Feuilleton

Die besten Buchmaler im Skriptorium

Susanne Rischpler, Expertin für illuminierte Handschriften, über die in Klosterneuburg präsentierte Ausstellung zur spätmittelalterlichen Buchkunst. Von Susanne Kessling
Initiale S mit Schutzmantelmadonna aus einem Klosterneuburger Antiphonar
Foto: Ausstellung | Aus einem Klosterneuburger Antiphonar: Die Initiale S mit Schutzmantelmadonna, unter dem Mantel die betenden Klosterneuburger Augustiner-Chorherren, gemalt vom Illuminator Nikolaus.

Das Stift Klosterneuburg vor den Toren Wiens ist bekannt für seinen kunstvoll gestalteten Altar von Nikolaus von Verdun. Jetzt zeigt eine Schau mit dem Titel „Kloster, Kaiser und Gelehrte“ wertvolle, mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln. Was konkret erwartet den Besucher in der Ausstellung?

Im prachtvollen Ambiente des Klosterneuburger Augustiner-Chorherrenstifts wird eine Kabinettausstellung mit den Highlights der spätmittelalterlichen Buchmalerei aus der reich ausgestatteten Klosterneuburger Stiftsbibliothek, der größten nichtstaatlichen Bibliothek Österreichs, präsentiert. Selbstverständlich werden Arbeiten gezeigt, die speziell für die Belange des Stifts geschaffen wurden, allem voran ist hier das vierbändige Antiphonar zu nennen, in dem alle Gesänge des liturgischen Stundengebets zusammengefasst sind. Darüber hin-aus sind illuminierte Handschriften und Inkunabeln – so bezeichnet man gedruckte Bücher aus der Anfangszeit des Buchdrucks bis 1500 – zu sehen, die die Nähe des Stiftes zum Habsburgischen Königs oder Kaiserhaus verdeutlichen. Nicht zuletzt pflegten die Klosterneuburger Augustiner-Chorherren einen engen Austausch mit der Wiener Universität, der sich ebenfalls im Buchwesen des Stifts widerspiegelt. Dabei wird deutlich, dass es den Chorherren immer wieder gelang, die besten Buchmaler der Epoche heranzuziehen, die stilistische Einflüsse aus Böhmen, Salzburg, Ungarn und Augsburg mitbrachten und verarbeiteten. Wenn in diesem Zusammenhang von „Illumination“ die Rede ist, dann meint das die Ausschmückung der Bücher mit Federzeichnungen und Deckfarbenmalerei, oft unter Verwendung von Blattgold, wodurch die Werke quasi zum Leuchten gebracht werden.

Wie haben Sie die Arbeit an dieser Ausstellung erlebt?

Die Ausstellung in Klosterneuburg ist ein Mosaikstein in einem von Jeffrey F. Hamburger (Harvard University) initiierten internationalen Kooperationsprojekt, das sich illuminierten Handschriften und Inkunabeln des sogenannten „langen 15. Jahrhunderts“ widmet. Diese Epoche beginnt gegen 1400 mit den Buchmalern, die für König Wenzel in Prag arbeiteten, und endet um 1500 in der Zeit des jungen Albrecht Dürer. Zum Projekt gehören größere Ausstellungen in Wien und München sowie die Satellitenausstellungen „10 Stationen zur mitteleuropäischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts“, die ab diesem Herbst in zehn Bibliotheken in Österreich (Graz, Klosterneuburg, Linz, Salzburg), der Schweiz (Luzern) und Deutschland (Karlsruhe, Leipzig, Nürnberg, Wolfenbüttel, Zittau) gezeigt werden. Die Ausstellung in Klosterneuburg ist eine dieser Stationen und die einzige Satellitenausstellung in einer klösterlichen Bibliothek. Teil des Projekts ist auch ein Kolloquium mit dem Titel „Unter Druck: Illuminierte Handschriften und Inkunabeln im Zeitalter Gutenbergs“, das Anfang 2016 in Wien stattfindet.

