Wissensmängel

Der Schleier der Unfähigkeit bedroht die Gesellschaft

In Zeiten der Sozialen Medien kann jede zu allem etwas sagen. Ob das fundiert ist? Tendenziell scheint zu gelten: Je unsachlicher und inkompetenter eine Meinung ist, desto medienwirksamer wird sie.
Symbolbild - Facebook
Foto: dpa | Ohne soziale Netzwerke geht heute gar nichts. Das geistige Niveau heben Facebook & Co. aber nicht unbedingt.

Warum läuft so Vieles in so vielen Bereichen schief? Nicht wenige Schulen buhlen mit maroden Flüchtlingsunterkünften um den Titel „Ruine des Jahres“. Nicht gerade weniger Verwaltungen und Behörden predigen mit Windows 95, Faxgerät und Baumumarmungen Jean-Jacques Rousseaus „Zurück zur Natur“. Und warum, in Gottes Namen, befindet sich Deutschland diesen Winter wieder in einer Endlosschleife von „Und täglich grüßt das Coronavirus“ und hängt an Putins Tropf? Fragen über Fragen über Fragen. Und alle lassen, nach reichlichen Überlegungen, nur einen Schluss zu: Ein Nebelschleier der Unfähigkeit umhüllt das einstige Land der Dichter und Denker. Kaum sichtbar, dafür umso fühlbarer im Leben seiner Bürger. Marode Schulen, digitales Steinzeitalter und keine richtig koordinierte Impfkampagne.

Man kann es wenden und drehen, wie man will. Unfähigkeit lautet das Übel unserer Zeit. Von ihr geht die größte Gefahr aus. Dieses Syndrom, man könnte auch systematisch kultivierte Unfähigkeit sagen, versteckt sich hinter den ganzen Bachelors und Masters, Doktoren und Professoren, die politisch auf Linie sind. Daneben camouflieren rhetorische Gewandtheit und likes die Unfähigkeit. Man muss nichts wissen und nichts können, um sich in Szene zu setzen und die breite Masse hinter sich zu bringen. Nicht die Qualität eines Werkes zählt, sondern die öffentliche Blase. Dort fragt man sich: Ist mir die Person sympathisch? Was sagt mein Idol, irgendein Influencer? So schnell findet man seine Meinung.

„Wir wissen auch, eine Welt der Unfähigen kann zugleich eine Welt der Tyrannei sein.
Möchten wir in so einer Welt leben?“

Lesen Sie auch:

Die gesellschaftliche Feedback-Kultur verlangt es auch. So bewerten Schüler und Studenten die Lehrqualität ihrer Lehrer auf Evaluationsbögen. Schauspieler und Musiker äußern sich bei Maischberger, Will und Illner zu Klimawandel, Gendersprache und Impflicht. Und Reporter fragen auf den Flaniermeilen Kevin-Beowoulfe oder Jacqueline-Annalena, ob sie für oder gegen einen weiteren Lockdown seien. Die Experten unseres Landes. Sie müssen zu jedem Thema und ungefragt ihren Senf dazu geben. Die Massenmedien unterstützen eifrig diese Verbreitung der Unfähigkeit, indem sie jede noch so unqualifizierte Aussage medial aufgreifen. Zuweilen macht es den Eindruck, je unsachlicher und inkompetenter eine Meinung ist, desto medienwirksamer wird sie. Die Medien fahren schon seit Langem gemeinsam im selben Zug. Und alle sind engagiert dabei. Sie zwitschern und posaunen in der Twitter-Gemeinde ungeniert alles, was ihnen in den Sinn kommt. Die anderen „Zwitscherer“ sind der soziale Treibstoff, der sie antreibt. So fühlt man sich zumindest nicht einsam. Ihr Motto: „Netzwerken statt Denkwerken“. Oder wie es der Soziologe Theodor Geiger formulierte: „Wer nicht die intellektuelle Eigenschwere hat, um seinen Tagen Inhalt zu geben, flieht aus der Stille seiner Stube ins Menschengewühl.“ Im obigen Falle ist es das virtuelle „Menschengewühl“.

So verwundert es nicht, dass ein Nutzer dem anderen Nutzer folgt, wie das Schaf der Schafherde. Kopflos, gedankenlos, manchmal sinnlos. So hecheln sie auch jedem neuen Modetrend hinterher. Die noch Engagierteren unter ihnen laufen bestimmten politisch-gesellschaftlichen Überzeugungen hinterher. Mit weißen Sneaker plus Regenbogenflagge plus Glottislaut zertrampelt die „bunte“ Truppe Universitäten und Redaktionen. „Personen von Genie sind ex vi termini individueller als andere Leute, folglich weniger fähig, sich ohne schmerzhaften Zwang in eine der wenig zahlreichen Formen hineinzupassen, die die Gesellschaft bereithält, um ihrem Mitgliedern die Mühe zu ersparen, sich selbst einen Charakter zu formen“, so der britische Philosoph John Stuart Mill. Aus diesem Regenbogen-Kollektiv sticht nichts hervor. Für Unangepasste, Exzentriker, Eigenbrötler gibt es dort keinen Platz. Herausragende, fähige Persönlichkeiten wie Elon Musk oder Bill Gates sucht man vergeblich in Deutschland. Stattdessen beklatscht die politisch-mediale Elite Politiker, die ihren Lebenslauf fälschen, Verzeihung, aufhübschen. „Gleich und gleich gesellt sich gern“, wie es im Volksmund so schön heißt.

