Angela Merkel

Deutschland verabschiedet Bundeskanzlerin Angela Merkel

Die Kanzlerschaft von Angela Merkel nähert sich dem Ende. Natürlich hat sie auch Fehler gemacht, doch ihre Intelligenz, Berechenbarkeit und Bereitschaft zur Korrektur könnten noch vermisst werden, meint Liane Bednarz.
Angela Merkel
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Sie war faktensicher, uneitel und ein Buch hat sie auch noch nicht geschrieben. Wenn man auf die möglichen Nachfolger im Kanzleramt schaut, erkennt man, wie kompetent Angela Merkel als Bundeskanzlerin war.

Bald geht sie zu Ende, die lange Kanzlerschaft Angela Merkels. Schon jetzt sind viele Meldungen auf ihren Abschied hin ausgerichtet. So liest man dieser Tage Berichte über "Merkels letzte Sommerpressekonferenz" oder darüber, dass sie "das letzte Mal als Bundeskanzlerin zu Gast" bei den Bayreuther Festspielen sei. Zeit also darüber nachzudenken, wie die Zeit nach ihr werden könnte und ob es so etwas wie ein "Merkel-Vakuum" in der Ära nach der ersten Frau im Kanzleramt geben wird.

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Gewiss, Merkel hat – wie jeder ihrer Vorgänger – auch Fehler im Amt gemacht, vor allem mit ihrer defizitären Kommunikation. Vermutlich wären die Emotionen sowohl in der Euro- als auch in der Flüchtlingskrise weniger hochgekocht, wenn sie ihre Politik besser und engmaschiger erklärt hätte. Immerhin, sie hat hinzugelernt. In der Corona-Pandemie hat sie sich über Interviews hinaus mehrfach medial an das Publikum gewendet und ebenso geduldig wie detailliert und evidenzbasiert erläutert, wie gefährlich das Virus ist und warum die jeweiligen Schutzmaßnahmen notwendig waren. Schaut man sich an, wie gut Deutschland im internationalen Vergleich bisher durch die Pandemie gekommen ist, dann hat sich die Richtigkeit eines fast schon klassischen Spruchs erneut bestätigt: "Merkel kann Krise".

„Beigetragen hat maßgeblich ihr Persönlichkeitsdreiklang
aus Uneitelkeit, Durchsetzungskraft und enorm hoher Intelligenz

Nota bene: das heißt nicht, dass Merkel nicht auch in Krisen mitunter hätte besser regieren können. Die Flüchtlingskrise drohte ihr tatsächlich ab einem gewissen Punkt zu entgleiten, bis sie durch den sicherlich auch ambivalenten "Türkei-Deal" im März 2016 wieder Oberwasser bekam. Dennoch ist die Flüchtlingsfrage seither zumindest einigermaßen befriedet und Merkel konnte damit auch die eigene Bedeutung auf der EU-Ebene wahren. Wahr ist allerdings auch, dass ihr es anders als in den Krisen zuvor, namentlich durch ihr legendäres Durchhalten in nächtelangen Verhandlungen, in der Flüchtlingsdebatten nicht gelungen ist, alle EU-Partner auf ihre Seite zu ziehen. Von einer gemeinsamen Neuaufstellung der "Dublin-Regeln" zu Asylverfahrensfragen und Flüchtlingsverteilung ist die EU bis heute genauso weit entfernt wie in den Jahren 2015 und 2016.

Davon abgesehen ist Merkels Ansehen sowohl in der EU als auch auf weltweitem Level aber auch weiterhin hoch. Dazu beigetragen hat maßgeblich ihr Persönlichkeitsdreiklang aus Uneitelkeit, Durchsetzungskraft und enorm hoher Intelligenz. Wer mit Menschen spricht, die Merkel beruflich aus der Nähe erlebt haben, hört stets, was für eine beeindruckend schnelle Auffassungsgabe sie habe und selbst bei neu präsentierten thematischen Ausarbeitungen blitzschnell deren jeweilige Schwachstellen erkenne.  

Sie hatte die Dimension der Corona-Pandemie richtig erkannt

Gerade in der Corona-Krise hat sich vor allem Letzteres ausgezahlt. Merkel, die kluge Naturwissenschaftlerin, hat die ganze Dimension der Gefahr für Leib und Leben schnell begriffen. Sie konnte durch den versierten Umgang mit Zahlen und Fakten früh einschätzen, was wahrscheinlich passieren wird. So warnte sie bereits Ende September 2020 im CDU-Präsidium vor einem exponentiellen Anstieg der Neuinfektionen bis Weihnachten und nannte dabei die Zahl von 19.200. Der WELT-Journalist Robin Alexander schreibt dazu in seinem im Mai 2021 erschienen klugen Buch "Machtverfall – Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik", in dem er vor allem Merkels Autoritätsverlust innerhalb der Ministerpräsidentenrunde während der Corona-Krise beschreibt, dass "die Anwesenden, der engste Führungskreis der Partei" es "nicht glauben" konnten und die Zahl im Lichte von 1192 am damaligen Tag für "völlig überzogen" gehalten hätten.

