Feuilleto

Der wandelbare Herr Cézanne

Ein Besuch in der Ausstellung „Cézanne. Metamorphosen“ in Karlsruhe zeigt, dass der Maler seine Bilder immer wieder neu überdachte. Von Regina Rakow
„Die Fischer“ von Cézanne (um 1875)
Foto: Museum | Eines der ungewöhnlichsten Bilder der Ausstellung: Das Bild „Die Fischer“ von Cézanne (um 1875) mit spazieren gehenden Paaren am Ufer eines Flusses weicht von den anderen werken des Malers ab.

Ein verschmitzt lächelnder Paul Cézanne scheint am Beginn der Ausstellung die erwartungsvollen Besucher zu begrüßen, einladend hält er einen Stuhl in der Hand. Die historische Schwarz-Weiß-Aufnahme entstand 1906 wenige Monate vor dem Tod des Künstlers vor der Tür seines hinter ihm liegenden Ateliers auf dem Hügel Les Lauves in Aix-en-Provence. Nicht alle Gäste wurden dort so freundlich empfangen wie an diesem Tag das Sammlerehepaar Karl Ernst und Gertrud Osthaus, das sich von Cézanne weitere Anregungen für das von ihnen gerade erst eröffnete Folkwang-Museum in Hagen erhoffte. Cézanne galt nicht nur unter seinen Freunden und Malkollegen, sondern auch bei Kunsthändlern und Sammlern als reizbar, wortkarg und eigenbrötlerisch. Für gewöhnlich lebte und malte er fernab von Paris in der Provence.

„Metamorphosen“ ist der Titel der großen Landesausstellung von Baden-Württemberg, die rund 100 Leihgaben aus internationalen Sammlungen in Karlsruhe vereinigt. Das aus amerikanischem Privatbesitz stammende großformatige Aquarell „Jacke auf einem Stuhl“ (1890/92), das den opulenten Bilderreigen der Ausstellung eröffnet, steht stellvertretend für die Intension der Ausstellungsmacher, einen neuen Blick auf das facettenreiche Werk von Cézanne zu werfen. Einem Gebirge gleich türmt sich die achtlos auf den Stuhl geworfene Jacke auf und weicht damit die Grenzen zwischen den Genres Stillleben und Landschaft auf. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist das Porträt seiner Frau Hortense (1888/90), für dessen Fertigstellung er zwei Jahre benötigte. Aufgrund seiner langsamen Arbeitsweise wollte sich kaum jemand von ihm porträtieren lassen. Seine Frau, die er 1869 in Paris kennengelernt hatte, ertrug dagegen immer wieder geduldig die endlos langen Sitzungen. Da Cézanne finanzielle Einbußen befürchtete, verheimlichte er jahrelang die Beziehung gegenüber seinem Vater. Auf einem gelben Lehnstuhl mit Brokatmuster sitzend blickt Madame Cézanne emotionslos, fast maskenhaft starr am Betrachter vorbei. Nicht ein bestimmter Gesichtsausdruck oder eine Körperbewegung standen für den Künstler im Vordergrund, sondern vor allem die Bildkomposition. Um die Ecke hängt die rund zehn Jahre später entstandene „Totenkopfpyramide“ (1889/1900), die individueller und lebendiger im Ausdruck ist als das stilisierte Bild seiner Frau. Eine berühmte Anekdote erzählt, dass sich der Kunsthändler Ambroise Vollard bei einer Porträtsitzung dauernd bewegte und Cézanne aufgebracht schimpfte: „Beweg' Dich nicht! Ein Apfel bewegt sich doch auch nicht!“ In vielen Bildern der Ausstellung wird deutlich, dass Cézanne seine Figuren eher wie Gegenstände sah, die er nüchtern und sachlich wiedergab, während die eigentlichen Objekte in seinen Stillleben oft ein Eigenleben entwickelten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Ausstellung beschäftigt sich mit den zahlreichen wiederkehrenden Motiven im Werk von Cézannes, die er einerseits durch intensive Betrachtung der Natur, andererseits durch die Auseinandersetzung mit der Kunst der Alten Meister entwickelte. Stellvertretend sei hier die Kriegsgöttin Bellona genannt, die er bei Rubens entlehnte und mehrfach in andere, teilweise eigenwillige Zusammenhänge stellte. Dies beeinflusst natürlich auch die Ausstellungschoreografie, die weder chronologisch noch nach Bildgattungen durch die Räume leitet. Die Ausstellungsgliederung „Kombinieren“, „Verwandeln“, „Übersetzen“, „Verlebendigen“, „Auflösen“, „Umkreisen“ und „Verfestigen“ soll, so der akademisch geprägte Ansatz der Kunsthalle, das prozesshafte Arbeiten von Cézanne widerspiegeln. Dem Besucher verlangt dies eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den ausgestellten Werken ab, wobei der sich jedoch immer wieder einstellende Aha-Effekt das Betrachten zum Vergnügen werden lässt.

