Die Flucht in den Stalinismus

Das Berliner Symposium „Auf nach Moskau. Reiseberichte aus dem Exil“ beleuchtet besonders die Schriftsteller Lion Feuchtwanger und André Gide. Von Ingo Langner
Schriftsteller Lion Feuchtwanger neben Josef Stalin in einem Schauprozess 1937.
Foto: IN | Als viele Moskauer um ihr Überleben fürchteten: Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger (links) neben Josef Stalin in einem Schauprozess 1937.

Eigentlich müssten diese Seiten betitelt sein: Moskau Januar 1937. Denn es fließt in der Stadt Moskau alles so schnell, dass manche Feststellungen schon nach wenigen Monaten nicht mehr wahr sind. Ich bin dort herumgegangen mit Leuten, die ihr Moskau gut kannten; aber sie waren ein halbes Jahr fortgewesen, und sie schüttelten den Kopf: Ist das unsere Stadt?“

Mit diesen drei Sätzen beginnt Lion Feuchtwanger das Vorwort für seinen Reisebericht „Moskau 1937“. Wie man heute weiß, ist es von Josef Stalin persönlich redigiert worden. Wäre es unsere Aufgabe, einen Spielfilm über die bar jeder Realität angesiedelten Lobeshymnen Feuchtwangers auf die massenmörderische Sowjetdiktatur zu inszenieren, so würden wir den Darsteller Stalins bei der Lektüre mephistophelisch lächeln lassen.

Denn in der Tat: 1937 floss in der sowjetischen Hauptstadt alles sehr rasch, speziell das Blut Unschuldiger. 1 675 295 Menschen, die im Januar noch im eigenen Bett schliefen, sind im Laufe des Jahres verhaftet worden. 681 692 Menschen wurden von der Tscheka, dem Geheimdienst der Bolschewiki, liquidiert. Die übrigen verbannte man in die Gulag genannten Lager. Der Befehl zu all dem trug die Nummer 00 447.

Wie der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel kürzlich in einem Vortrag stringent aufzeigen konnte, ging es Stalin nicht allein darum, mit diesem Massenterror die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Das rationale Ziel war es, bei den für den Herbst 1937 geplanten allgemeinen Wahlen jede potenzielle Opposition auszuschalten. Diesem Ziel dienten auch die berüchtigten Schauprozesse gegen die führenden Mitglieder jenes Politbüros, mit dem Lenin ab Oktober 1917 in Rußland die Diktatur des Proletariats errichtet hatte.

Lion Feuchtwanger dürfte bei seinem Besuch, der am 1. Dezember 1936 begann und am 5. Februar 1937 endete, nicht entgangen sein, unter welchem Überlebensdruck die Moskauer standen. Immerhin nahm Feuchtwanger sogar auf der Zuschauertribüne eines der Schauprozesse Platz. Auch wenn dieser Druck im Luxushotel „Metropol“, wo der damals weltberühmte Schriftsteller standesgemäß logierte, möglicherweise nur gedämpft zu spüren war.

Von alldem war auf dem internationalen Symposium „Auf nach Moskau! Reiseberichte aus dem Exil“ leider nichts zu hören, zu dem am 8. und 9. Dezember das Institut für Kommunikationsgeschichte der Freien Universität Berlin und das Literaturhaus Berlin eingeladen hatten, und das von der Stiftung Preußische Seehandlung, und Villa Aurora & Thomas Mann House e.V. unterstützt worden ist.

Stattdessen schienen sich die allesamt durchaus renommierten Vortragenden Anne Hartmann, Michael David-Fox, Michael Rohrwasser, Falko Schmieder, Manfred Jendryschik, Ian Wallace, Inka Zahn, Reinhard Müller und Wilfried F. Schoeller entschlossen zu haben, die gute alte Schule hermeneutischer Literaturexegese zur neuen Blüte zu führen.

