Des Rätsels Lösung

„Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst“ ist für jeden Kunst-Sherlock Holmes ein absolutes Muss. Von Natalie Nordio
Maria und das Einhorn, das im Mittelalter als Bild für Christus empfunden wurde
Foto: IN | Maria und das Einhorn, das im Mittelalter als Bild für Christus empfunden wurde; dargestellt vom Meister des Einhornaltars im Erfurter Mariendom.

Was soll denn das Einhorn mit Maria im Bild? Warum verschlingt der eigentlich doch gute Löwe am Kirchenportal sein wehrloses Opfer? Und was hat es mit dem merkwürdigen Vierergespann von Engel, Adler, einem nicht selten geflügelten Ochsen und Löwen nur auf sich, das häufig auf Gemälden und Fresken zu sehen ist?

Tiere, die Engel und Maria sind die Hauptthemen

Genau solchen Fragen gehen Heinrich und Margarethe Schmidt in ihrem Buch „Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst“ auf den Grund. Vor kurzem ist nun die zweite Paperback-Auflage des erstmals 1981 veröffentlichten Titels erschienen. Mehr als drei Jahrzehnte im Handel sprechen für sich und auch die neueste Version kann an diese Erfolgsgeschichte anknüpfen.

Drei Themen wurden aus dem weiten Feld der christlichen Ikonografie ausgewählt: die Tiere, die Engel und Maria. Etwa ein Drittel des rund dreihundert Seiten starken Buchs widmen die Autoren einem der Themenkreise. Natürlich mussten sie hierbei ökonomisch vorgehen, denn allein mit Büchern über Darstellungen von Tieren und ihrer Bedeutung in der christlichen Kunst ließen sich ganze Säle füllen – von den Büchern über die Darstellung von Engeln und der Gottesmutter in der Kunst mal ganz zu schweigen. So haben die Autoren Schwerpunkte gesetzt, diese gut gegliedert, ausgearbeitet und anhand einschlägiger Beispiele erklärt und illustriert. Rund neunzig Schwarz-weiß-Abbildungen sind dem Buch zum besseren Verständnis beigefügt und im informativen Register mit Glossar finden auch diejenigen, die es eilig haben, schnell die passende Antwort auf zunächst kurios erscheinende Bilder-Fragen. Viele der Motive werden vorab aus chronologischer Sicht vorgestellt und ihr Gebrauch im Laufe der Zeit kurz angerissen. Dabei werfen die Autoren selbst immer wieder Fragen auf, die vielleicht auch bereits dem Leser in den Sinn kamen und beantworten diese einleuchtend. Seite für Seite vertieft sich durch immer wieder neue Information die Kenntnis über das vorgestellte Motiv. Während man den Löwen, das Symbol des Evangelisten Markus, mit Stärke und Mut verbindet und ihn demnach positiv bewerten würde, hat der König der Tiere in der Kunst auch einen negativen Aspekt. So wurde er immer wieder als Symbol für den Todesrachen oder gar für den Teufel höchst persönlich gebraucht – darum also sieht man ihn an manchem Kirchenportal also als blutrünstiges Raubtier, sein wehrloses Opfer in den Fängen. Obwohl es in dem Buch streng genommen um die christliche Kunst geht, mischen sich natürlich immer wieder andere Kulturen in die Analyse der einzelnen Motive. Wie im Falle des Stiers, dessen kultische Darstellung in das vierte vorchristliche Jahrhundert zurückreicht und die ersten Christen in diesen Wurzeln sicherlich Inspiration fanden. Noch deutlicher wird die kulturelle Vermischung im Kapitel über die Engel. Denn „engelsartige Wesen zwischen Göttern und Menschen kennen die Mythen aller Kulturkreise des Altertums“.

Das gewohnt handliche und leichte Format passt in jeden Rucksack oder in die Handtasche und lädt so nicht nur zur heimischen Lektüre ein. Vielmehr ist das Buch ein prima Reisebegleiter auf dem nächsten Kultur-Trip. Denn mit diesem kleinen Helfer in der Tasche wird jeder beim Besuch einer Kirche oder im Museum zum Hobby-Sherlock Holmes der christlichen Malerei, der den verschlüsselten Motiven und Symbolen in Bildern und Gemälden auf der Spur ist, um so viel tiefer in die dargestellte magische Welt einzutauchen.

Heinrich und Margarethe Schmidt: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. Ein Führer zum Verständnis der Tier-, Engel- und Mariensymbolik.
C.H. Beck Paperback, 336 Seiten, ISBN: 9-78340654-768-3, EUR 16,95,–

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