Sie warnt wegen der Infektionszahlen und behält Recht

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In der "nächsten Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten" habe es nicht besser ausgesehen. Merkel sei dort "erneut daran gescheitert", härtere Regeln durchzusetzen. Ein paar Seiten später allerdings erinnert der Autor den Leser daran, wie schnell sich Merkels Warnung bereits Ende Oktober bewahrheiten sollte: "Wieder sind es die Zahlen, die Merkel recht geben. Als sie sich das nächste Mal, am 28. Oktober, mit den Ministerpräsidenten zusammenschaltet, können schon drei von vier Neuinfektionen von den Gesundheitsämtern nicht nachvollzogen werden." Und Merkels Zahl von 19.200 sollte bereits kurz darauf, genauer am 5. November erreicht werden.

Denkt man an Merkels Vorsicht und Besonnenheit, ist die Aussicht, Armin Laschet möglicherweise bald als ihren Nachfolger im Kanzleramt sitzen zu sehen, nicht unbedingt beruhigend. In der Corona-Krise war er gewissermaßen Merkels Antipode, setzte auf Lockerungen. Selbst Anfang Oktober 2020, also kurz nachdem Merkel vor dem exponentiellen Fallzahlenanstieg gewarnt hat, sei, so Robin Alexander, Laschet bei einem Besuch in Rom mit Audienz beim Papst "fest entschlossen" gewesen, "sich die gute Laune nicht verderben zu lassen". Schon zuvor, "im CSU-Präsidium", habe er "still den Kopf geschüttelt". 

Merkel agiert vorsichtig mit Besonnenheit

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Überhaupt könnte Laschet, der seine überzogenen Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen, mitunter wieder zurücknehmen musste, als Kanzler in puncto Berechenbarkeit einen tiefen Merkel-Phantomschmerz auslösen. Zwar hat Merkel in Sachen Aussetzung der Wehrpflicht und dem Atomausstieg fraglos überhastete Entscheidungen getroffen, über die nicht wenige Konservative sich bis heute verständlicherweise ärgern. Andererseits aber hat sie an einem einmal eingeschlagen Kurs stringent festgehalten, zugleich diesen aber wie in der Flüchtlingskrise mit restriktiveren Schritten sukzessive nachjustiert und verbessert. Undenkbar wäre es gewesen, dass sie wie Armin Laschet in Sachen Klimaschutz während der Flutkatastrophe binnen drei Tagen gleich zwei Mal ihre Ansicht ändert.

Akribie, Faktensicherheit und Uneitelkeit

Merkels Akribie und Faktensicherheit gehen mit ihrer fast schon legendären Uneitelkeit einher. In all diesen drei Punkten unterscheidet sie sich, so muss man inzwischen konstatieren, bemerkenswert stark von Annalena Baerbock, der grünen Kanzlerkandidatin. Merkel, die promovierte Physikerin, weiß, was sie kann und bauscht anders als Baerbock, die in ihrer Vita bis auf den ausländischen Masterabschluss an der London School of Economics wenig Beeindruckendes vorzuweisen hat, ihren eigenen Lebensweg nicht auf. Und anders als Baerbock, die jüngst ein in Teilen abgeschriebenes Buch vorlegte, um sich in Szene zu setzen, hat Merkel nicht einmal die Notwendigkeit gesehen, überhaupt ein Buch zu schreiben.

Gesten der Empathie sind Teil ihres Wesens

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Überdies zeigt Merkel seit ein paar Jahren vor allem in Pressekonferenzen durchaus auch einen feinen Humor, kann zudem selbstironisch sein. Zugleich aber ist ihr auch menschliches Mitgefühl nicht fremd. In der Corona-Krise konnte man bei ihren Auftritten sehen, dass sie nicht nur von einer abstrakten Sorge vor der Überlastung des Gesundheitssystems leiten ließ, sondern sich wirklich Sorge um das Leben und die Gesundheit ihrer Mitbürger machte. Auch persönliche Gesten der Empathie sind Teil ihres Wesens, wie man sehen konnte, als sie beim Besuch des von der Flutkatastrophe stark betroffenen Ahrtals die an Multipler Sklerose leidende rheinlandpfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer beim Gehen stützte.

Diese auch nach außen hin inzwischen so sichtbaren menschlichen Gesten könnte man möglicherweise bei einem Bundeskanzler Olaf Scholz vermissen. Auch wenn er inzwischen zugewandter auftritt als in jenen Jahren, als das Etikett "Scholzomat" an ihm klebte, müsste er, um in ganz Deutschland stärker gemocht zu werden, seine hanseatische Kühle und Schnoddrigkeit abmildern.

Wagner statt Schlager, Karat oder Maffay

 

Aus Sicht eines dem Feuilleton gewogenen Publikums dürfte zudem aufschlussreich sein, ob derjenige oder diejenige Neue im Kanzleramt es in puncto Kunst- und Kultur mit der passionierten Wagner-Anhängerin Angela Merkel aufnehmen können. Bei Laschet, der vor allem als Fan der Schlager der 70er bekannt ist, und Baerbock, die ganz besonders "Atemlos" von Helene Fischer und "Über sieben Brücken musst Du gehen" mag, ist insoweit wohl leider nicht allzu viel zu erwarten. Von Scholz ist in puncto Musikgeschmack hingegen bisher nichts bekannt, was auch nicht gerade ein gutes Zeichen ist.  

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