Die eigene Meinung muss der Weisheit letzter Schluss sein

Lesen Sie auch:

Was sagt das bloß über diese Elite aus? Dass sie zum Beispiel ungern ihren eigenen Blickwinkel verlässt. Man kann das auch Egozentrismus nennen. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget spricht von einer kindlich-kognitiven Geisteshaltung, die der festen Überzeugung ist, dass die eigene Sicht die objektive Weltsicht sei. Man ist nur fähig sich selbst zu erkennen. Hier fallen Ich und die Welt zusammen. Das wiederum bedeutet: Ich bin die Welt. Die Welt ist Ich. Eben diese Verkindlichung im Denken untermauern Beobachtungen wie die „infantile Gesellschaft“ von Alexander Kissler oder das „Peter-Pan-Syndrom“ von Dan Kiley. Letzterer spricht sogar von Männern, „die nie erwachsen werden“. Sie sind es, die Lehrstühle besetzen, Verlage leiten oder Ministerposten besetzen.

In diesem Reifestadium kann keine Rede von Selbstreflexion sein. Wer nicht in der Lage ist seine eigene Perspektive zu verlassen, kann auf einer Metaebene nicht über diese nachdenken, und diese folglich überdenken. Psychoanalytisch äußert sich das in sogenannten Projektionen. Unfähig, die eigenen emotionalen Zustände zu reflektieren, schiebt man Ärger, Freude und andere Emotionen seinem Gegenüber unter. Im Klartext bedeutet das auch, dass sich Unfähige nicht in die Perspektive anderer Menschen hineinversetzen können. Es mangelt ihnen schlichtweg an Empathie, oder um einen Begriff des Philosophen Theodor Litt zu benutzen, es fehlt ihnen an einer „Reziprozität der Perspektive“. Deswegen verharren sie notgedrungen in ihrer eigenen digitalen und analogen Blase. Sie sind Gefangene ihrer selbst. Natürlich beeinflusst das ihr Denken. Weder Zusammenhänge noch die Gesamtheit können sie aus ihrem kleinen Blickwinkel erkennen. Stattdessen können sie nur die (logischen) Ketten innerhalb ihres begrenzten Denkapparats verfolgen. Doch sie sind es, die in diesem Land wichtige Funktionen besetzen.

Fantasie, selbstgebastelte Wahrheit schlägt Realität

Infolgedessen übt das Fiktionale eine weit größere Faszination als die Wirklichkeit auf sie aus. Weil ihre Welt zugleich die objektive Welt ist, können sie sich hingebungsvoll ihren Fantasien hingeben. Die einen flüchten sich in die Welt der Verschwörungstheorien. Die anderen halten fanatisch an Simulationen, Prognosen und Wahrscheinlichkeiten fest. So verbreiten die Unfähigen ihren Teppich der Unwissenheit aus und meinen über allem und jeden zu stehen. Von ihrem fliegenden Teppich schauen sie auf die anderen herab und möchten ihnen ihre eigenen Werte und Vorstellungen aufzwingen. Für anderes als den eigenen Willen ist kein Platz. John Stuart Mill sprach in diesem Zusammenhang vom „sozialen Recht“, das eingefordert werde.

Wie weit muss es also noch kommen bis die liberalen und demokratischen Alarmglocken läuten? Die Zeichen sind eindeutig und nicht misszuverstehen: Die Unfähigkeit hat Deutschland fest im Griff. Doch wir wissen auch, eine Welt der Unfähigen kann zugleich eine Welt der Tyrannei sein. Möchten wir in so einer Welt leben?

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Warum in den ukrainischen Brandherd nicht weiter Öl gegossen werden darf – Ein Debattenbeitrag.
14.04.2022, 19  Uhr
Werner Thiede
Themen & Autoren
Deborah Ryszka Bill Gates Elon Musk Flüchtlinge Jean Piaget Jean-Jacques Rousseau John Stuart Mill Theodor Geiger Theodor Litt Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Der Kampf der Systeme und ein Etappensieg für den Schutz des ungeborenen Lebens: Chefredakteur Guido Horst stellt im Video einige Themen der neuen Ausgabe der "Tagespost" vor.
29.06.2022, 17 Uhr
In seinem jüngsten Apostolischen Schreiben bekräftigt Franziskus, dass es nur eine Form gibt, den römischen Ritus zu feiern.
29.06.2022, 12 Uhr
Guido Horst
Es sei eine Häresie, dass der Patriarch aus pseudo-religiösen Gründen den brutalen Krieg in der Ukraine legitimiert, sagt Kurienkardinal Kurt Koch im "Tagespost"-Interview.
29.06.2022, 17 Uhr
Stephan Baier
Dass Kyrill aus pseudo-religiösen Gründen den Krieg in der Ukraine legitimiert, sei eine Häresie, sagt Kardinal Kurt Koch im „Tagespost“-Exklusivinterview.
29.06.2022, 08 Uhr
Vorabmeldung
Die Pandemie ist nicht der Grund für den Schwund. Mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit der Neuevangelisierung lassen den Trend ungebremst fortschreiten. 
28.06.2022, 11 Uhr
Peter Winnemöller