Feuilleton

Dichter in Gottes Weinberg

In der Stille auf den Klang der Wörter hören: Andreas Knapp. Von Ilka Scheidgen
Andreas Knapp lebt in der Nachfolge Charles de Foucaulds
Foto: Echter | Priester und Schriftsteller: Andreas Knapp lebt in der Nachfolge Charles de Foucaulds.

Andreas Knapp ist in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Als Lyriker führt er das gängige Klischee, Lyrik sei die am schlechtesten zu vermarktende Literaturgattung, ad absurdum, gäbe es doch in der gesamten Bundesrepublik durchgängig nur etwa 1 300 Leser für Gedichte. Es gab Ausnahmen, beispielsweise Erich Fried mit seinen Liebesgedichten. Aber in der Sparte „Geistliche Lyrik“ gibt es nur wenig Vergleichbare: Kurt Marti, der Schweizer Poet, der im Februar 2017 mit 96 Jahren in seiner Geburtsstadt Bern gestorben ist. Auch er war Pfarrer, evangelischer Pastor. Auch Dorothee Sölle (1929–2003) wäre hier zu nennen mit ihrer „Theopoesie“. Oder von der jüngeren Generation der Theologe und Dichter Christian Lehnert.

Knapp ist Priester und Poet. 1958 in Hettingen (Baden) geboren, studierte er katholische Theologie in Freiburg im Breisgau und in Rom. 1983 wurde er zum Priester geweiht. Danach nahm er eine vielversprechende theologische Laufbahn mit Promotion, Tätigkeit in der Hochschulseelsorge und als Direktor des Priesterseminars in Freiburg auf. Und hier folgt die weitere Besonderheit im Leben des Andreas Knapp. Statt diese Laufbahn weiter zielstrebig fortzusetzen, brach er sie ab, um sich 2000 der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ anzuschließen. Dieser Orden führt ein Leben im Geiste Charles de Foucaulds (1858–1916).

Die Mitglieder dieses Ordens von etwa 80 Brüdern versuchen, ein kontemplatives Leben mit sozialem Engagement zu verbinden, wobei sie bewusst mit den Menschen am Rande der Gesellschaft leben. Nach einem Leben an sozialen Brennpunkten in Paris, Neapel und Cochabamba, Bolivien, kehrte Andreas Knapp 2005 zurück nach Deutschland, wählte als seinen zukünftigen Lebensmittelpunkt, gemeinsam mit drei Mitbrüdern, eine Wohnung in einem Plattenbau in Leipzig-Grünau.

Solidarisch mit den Menschen, die an den Rand gedrängt sind. Ganz so wie Charles de Foucauld, der sich auf die Suche nach den Menschen begab, die weit weg sind vom Evangelium, und der dann in die Sahara gezogen ist und bei Beduinenstämmen gelebt hat. Eine Fünf-Zimmer-Wohnung in einem tristen Viertel als „Kloster“ und wie seinerzeit die „Arbeiterpriester“ in Frankreich mit Arbeiten in Fabriken, so arbeitete Knapp zehn Jahre als Saisonarbeiter, als Picker und Packer am Fließband. Seit zwei Jahren ist er Gefängnisseelsorger. Nur: das ist bei Andreas Knapp nicht alles, so ungewöhnlich es auch sein mag. Neben einer Seelsorge, die er vielleicht in dem größtenteils kirchenfernen, wenn nicht atheistischen Milieu seiner Umgebung ausüben kann, versucht er die Menschen über seine Gedichte, seine „geistliche Lyrik“ zu erreichen, und das, wie anfangs erwähnt, überaus erfolgreich.

Seine rund zehn Gedichtbände, die meisten im Würzburger Echter Verlag erschienen, erleben fast ausnahmslos hohe Auflagen. Titel wie „Weiter als der Horizont“, „Tiefer als das Meer“ „Höher als der Himmel“, „Heller als Licht“, „Brennender als Feuer“ sind Programm, ebenso wie sein Name „Knapp“. Denn aufs Verkürzen, aufs Betonen des Wesentlichen, auf das Herausarbeiten einer Pointe versteht sich der Autor ausgesprochen gut. Auch die überwiegende Kleinschreibung (die übrigens Kurt Marti ebenfalls verwandte) trägt zu einer Hinführung auf die wesentliche Aussage bei – manchmal auch, indem gerade sie ausgespart wird.

„bitte enttäusche mich/ amputiere meine Illusionen// zerbrich den goldenen Spiegel/ bilderstürme mein geträumtes Ich// zerstöre meine Kreise/ die sich um mich selber drehen// verschreibe mir eine starke Dosis Wirklichkeit/ ich will mich wahr haben“ („Ein gutes Erwachen“ in „Gedichte auf Leben und Tod“)

Andreas Knapp erzählt gegenüber dieser Zeitung über seinen Werdegang folgendes: „Ich bin in einem katholischen Umfeld aufgewachsen und der Glaube erschien mir so selbstverständlich wie das Atmen. Inzwischen lässt mich der Blick auf die Welt, auf Gewalt und Ungerechtigkeit oft die Luft anhalten. Manche überkommenen Bilder von Gott zerbrechen. Aber mein Blick auf das Evangelium von Jesus dem Christus lässt mich wieder aufatmen.“

Die Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche verleiht ihren Preis 2018 an Andreas Knapp für seine „verhalten-stille Lyrik, die den Geheimnissen des Lebens neue Worte leiht“.

