Feuilleton

Der Töpfer des Herrn

100 Jahre Bauhaus: Theodor Bogler, einst Gestalter an der Architekturschule, dann Priester in Maria Laach. Von Michael Gregory
Theodor Bogler - Keramikarbeit Teller mit Bildmotiv Kloster Maria Laach
Foto: Kloster | Das Bildmotiv des Tellers ist unverkennbar das Kloster Maria Laach. Eine der Keramikarbeiten des früheren Bauhauskünstlers Theodor Bogler.

Kreativität und Progressivität – für viele sind es Domänen der Linken. Ein flüchtiger Blick auf die Geschichte des Bauhauses, dessen 100-jähriges Bestehen im kommenden Jahr mit großem Aufwand begangen wird, scheint dies zu bestätigen: Hannes Meyer, Nachfolger von Gründungsdirektor Walter Gropius, zog es nach seinen Dessauer Jahren in die Sowjetunion, um sich dort an der Konstruktion sozialistischer Planstädte zu beteiligen. Ebenso Mart Stam, der Erfinder des Freischwingers. Zwar kehrte er nach ein paar Jahren recht desillusioniert in seine niederländische Heimat zurück, weil vom Kreml doch eher palastartige Monumentalbauten mit reich verzierten Fassaden gefordert hatte und Ausländer zunehmend diskriminiert wurden, doch Stams Herz tickte weiter links. Überhaupt setzten die westlichen Bauhaus-Architekten im Sowjetstaat nur wenige Projekte um. Eine Geschichte zerplatzter Träume. Immerhin errichtete die „Brigade“ um Ernst May 50 einfache Zeilenbauten – im Rahmen des gigantischen Stadtbauprojekts Magnitogorsk im Süd-Ural.

Wer aber genauer hinschaut, entdeckt unter den großen Gestaltern am Bauhaus auch ganz andere Typen. Eine faszinierende Ausnahme vom eher linken Mainstream war der Töpfer und spätere Ordensmann Theodor Bogler. Zwar ist er heute weit weniger bekannt als seine Kollegen Gropius, Breuer oder Mies van der Rohe, doch Schönheit und Strahlkraft seiner Formen stehen ihren Arbeiten in Nichts nach.

Theodor Bogler war Offizier im Ersten Weltkrieg, sein Wesen hatte nach Aussage seiner benediktinischen Mitbrüder eine deutlich soldatische Prägung. Von 1919 bis 1920 studierte Bogler am Staatlichen Bauhaus in Weimar, absolvierte den Vorkurs bei Johannes Itten und erhielt Unterricht bei Lyonel Feininger. Das Sommersemester 1920 nutzte er für ein Studium der Architektur- und Kunstgeschichte in München. Danach setzte er das Studium am Bauhaus Weimar fort. Unter Gerhard Marcks und Max Krehan erlernte Bogler das Töpferhandwerk in Dornburg und absolvierte seine Gesellenprüfung. 1922 heiratete er die Witwe eines Hauptmannes, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. 1923 dann der erste große Wurf: Auf Betreiben von Walter Gropius gestaltete Bogler keramische Küchengefäße für das „Haus am Horn“, einem Prototyp des Bungalows mit damals avantgardistischem Interieur wie einer Einbauküche. Boglers Behälter gehören zu seinen bekanntesten Arbeiten, die noch heute erhältlich sind.

1924 wurde der Formgeber kaufmännischer Leiter der Töpferwerkstatt in Dornburg und ab 1925 leitete er die Modell- und Formwerkstatt der Steingutfabriken Velten-Vordamm bei Berlin. Doch der berufliche Aufstieg wurde von einem schweren Schicksalsschlag durchkreuzt. Seine Frau Theodora erlitt eine schwere seelische Erkrankung, in deren Folge sie sich 1925 das Leben nahm. Ihr Todestag war Boglers Geburtstag, der in jenem Jahr auf den Karfreitag fiel – eine traumatische Erfahrung.

