Der „Prothesengott“ fährt nach Olympia

Wie ein wenig beachtetes Detail des Koalitionsvertrags den Transhumanismus begünstigt. Von Tobias Klein
E-Sportevent ESL One Hamburg
Foto: dpa | Sportlich, sportlich? Diese zwei jungen Herren betreiben „E-Sport“.

Der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD sieht vor, „E-Sport“ – mit anderen Worten: Computerspiel-Wettkämpfe – als Sport anzuerkennen. Was auf den ersten Blick allenfalls skurril anmuten mag, vollzieht tatsächlich lediglich nach, was in einigen anderen Ländern der Welt – so den USA, Frankreich, China und Brasilien – bereits Realität ist. Auch in Deutschland betreiben schon jetzt einige große Sportvereine eine eigene „E-Sport“-Sparte.

Wie weit die praktischen Auswirkungen der offiziellen Anerkennung von „E-Sport“ reichen werden – ob Computerspielclubs sich künftig als Sportvereine deklarieren, sich als gemeinnützig anerkennen lassen und staatliche Fördermittel erhalten können, ob Computerspiele gar zur Wahlmöglichkeit im Schulsport avancieren werden – bleibt abzuwarten; die philosophischen Implikationen dieser Entscheidung mögen indes erheblich weiter reichen, als es den Anschein hat. Man kann wohl mit einiger Berechtigung behaupten, dass wir kulturell in einer Ära des „Postmaterialismus“ leben: Nachdem der Materialismus versucht hat, dem Menschen die Seele zu amputieren, ist es heute zunehmend der Körper, der zur Disposition steht. Schließlich ist es der Körper, der den Menschen materiell in Raum und Zeit verankert, ihn damit den Gesetzen der Physik unterwirft und so das, was der (post-)moderne Mensch sich unter Freiheit und Autonomie vorstellt, einschränkt. Der technologische Fortschritt hingegen tendiert dazu, den Menschen zu entgrenzen.

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan beschrieb in „Die magischen Kanäle“ (1964) die technischen Hilfsmittel, die der Mensch sich schafft, als „Erweiterungen“ des menschlichen Körpers und seiner Fähigkeiten; und schon 1930 schrieb Sigmund Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“, der wissenschaftlich-technische Fortschritt mache den modernen Menschen zum „Prothesengott“. Seither hat die Computertechnologie zweifellos erheblich mehr zur Entgrenzung des Menschen beigetragen als alle früheren technischen Innovationen: Indem sie es dem Menschen ermöglicht, „virtuelle Realitäten“ zu erschaffen, konditioniert sie auch seine Wahrnehmung der eigentlichen Realität fundamental neu.

Die Vorstellung, der Körper sei kein integraler Bestandteil der Persönlichkeit, sondern lediglich Material, das im Interesse der Autonomie des Individuums beliebig manipulierbar sein müsse, schlägt sich in der weitgehenden Normalisierung von Empfängnisverhütung und künstlicher Befruchtung ebenso nieder wie in der wachsenden Akzeptanz von „Post“- oder „Transgender“-Konzepten.

Dass auch „E-Sport“ in eine Reihe mit diesen Phänomenen gehört, mag nicht unmittelbar ersichtlich erscheinen; aber im Grunde geht es auch hier, ebenso wie bei der Propagierung von „Transgender-Rechten“, darum, die Beschränkungen eines vermeintlich „falschen Körpers“ abzuschütteln – in diesem Fall die eines Körpers, der nicht zu sportlichen Spitzenleistungen fähig ist. Auf die Gefahr hin, alarmistisch zu wirken, mag man sich an die Voraussage des US-amerikanischen Kulturkritikers Wendell Berry erinnert fühlen, „die nächste große Spaltung der Welt“ werde „zwischen Menschen, die als Geschöpfe leben wollen, und Menschen, die als Maschinen leben wollen, verlaufen“.

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