Dass es sich bei den Gedichten von Andreas Knapp in der Tat um geistliche Lyrik handelt, verraten besonders die Untertitel wie „Gedichte zum Glauben“, „Biblische Gedichte“, ja sogar „Göttliche Gedichte“. Es sind vielfach solche des Suchens, auch der Selbstvergewisserung. Und ein solches scheint bei vielen Menschen ein Bedürfnis zu sein.

„Unwort der Jahrtausende/ blutbesudelt und missbraucht/ und darum endlich zu löschen/ aus dem Vokabular der Menschheit// Redeverbot von Gott/ getilgt werde sein Name/ die Erinnerung an ihn vergehe/ wie auf Erden so im Himmel// wenn unsre Sprache aber/ dann ganz gottlos ist/ in welchem Wort/ wird unser Heimweh wohnen // wem schreien wir noch/ den Weltschmerz entgegen/ und wen loben wir/ für das Licht“ („Gott“ in „Tiefer als das Meer“)

Ein „Heimweh“ nach Gott spürt man aus vielen Zeilen des Dichters Andreas Knapp heraus. Und dass die Bücher sich so gut verkaufen, belegt, dass es nicht nur ihm so geht. Ja, tatsächlich, wir Menschen sind bedürftig dieser in den Titeln versprochenen Steigerungsformen: höher, tiefer, weiter, brennender, heller: „Lebensunersättlich/ strecke ich mich aus/ nach dem Unerschöpflichen./ Wenn es Gott nicht gibt/ warum fehlt er mir dann so?“ („Projektionen“ in „Weiter als der Horizont“). Oder in dem Gedicht „Todesursachen“ aus demselben Band: „ich möchte nicht sterben/ lebenssatt/ an der zivilisationskrankheit/ der egoverfettung/ abgerundet und gesetzt// ich möchte auch nicht sterben/ lebensmüde/ nicht den verzweifelten freitod/ aus ekel am Leben/ aller umtriebe überdrüssig// sterben möchte ich/ lebenshungrig/ krank vor sehnsucht/ an lauter heimweh/ nach IHM.“

Andreas Knapp nimmt den Leser mit auf seinen suchenden, tastenden, aus den Evangelien gespeisten Weg. Seine Texte sind glaubhaft, beglaubigt durch Fragen, Zweifel, Ringen, Hoffen und Beten und eine absolute Offenheit, ein Grundvertrauen für Gottes Wirken am Menschen und in der Welt. Denn Er ist immer da wie das „ewige Licht“ in den Kirchen: „brennt und verbrennt nicht/ die rote Lampe/ stand by/ du bist der/ ich bin da// ausgebrannt und errötend/ sinke ich in die Knie / bin ich der / ich bin“ („Tabernakel“ in „Höher als der Himmel“)

Und noch einmal Andreas Knapp zu seinem geistlichen Weg und der Entstehung seiner Lyrik: „Ich gehöre zu einer Ordensgemeinschaft, in der wir die Stille pflegen. Auf diesem Hintergrund leide ich manchmal unter der Wortflut, die uns mit nichtssagenden Formeln überschüttet. Auch die kirchliche Sprache droht zu verflachen. Ich versuche daher, in der Stille auf den Klang der Wörter zu hören und manche Erfahrungen in wenigen Worten zu verdichten. Das hilft mir auch, das von mir Erlebte zu verarbeiten: Wenn ich ein gutes Wort finde, wird mir selbst manches klarer – und ich kann es vielleicht auch an andere leichter vermitteln.“

Viel hat er zu sagen, mal leise, mal provokant, manchmal humorvoll. Je mehr man liest, desto mehr möchte man lesen. „Im anfang/ war der tod/ und der tod war alles/ und alles war tot// doch dann das wort/ liebeserklärung an das Leben/ und die tote materie/ ist fleisch geworden.“ („Ostern“ in „Höher als der Himmel“) Auch Knapps Gedichte sind Liebesgedichte: Liebeserklärungen an das Leben, an den Mitmenschen, an Gott.

Andreas Knapp hat auch sehr lesenswerte Geschichten geschrieben, Weihnachtsgeschichten und „Geschichten gegen den Tod“, ein Wüsten-Tagebuch und einen historischen Roman.

Am stärksten aber ist er in seinen Gedichten, da macht er seinem Namen alle Ehre: „er aber ist/ vom tode ungehalten/ anarchist des lebens/ ein unruhestifter/ über alle tode hinaus“ – so endet die 15. Kreuzwegstation mit dem Titel „und kein Ende“. Das mag auch für den unkonformen Autor und Mönch, den Arbeiter in Gottes Weinberg in Leipzig-Grünau gelten. Denn: „unser Stadtviertel/ ist unser Kloster/ und die belebten Straßenkreuzungen/ sind unser Kreuzgang/…/ die Gesichter der Menschen sind die Ikonen die wir verehren/ und im leidgezeichneten Antlitz/ schauen wir auf den Gekreuzigten“.

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