Kriegsteilnahme, künstlerisches Erwachen und persönliche Verlusterlebnisse bewirkten im Protestanten Bogler einen radikalen Wandel, der in der Konversion in die katholische Kirche 1927 mündete. Auf den Rat Romano Guardinis trat Bogler in die Benediktinerabtei Maria Laach ein. „Dort brachte er seine Bauhauserfahrungen ein und ergänzte seine Entwürfe um christliche Motive, die zum Teil aus der Laacher Abteikirche stammen“, berichtet der Feuilletonist Thomas Kliemann.

In dem Buch „Soldat und Mönch“, das 1937 erschien, stellte Bogler seinen bewegten Lebensweg dar – und es sollte bewegt weitergehen. Während des Zweiten Weltkrieges stand er Abt lIdefons Herwegen als Prior der Abtei zur Seite. Nach dem Krieg diente er den Benediktinerinnen von Herstelle als Spiritual und baute ab 1951 den Kunstverlag Ars Liturgica in Maria Laach neu auf. In der Führung des Kunstverlags und der Kunstwerkstätten hatte Bogler eine glückliche Hand. Im nahe gelegenen Höhr-Grenzhausen fand Pater Theodor qualitätvolle keramische Handwerksbetriebe. Mit seinen Entwürfen knüpfte er an die jeweiligen individuellen Fertigungstechniken der Werkstätten an, die ab 1951 für die Ars Liturgica produzierten.

In einem Resümee schrieb Theodor Bogler: „Die Kunst ist das große Geschenk meines Lebens … Mir hat die Muse der Kunst irgendwie Pate gestanden. Sie spendete ihr Geschenk nicht im Überfluss, nicht in reicher, hoher Begabung. Sie gab, aber sie lieh sparsam.“

Trotz seines Talents hob Bogler nie ab. Im Gegenteil: Als Ordensmann ordnete er sich immer mehr ein und unter, während seine Persönlichkeit zur vollen Entfaltung kam. So wurde er zu einem Vorbild christlichen Lebens. Es überrascht deshalb nicht, dass Maria Laach seinem großen Künstler-Pater eine große (und sehr erfolgreiche) Ausstellung widmete. „Was Bogler am Bauhaus als neue Einheit von Kunst und Handwerk noch revolutionär neu empfunden haben mochte, dürfte ihm nun angesichts von Benedikts ora et labora – der Forderung an alle Brüder, mit Kopf und Hand zu arbeiten – nur noch wie das ferne Echo eines alten Rufes erschienen sein“, schreibt der Autor Werner Friedrich im Katalog. Askese und Ordnung seien Bogler auch von seiner Biografie her geläufig gewesen – eben als Soldat und Handwerker.

Die perfekte Umsetzung eines ganzheitlichen Lebensideals fand Bogler aber hinter Klostermauern: als Auftrag, den Schöpfer schlechthin durch eigenes schöpferisches Wirken zu verherrlichen – anders als jene, die meinen, das Paradies auf Erden schaffen zu können.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Beim offiziellen Programm zum Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 fehlen kritische Stimmen von Gerhild Heyder
07.08.2019, 16  Uhr
In China gibt es neben starken planwirtschaftlichen Elementen, auch privatwirtschaftliche Firmen, private Eigentumsrechte und Wettbewerb.
27.09.2022, 11  Uhr
Elmar Nass
Themen & Autoren
Entdecker und Erfinder im Bereich Wissenschaft und Technik Johannes Itten Ludwig Mies van der Rohe Lyonel Feininger Russische Regierung Sozialismus Walter Gropius

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Kirchenlehrer Franz von Sales (1567–1622) war Bischof von Genf und reformierte die Kirche, indem er die Menschen zum Gebet hinführte und geistliche Schriften verfasste.
01.10.2022, 19 Uhr
Uwe Michael Lang C.O.
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung