten. Die Erkenntnis hingegen, dass es auch andere Menschen gibt, die vielleicht durch ähnliche Miseren gingen wie man selbst, hat die Macht, das eigene Erleben zu relativieren und kann vor allem auch einen Ansporn geben, über sich selbst hinauszuwachsen. "Der Vergleich macht Sie sicher", heißt es zuweilen in Werbungen, die merkantilen Zielen verpflichtet sind.

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Neue Perspektiven werden eröffnet

Wenn dies hier vielleicht auch nur bedingt zutreffen mag, so eröffnet er vielleicht doch auch neue Perspektiven. Die erwähnte Metaebene kann es ermöglichen, einen ansonsten hermetisch wirkenden Text plötzlich in einer ganz neuen Dimension zu begreifen. Es ist eben kein Zufall, wenn einem in bestimmten, vor allem schmerzhaften Situationen genau jene Worte "zufallen", die in diesem Moment eine höchstpersönliche Bedeutung bekommen. Darin liegt ihre transzendentale Kraft und eine solche Erfahrung kann dazu beitragen, Gott wieder zu finden und sich gegebenenfalls mit Gott zu versöhnen.

Denn genau darauf kommt es bei den vielen und unterschiedlichen Figuren der Bibel an: sie und ihre Geschichten sollen dabei helfen, den Glauben wieder zu finden, wenn er verloren zu gehen droht oder vielleicht auch schon vollkommen abhandengekommen ist, und zwar den Glauben ohne jede Bedingung, der dabei helfen kann und soll, das eigene Verhalten so zu gestalten, dass es von anderen, die die verborgenen Umstände und Zusammenhänge jedes einzelnen Lebens nicht kennen, nicht sofort als "schuldhaft" oder bösartig eingeschätzt werden kann. Denn "Schuld" ist ein großes Thema und wird gerne missbräuchlich verwendet, vor allem, solange "andere" von ihr betroffen sind. Auch bei Hiob stellt sich die Frage nach der Schuld, und zwar gerade deshalb und erst recht, weil sie bei ihm offenbar nicht gegeben ist.

Kommen Menschen zu Gott, wenn es ihnen gut oder wenn es ihnen schlecht geht?

"Ja, ja, wenn´s den Menschen schlecht geht, dann kommen sie zu Gott zurück", lautet eine oft gehörte Phrase. Ist das wirklich so? Hätte Gott also gewissermaßen ein Interesse daran, dass es den Menschen schlecht geht? Man merkt, diese Frage ist in sich irgendwie absurd. Nach 1945 waren die Kirchen zunächst voll, knapp 90 Prozent bekannten sich in Österreich zum katholischen Glauben, in Westdeutschland teilten sich die beiden großen Kirchen diesen Kuchen, aber die Gesamtzahl wird wohl ähnlich hoch gelegen sein.

War dies nun so, weil es den Menschen nach dem Krieg schlecht, oder weil es ihnen ganz langsam dann doch wieder besser ging? Manches Mal hört man ja auch die entgegengesetzte Meinung, dass Menschen so lange an Gott glaubten, als es ihnen gut geht und sie dann von ihm abfallen, sobald sich eine größere Krise in ihrem Leben einstellt. Gibt es da eine nachvollziehbare Korrelation oder ist das nicht vielleicht doch nur ein jeweils subjektiver Kurz-Schluss, der sich im Grunde überhaupt nicht nachweisen lässt und mit einem tiefen Glauben an Gott gar nicht so viel zu tun hat?

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Gott als Anker- und Bezugspunkt - egal was kommt

Ich denke, so ein echter, tiefer Glaube ist immer ein Geheimnis. Unser Hiob ließ sich eben durch nichts beirren, Gott war und blieb für ihn der Anker, der alles übersteigende Bezugspunkt seines Lebens, eben das Alpha und Omega, ohne die kein Leben vorstellbar war. Sätze, die mit "Jeder Mensch " beginnen, sind mir immer etwas suspekt, allzu unterschiedlich scheinen die Schicksale der Individuen, die ich aus der Nähe oder aus der Ferne beobachte und auch mein eigenes Leben kann ich eigentlich niemals irgendeiner allgemeingültigen Betrachtung unterordnen. So kann ich eben auch nicht mit Sicherheit behaupten, dass jeder Mensch im Grunde seines Herzens Gott sucht, und sei es auch unbewusst, obwohl ich gerne daran glauben möchte.

Wozu diese Geschichte des Hiob? Wieso werden auch Menschen, denen es gerade sehr schlecht geht, nicht selten auf sie verwiesen? Von Natur aus sind wir so veranlagt, dass es uns im Winter schwerfällt, uns den Sommer vorzustellen und umgekehrt, den Winter im Sommer, auch wenn wir beide schon unzählige Male erlebt haben. So ergeht es uns manchmal auch, dass wir das Ende der Welt kommen sehen, wenn wir uns in einer persönlichen Situation befinden, die uns vollkommen aussichtslos erscheint und niemand findet dann das richtige Wort, das uns aus der Sackgasse herausführen könnte. Ja, so mancher gutgemeinte Ratschlag, der ja doch wieder nur der subjektiven Erfahrung des Ratschlagenden entspringt, passt dann so überhaupt nicht, dass wir nur noch tiefer in unsere Verzweiflung versinken.

Hilfe aus einer katastrophalen Geschichte?

Wie soll uns dann diese katastrophale Geschichte helfen, wenn wir selbst gerade weder aus noch ein wissen? Ich glaube, dass es einfach keine Patentlösung für alles gibt, aber jedem Einzelnen ein Weg zu Gott zur Verfügung steht, sofern er oder sie prinzipiell in der Tiefe des Herzens bereit ist, einen solchen in Erwägung zu ziehen und zu beschreiten. Am Ende der eigenen Weisheit ist der Mensch ja zuweilen versucht, die eigene Situation durch Kurzschlüsse oder unbedachte Entscheidungen noch zu verschlimmern, wenn keinerlei Hoffnung mehr auszumachen scheint. Aber geht es überhaupt darum, ob es einem Menschen "gut" oder "schlecht" geht?

Wie subjektiv ist doch ein solches Empfinden, es lässt sich definitiv nicht allgemeingültig definieren. Die grundsätzliche Frage lautet: "Ist Gott oder ist Gott nicht?" Eine dritte Option ist definitiv auszuschließen. Der Glaube an Gott aber ist nicht an die äußeren Umstände unseres Lebens gebunden, sonst ist es kein Glaube. Dazu sei nochmals Goethes Faust bemüht: "Wenn ihr s nicht fühlt, ihr werdet s nicht erjagen!" Oder wie Jesus es formuliert: "Wer Ohren hat, der höre!" Kann man sich den Glauben also gewissermaßen "erwerben", oder ist er einfach da oder nicht?

Wiedererkennen in biblischen Figuren

Hiob gelingt es, an Gott festzuhalten, obwohl er nach seinen bisherigen Erfahrungen und nach menschlichem Ermessen nichts Gutes mehr von diesem Erdenleben zu erwarten hat. Kein Mensch bestärkt ihn in diesem Glauben, es kann also wohl nur seine innere Stimme sein, zu der außer Gott niemand Zugriff hat, die ihn in diesem Moment inspiriert. Seine Erfahrung ist authentisch und einzigartig, nicht per "copy & paste" übertragbar, aber für uns auch heute noch analog nachzuvollziehen, wenn wir weder unseren Glauben noch eine Begründung dafür in Worte fassen können, denn auf geheimnisvolle Weise erkennen wir uns in der einen oder anderen biblischen Figur wieder und spüren dann, dass hier etwas ganz wesentlich Menschliches beschrieben wird, das letzten Endes nur in einem Bezug zu Gott Sinn und Bedeutung haben kann.

Übrigens gewährt Gott in der Folge nach der "bestandenen Prüfung" Hiob ein langes und friedvolles Leben. Hiob hatte damit zweifellos nicht mehr gerechnet, denn er war überhaupt nie "berechnend" in seinem Tun. Vor allem aber konnte er dieses zweifellos vor allem dank der bitteren Erfahrung, die er zuvor gemacht hatte, in Freude und Dankbarkeit wahr- und annehmen.

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