Der Polarisierer

Henryk M. Broder kann man nicht mögen. Man liebt ihn oder man hasst ihn. Von Peter Winnemöller
Henryk M. Broder möchte Nachfolger von Zentralratspräsidentin werden
Foto: dpa | Der Schriftsteller und Journalist Henryk M. Broder in seiner Wohnung in Berlin hinter einer israelischen Fahne.

Das klare Wort geht Henryk Modest Broder über alles. Dafür scheut er keine Auseinandersetzung. Er polarisiert. Seine Sprache ist gut gewürzt. Die Gedanken sind immer kristallklar. Man liebt ihn oder man hasst ihn, dazwischen ist nichts. Die Schärfe seiner Worte hat Alice Schwarzer ebenso getroffen, wie Jakob Augstein und viele andere. Für Claudia Roth fand er die Beschreibung „Ein Doppelzentner fleischgewordene Dummheit, nah am Wasser gebaut und voller Mitgefühl mit sich selbst“, weil sie die Ereignisse der Silvesternacht 2015 in Köln in gefährlicher Weise verharmloste. Das saß. Wo Broder die Feder schwingt, wünscht manch Betroffener, er hätte das Schwert genommen, denn das wäre weniger schmerzhaft.

Gestartet ist der Publizist als Linker. Das machen Publizisten so. Irgendwann allerdings wuchs bei ihm die Einsicht in die Existenz des Antisemitismus der Linken. Dem Grunde nach gilt das unumstößliche Gesetz, der Rechte ist der Antisemit und der Linke liebt den Juden. Dieser geniale Propagandatrick linker Kräfte hat Generationen intellektuell betäubt. Bei Broder wuchs die Distanz zur Linken als die Illusion an seiner klaren Beobachtungsgabe zerstob. Es war die Entdeckung des Antisemitismus unter der Maske des linken Antizionismus. Die Berichterstattung über die Operation Entebbe in deutschen Medien bezeichnete er selber später als Zeitpunkt des endgültigen Bruchs mit der Linken.

Inzwischen gilt er vielen als Rechtskonservativer. Eine solche Zuordnung ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Polemik gegen den Polemiker. Es stört ihn nicht. Es wäre ihm zu lästig, sich stören zu lassen. Damit zu kokettieren macht ihm, wie an seinen Texten erkennbar wird, sehr viel mehr Vergnügen.

Geboren wurde Henry M. Broder am 20. August 1946 in Katovice in Polen. Seine Eltern waren jüdische Handwerker. Vater und Mutter waren Überlebende des Holocaust. Broder verließ mit seinen Eltern 1957 Polen und kam 1958 nach Deutschland. Hier folgten Abitur und Studium. Broder selbst legt Wert auf die Feststellung, dass dem Abitur mit 20 der Führerschein mit 18 vorausging. Das ist eine nachvollziehbare Entscheidung. Broder beendete sein Studium ohne Abschluss. Stattdessen folgten erste journalistische Tätigkeiten in Hamburg.

Unter anderem schrieb der Nachwuchsjournalist für die St. Pauli Nachrichten. Es folgten zahlreiche Stationen, darunter konkret und pardon. Ebenfalls zwei linke Projekte. Später veröffentlichte er in der Frankfurter Rundschau, der taz und der Zeit.

Der Schock von 1976 saß tief. Im Jahr 1981 verließ Broder Deutschland für zehn Jahre, weil er sich, wie er später sagte, nicht mehr mit linken Antisemiten auseinandersetzen wollte. Er ging nach Israel und arbeitete für die Jerusalem Post und andere Zeitungen. Ab 1995 schrieb er für den Spiegel und für Spiegel Online. Heute schreibt er vor allem für die Welt-Gruppe. Im Jahr 2004 gründete Broder gemeinsam mit Dirk Maxreiner und Michael Miersch das Blog „Achse des Guten“. Dahinter steckte die Erkenntnis, dass ein Blog Unabhängigkeit verleiht. „Wir leisten uns eine eigene Meinung“, so lautet eine Selbstzuschreibung in der „Achse“. Auslöser für die Gründung war die Einsicht, dass die Medienlandschaft Deutschland in Folge der Ereignisse am 9.11.2001 in eine Meinungsmonokultur abzudriften drohte. Über drei Jahre hinweg wuchs diese Erkenntnis, die daraufhin in einen der meistgelesenen Autorenblogs in Deutschland mündete.

Über die Jahre blieb der Publizist ein streitbarer Geist. Jakob Augstein nannte er einen „lupenreinen Antisemiten“. Er selber sieht sich ebenfalls immer wieder Angriffen ausgesetzt. Die taz stellte einmal fest, Broders Medienkritik treffe alles, was nicht rechtskonservativer Gesinnungsjournalismus sei. Sie erhob den Vorwurf, er schramme gerade am Narrativ der „Lügenpresse“ vorbei. Das ficht ihn nicht an.

Die „eigene Truppe“, die Juden, sind vor seiner scharfen Feder ebenfalls nicht sicher. Ziel- und stilsicher prangert Broder immer wieder auch jüdischen Antisemitismus an. Dabei handelte er sich schon mal eine Unterlassungsklage ein, als er einen jüdischen Verleger und einen jüdischen Autor als Antisemiten bezeichnete. Der Prozess ging über mehrere Instanzen und Broder bekam Recht.

Das Paradoxon erklärt er mit einer massiven Distanzierung vor allem intellektueller Juden vom Judentum. Karl Marx stellt für Broder so einen Prototyp des jüdischen Antisemiten dar. Solcherart jüdischer Selbsthass treibt den Journalisten immer wieder um. Es ist ein eigenartiges Phänomen, welches befremdet. Broder bleibt auch hier am Ball.

Man darf Henryk M. Broder getrost als einen der führenden Publizisten in Deutschland ansehen. Klar, deutlich und ohne Schnörkel und mit hinreichend Polemik garniert schreibt er, was er denkt. Seine Zeitkritik ist oft genug ein Dorn im Fleisch der politischen Akteure und der monokulturellen Meinungsmehrheit. Seine klare Kritik verlangt dem Leser einiges ab. Zu leicht ergibt man sich dem allzu einsichtigen Mainstream der Meinungsmacher. Da ist Broders Kritik an der liberalen Flüchtlingspolitik seit 2015 ein exzellentes Beispiel. Den Linken und der Bundesregierung sagt er klare Worte zu den Fehlsteuerungen, die er ausmacht. Angst vor Fürstenthronen ist ihm dabei fremd. Der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus ausgerechnet dem Juden mit Migrationshintergrund gegenüber ist lächerlich. Er funktioniert trotzdem oft genug. Nicht gegen Flüchtlinge schreibt er, sondern gegen eine als falsch erkannte Politik. Den Unterschied scheint man heute nicht mehr zu verstehen.

Preiswürdig ist Henryk M. Broders publizistische Tätigkeit und sein Einsatz für die Wahrheit allemal. Neben zahlreichen Auszeichnungen in der Vergangenheit sollte ihm vor kurzem der Johann-Heinrich-Voß-Preis für Literatur und Politik verliehen werden. Eine Kampagne warf dem Preisträger vor, Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen und die Gesellschaft zu spalten. Die Wogen in der Öffentlichkeit gingen hoch, dass ausgerechnet dieser Publizist als Persönlichkeit geehrt werden sollte, die sich um Humanismus, Aufklärung, Menschlichkeit und Freiheit verdient gemacht habe. Broder lehnte den Preis ab und erklärte, sich gegen die Kampagne gegen ihn zu wehren, sei ihm zu anstrengend. Damit blieb er sich treu.

So wirkt es fast wie einen Anerkenntnis dieser Aufrichtigkeit, dass es nun doch noch einen Preis gab, mit dem der 71-Jährige jüngst ausgezeichnet wurde. Am 28. Mai 2018 nahm Henryk M. Broder den Scopus Award der Hebräischen Universität Jerusalem entgegen. Die Auszeichnung ehrt Menschen für „herausragendes Engagement zum Wohle der Hebräischen Universität, des Staates Israel, des jüdischen Volkes und der Menschheit“. Die Laudatio hielt der Schriftsteller Leon de Winter. Henryks Artikel seien dank seines beißenden Sarkasmus ein reines Vergnügen, so der Laudator. „Sie sind oft ausgesprochen witzig und im Vergleich zu so manchem seiner Kollegen immer sehr präzise und eindeutig.“ Damit ist das Wirken des Journalisten und Publizisten Henry M. Broder perfekt zusammengefasst.

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