Michael Rohrwasser beispielsweise lieferte in seinem Vortrag „Im Zeichen von Bündnispolitik und Volksfront – der Moskauer Schriftstellerkongress und seine deutschen Gäste“ zwar eine detaillierte Übersicht darüber, was ein Klaus Mann oder ein Oskar Maria Graf über den von Maxim Gorki 1934 eröffneten Schriftstellerkongress geschrieben hatten. Rohrwasser konnte aber bei der anschließenden Diskussion keinerlei Informationen darüber liefern, was sich auf den „After-Show-Partys“ tat. Von denen man weiß, dass es dort nicht nur feucht-fröhlich zuging. Denn von den sowjetischen Kulturoffiziellen wurden auch alle Möglichkeiten genutzt, mit Hilfe von Geld, Drogen und Prostituierten die Freundschaft der ausländischen Schriftsteller sicherzustellen.

Zu einem hermeneutischen Offenbarungseid kam es dann bei der Abschlussveranstaltung, der man den Titel „Die große Kontroverse: André Gide, Retour de l'U.R.S.S./ Lion Feuchtwanger, Moskau 1937“ gegeben hatte. Zwar lieferten Anne Hartmann, Inka Zahn und Ian Wallace hellsichtige Textanalysen der Reiseberichte von Gide und Feuchtwanger die zeigten, wie es Gide gelang, als Kommunist nach Moskau zu fahren und als Anti-Kommunist nach Paris heimzukehren – und wie Feuchtwanger genau das nicht gelang. Doch was in beiden Fällen nicht zur Sprache kam, waren die oben angedeuteten mörderischen Zeitumstände. Anders als für Gide war für den nach 1933 in der französischen Emigration lebenden jüdischen Schriftsteller Feuchtwanger die Frage von Leben und Tod buchstäblich existenziell geworden. Nicht allein die Nationalsozialisten konnten ihm gefährlich werden. Was mit „Verrätern“ geschah, hatte er in Moskau erfahren. Auch in Südfrankreich konnte Feuchtwanger vor dem sowjetischen Geheimdienst nicht sicher sein.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass wir uns auf diesem Symposium zumindest einen Vertreter des New Historicism gewünscht hätten. Diese literaturwissenschaftliche Theorie hat es sich bekanntlich zur Aufgabe gemacht, die Weltliteratur wieder in ihren historischen und kulturellen Entstehungszusammenhang zu stellen. Ein Vorläufer dieser Sichtweise war der Literaturwissenschaftler und Romanist Erich Auerbach (1892–1957). So konnte er zeigen, wie sich aus der Szene im 19. Gesang der Odyssee, „in der die alte Schaffnerin Eurykleia den heimkehrenden Odysseus, dessen Amme sie einst war, an einer Narbe am Schenkel wiedererkennt“, nicht nur „die Eigentümlichkeiten des homerischen Stils“ entschlüsseln lassen, sondern darüber hin-aus auch das antike Denken selbst.

Analog dazu wäre notwendig gewesen, Feuchtwangers Reisebericht nicht allein daraufhin zu untersuchen, wie oft und in welchem Kontext dort die Namen von Stalin und Trotzki auftauchen. Das zu tun, gehört zum literaturwissenschaftlichen Handwerk, kann aber nur Basis und Ausgangspunkt für alles Weitere sein. Doch gerade in diesem „Weiteren“ glichen die Philologen auf dem Berliner Podium jenen Artisten, die in einem Film von Alexander Kluge einst ratlos unter der Zirkuskuppel hingen.

Sie wussten keine Antwort, als aus dem Publikum heraus gefragt wurde, wieviel Geld Feuchtwanger von den Sowjets für seine Lobeshymne bekommen habe oder welchem realen Druck er ausgesetzt war, als ihm der Prawda-Reporter Michail Kolzow als bolschewistischer Sendbote bis nach Sanary-sur-Mer nachreiste, um ihn erfolgreich davon zu überzeugen, Negatives über Lenin und Positives zu Trotzki aus seinem schon fertigen Manuskript zu entfernen. Kolzow ist im Februar 1940 liquidiert worden und Feuchtwangers sowjetischer Verleger Artemi Chalatow widerfuhr das Nämliche im Oktober 1938. Um wohlwollend abzuschließen muss man wohl sagen: das Berliner Symposium „Auf nach Moskau. Reiseberichte aus dem Exil“ hat textexegetische Grundlagen gelegt. Jetzt käme es darauf an, die Früchte dieser literaturwissenschaftlichen Arbeit in einen umfassenden historischen Kontext zu stellen.

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