Eines der erstaunlichsten Bilder der Ausstellung ist das um 1875 entstandene Gemälde „Die Fischer (Fantastische Szene)“, das aus dem Metropolitan Museum of Art in New York ausgeliehen wurde. 1908 war es zunächst für die Berliner Nationalgalerie angekauft worden, wo es auf Geheiß von Kaiser Wilhelm II. zurückgewiesen wurde und später in den Besitz des Malers Max Liebermann gelangte. Dessen Urteil – „Das Bild ist vielleicht zu sehr Dekoration und etwas zu wenig Natur, fast venezianisch“ – verweist darauf, wie sehr sich dieses vermeintlich heitere Stelldichein von spazieren gehenden Paaren am Ufer eines Flusses thematisch von anderen Werken Cézannes unterscheidet. Doch auch hier ist die Komposition in ein stabil gebautes System übertragen, die momenthafte Leichtigkeit der Impressionisten einer Verfestigung von Natur und Figuren gewichen.

In seinem Atelier in Aix-en-Provence verwahrte Cézanne zwei kleine Gipsabgüsse von Skulpturen, die ihm als Anschauungsobjekt dienten. Es handelt sich zum einen um die Figur des Écorché, eines gehäuteten knieenden Mannes, die noch im 19. Jahrhundert als Werk des Renaissancekünstlers Michelangelo galt und zum anderen um einen kleinen Putto, der von ihm auch in verschiedene Stillleben eingefügt wurde. Über Jahrzehnte hinweg fertigte er von beiden immer wieder Zeichnungen oder Aquarelle aus unterschiedlichen Blickwinkeln an. Es ist ein Verdienst der Kunsthalle Karlsruhe, eine Auswahl dieser beeindruckenden Werke zu präsentieren, denen erstmals Zeichnungen seines Zeitgenossen Vincent van Gogh gegenübergestellt sind, der sich ebenfalls mit dem muskulösen Körper des Écorché auseinandersetzte.

Im Oktober 1907 besuchte der Dichter Rainer Maria Rilke den alljährlichen Herbstsalon in Paris. Zwei Räume der Ausstellung waren Cézanne gewidmet, der ein Jahr zuvor gestorben war. In einem der zahlreichen Briefe an seine Frau Clara berichtet Rilke tief beeindruckt von seinen Eindrücken und schreibt: „Ein Zufall von Farbe… eine Reihe von Flecken, wunderbar angeordnet und von einer Sicherheit im Anschlag als spiegelte sich eine Melodie“. Gerade bei seinen Aquarellen, die die Kunsthalle Karlsruhe themenübergreifend im zentralen Raum der Ausstellung wunderbar fließend angeordnet hat, zeigt sich noch einmal, wie sehr Cézanne seine Bilder komponiert und ihn die wiederholte Beschäftigung mit bestimmten Motiven immer wieder neue Möglichkeiten der Darstellung entwickeln ließ, in der die Beziehung von Linie und Farbe beherrschendes Bildelement ist. So fehlen weder die Ansichten der von ihm so sehr geliebten Montagne Sainte-Victoire noch die bizarren Felsformationen beim Fischerdorf L'Estaque oder die beeindruckenden Waldlandschaften und Baumstudien. Zu den sicherlich schönsten Werken der Ausstellung gehört ein fein mit Bleistift gezeichnetes privates und zärtliches Porträt seiner Frau Hortense, dass er mit einer aquarellierten Hortensienblüte kombinierte.

„Cézanne. Metamorphosen“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe bis 11. Februar 2018. Der umfangreiche, gut bebilderte Katalog ist im Museum für 35 Euro erhältlich.

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