Was die Gestaltung der Klosterneuburger Ausstellung betrifft, so hatten wir durch die Einbindung in das Projekt natürlich Vorgaben bezüglich der Kataloggestaltung, nicht aber für die Zusammenstellung der Schau. In Kollaboration mit Maria Theisen von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Michaela Schuller-Juckes von der Universität Wien und dem Klosterneuburger Bibliothekar Martin Haltrich wurden die Exponate ausgewählt und ihre Präsentation geplant. Kollegen aus Ungarn, Österreich und Deutschland verfassten die Katalogtexte, die durch die sorgfältige Redaktionsarbeit von Frau Theisen unter einen Hut gebracht wurden. Der ganz konkrete und schweißtreibende Aufbau der Ausstellung vor Ort wurde von Herrn Haltrich und seinem rührigen Team bewerkstelligt.

Sie sind Romanistin und Kunsthistorikerin. Wie war Ihr Weg zur Erforschung spätmittelalterlicher Buchmalerei?

Der Einstieg erfolgte über meine Dissertation, die sich mit mnemotechnischen Bilderbibeln des 15. Jahrhunderts beschäftigt. Das sind handliche „Arbeitsbücher“ mit unzähligen kleinen Gedächtnisbildern, die zum Einprägen des gesamten inhaltlichen Gerüsts von Altem und Neuem Testament konzipiert worden waren. Diese Büchlein haben mir nicht nur Zugang zur faszinierenden Welt des mittelalterlichen „Gedächtnistrainings“, sondern auch eine Stelle im Katalogisierungsprojekt „Mitteleuropäische Schulen“ verschafft, in dem die illuminierten Handschriften aus Österreich, der Schweiz und Deutschland erschlossen werden, die in Wien in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt werden. Seither hatte ich Gelegenheit, eine Vielzahl von Handschriften und Inkunabeln im Original zu sehen und zu untersuchen, teilweise vor Ort in beeindruckenden Klosterbibliotheken.

Frau Rischpler, Sie arbeiten seit Jahren über Handschriften. Welche neuen Erkenntnisse gibt es in diesem Forschungsbereich über die spätmittelalterliche Buchmalerei?

Im Buchwesen ist das 15. Jahrhundert eine außerordentlich wichtige Phase, da der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden wurde, wodurch Texte in bis dahin ungekanntem Maße vervielfältigt werden konnten. Eine Fragestellung der Buchmalereiforschung beschäftigt sich verstärkt mit der Rolle des Buchschmucks und der Bebilderung in dieser Zeit des Medienwandels. Wie sich im Bereich des Textes keine strikt lineare Entwicklung von der Handschrift über Blockbuch und Inkunabel zum Frühdruck ergibt, so lässt sich auch für das Bild kein geradliniger Fortgang vom handgezeichneten und gemalten zum gedruckten Bild aufzeigen. Vielmehr gibt es beständige Wechselwirkungen und Rückverweise, so wurden beispielsweise bereits als Blockbuch gedruckte Werke wieder von Hand reproduziert und in Inkunabeln wurde lange Zeit der Buchschmuck, von einzelnen Initialen bis hin zu Miniaturen, von Hand eingetragen.

Ein weiterer Interessenschwerpunkt liegt auf den Herstellungsbedingungen und Verbreitungswegen in der Buchproduktion und damit auch des Buchschmucks. Hier erforscht man die Umstände, unter denen Bücher im städtischen, höfischen und kirchlichen Kontext entstanden, wobei historische und religionsgeschichtliche Entwicklungen berücksichtigt werden. Dabei lassen sich konkrete Einblicke in das Leben der spätmittelalterlichen Illuminatoren und das Wirken ihrer Werkstätten gewinnen.

– Die Ausstellung „Kloster, Kaiser und Gelehrte“ im Stiftsmuseum im Stift Klosterneuburg ist bis zum 30.6.2016 zu sehen. Jeden Samstag, Sonn- und Feiertag von 14.00 bis 17.00 Uhr, Führungsanmeldungen für Kleingruppen unter 0043/22 43/411-212 (www.stift-klosterneuburg.at/veranstaltungen/944,kloster-kaiser-und-gelehrte.html).

– Der Katalog zur Ausstellung ist im Quaternio Verlag erschienen, als Teil eines Sets zur Ausstellungsreihe „10 Stationen zur mitteleuropäischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts“ (Einzelband EUR 14,90, Set EUR 124,–), her-ausgegeben von Jeffrey F. Hamburger (Harvard) und Christoph Mackert (Leipzig). Darüber hinaus gibt es den Kalender „Meisterwerke der Buchmalerei 2016“ (EUR 29,80) mit Motiven aus den Präsentationen.

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